Azupoli
Die Fachkraft für Arbeitssicherheit zeigt zwei Auszubildenden des Penny Markts das sichere Entnehmen von Blechen aus dem Backofen. © Dehli-News / Frank Dehlis

Gesundes Arbeiten in der Schlossallee

Gerade im Umgang mit Auszubildenden, die sich im neuen Arbeitsumfeld erst noch orientieren müssen, ist ein lockerer Umgang wichtig. Deswegen setzt Penny mit „Azupoly“ auf Spaß und Spannung, wenn es um die Sicherheit und Gesundheit bei der Arbeit geht.

Michael Wagner ist konzentriert. Die Papierpresse im hinteren Teil des Penny-Marktes im sächsischen Annaberg, die entfernt an einen Altkleidercontainer erinnert, arbeitet einwandfrei. Der Auszubildende tat sich zunächst schwer damit, das Gerät zu bedienen, doch mittlerweile geht er sicher mit der Presse um. Er weiß: Ein Fehlgriff kann unangenehme Folgen haben. Denn die Pappballen, die die Presse unten ausspuckt, sind mit einem Draht umspannt. Liegt dieser nicht richtig an, muss er mit der Hand nachgezogen werden. „Das ist manchmal etwas schwierig“, sagt der 19-Jährige. Vorsicht ist also angesagt.

Unterhaltung mit Anspruch

Der Auszubildende weiß genau, wo er anfassen kann, ohne dass ihm etwas passiert. Denn der bewusste und sichere Umgang mit einer Maschine ist etwas, auf das die Penny-Märkte bei ihren Azubis Wert legen. Seit drei Jahren vermittelt der Lebensmitteldiscounter die Themen Sicherheit und Gesundheit bei der Arbeit spielerisch und interaktiv. Ein Arbeitskreis, der sich mit der Weiterentwicklung von Schulungsunterlagen beschäftigt, hat in Anlehnung an den Bestseller „Monopoly“ das digitale Spiel „Azupoly“ entwickelt. Mit dem Unterschied, dass die Straßen durch Themen aus der Arbeitssicherheit und Gesundheitsförderung ersetzt wurden. In Filmen oder Minipräsentationen werden die Inhalte vermittelt und bei Gruppenarbeiten werden die Teilnehmerinnen und Teilnehmer immer wieder aktiv eingebunden. Am Ende des „Azupoly“-Seminars testen die Auszubildenden bei einem „Quizduell“ noch einmal als Lern- und Erfolgskontrolle ihr Wissen.

Spielend sicher

Bei Michael Wagner hat das „Azupoly“-Seminar einen bleibenden Eindruck hinterlassen. Wenn er einen schweren Karton anhebt, erinnert er sich an die Folien mit den Haltungstipps. Er achtet darauf, in die Knie zu gehen und aus einem geraden Rücken heraus zu heben. Auch die Auszubildende Celine Winkler aus dem Markt in Chemnitz weiß seit dem „Azupoly“-Seminar, wie sie Kartons sicher öffnet. Beim „Azupoly“-Spielen im Grundseminar hat sie einen Film gesehen, der genau zeigt, wie das Sicherheitsmesser zu halten und zu führen ist – und dass kein anderes Messer benutzt werden sollte. „Denn die Klinge schnappt automatisch zurück, wenn man das Messer aus dem Karton herauszieht“, erklärt die 20-Jährige.

Der Film beschreibt das Arbeiten mit dem Sicherheitsmesser im Detail – nicht ohne Grund, wie Sylvia Weigel berichtet: Als Fachkraft für Arbeitssicherheit, Präventionsberatung und Gesundheitsmanagement war sie maßgeblich an der Entwicklung des „Azupoly“-Seminars beteiligt. Sie erklärt: „Der Umgang mit neuen Geräten und Situationen birgt ein hohes Gefahrenpotenzial. Hierfür wollen wir unsere Azubis sensibilisieren.“

Die Herausforderung, der sich die Expertinnen und Experten hierbei gestellt haben, war nicht ganz einfach: Sie wollten jungen Menschen eine trockene Materie auf interessante Art und Weise erlebbar machen. „Bei einer üblichen Unterweisung bleibt oft nicht viel hängen“, erläutert Weigels Kollege Eckhard Held. Bei einem Spiel ist das anders. Das kann die angehende Einzelhandelskauffrau Celine Winkler nur bestätigen: „Mir hat ‚Azupoly‘ riesigen Spaß gemacht und ich konnte mir die Inhalte wirklich gut merken.“ Die positiven Reaktionen der Auszubildenden zeigen, dass die Verantwortlichen ihr Ziel erreicht haben. 2015 wurde Penny von der Berufsgenossenschaft Handel und Warenlogistik (BGHW) für sein Konzept deshalb auch mit dem Präventionspreis ausgezeichnet.

Wissenschaftlich fundiert

Die Wissenschaft stützt den Ansatz, mit dem das Unternehemen seine Auszubildenden und die BGHW überzeugt. Die Studentin Anne Oppermann arbeitet im Bereich „Arbeit und Gesundheit“ bei der Rewe-Group in Köln, zu der die Penny-Märkte gehören. Sie hat „Azupoly“ im Rahmen ihres Masterstudiengangs Wirtschaftspsychologie für den Einsatz an Bildschirmarbeitsplätzen in der Rewe-Group-Zentrale angepasst. Die Wirtschaftspsychologin zieht ein positives Fazit: „Die interaktive und kreative Form erzeugt nicht nur ein besseres Verständnis, sondern vergrößert auch deutlich die Akzeptanz der Regelungen.“ Spielerisches Lernen trage außerdem dazu bei, dass die Teilnehmer nicht so schnell ermüden. Zentral ist für Anne Oppermann eine Studie, die belegt, „dass wir nur 10 Prozent der Informationen behalten, wenn wir sie lesen, 90 Prozent jedoch, wenn wir sie in der Praxis umsetzen“. Beim „Azupoly“-Spielen werden die Auszubildenden selbst aktiv, dies erklärt auch, warum sie sich an zahlreiche Details erinnern können.

Unbekannte Gefahren. Die Wichtigkeit von Sicherheit und Gesundheit bei der Arbeit frühzeitig ins Bewusstsein zu rufen, ist ein Anliegen der Rewe-Group. Jugendliche sind im Beruf und in der Freizeit besonders gefährdet, weil sie oft eine hohe Risikobereitschaft besitzen. Zudem können sie Gefahren häufig noch nicht richtig einschätzen. Dass man beim Bedienen des Backofens Schutzhandschuhe tragen muss, um sich nicht zu verbrennen, war Michael Wagner beispielsweise klar. Dass man sich jedoch auch an der Tiefkühltheke verbrennen kann, das war ihm nicht bewusst. Außer durch Unwissen entstehen Unfälle auch oft durch Unachtsamkeit. Die DGUV verzeichnete für das Jahr 2015 mehr als 120.000 meldepflichtige Arbeits- und Wegeunfälle bei jungen Berufstätigen bis 25 Jahre. Das sind fast 16 Prozent aller meldepflichtigen Unfälle.

Verantwortung übernehmen

Penny integriert seine Auszubildenden nicht ohne Grund von Beginn an in die Arbeitssicherheit: Denn das Unternehmen bildet junge Menschen mit der Perspektive aus, dass diese selbst einmal Führungspositionen innehaben. „Da ist es wichtig, dass sie früh lernen, Verantwortung für sich und andere zu übernehmen“, schildert die Sachgebietsleiterin Learning/Human Resources National Nadja Lehmann. Das Thema Verantwortung spielt deshalb in allen Bereichen eine große Rolle. Darüber hinaus hat das Unternehmen seine Azubis in das gesamte Betriebliche Gesundheitsmanagement (BGM) eingebunden. „Alle Programme richten sich auch an unsere Auszubildenden“, berichtet Roland Kraemer, Funktionsbereichsleiter Arbeitssicherheit und Gesundheitsschutz bei der Rewe-Group.

Lockere Atmosphäre

Mit „Azupoly“ erreichen die Verantwortlichen zudem einen weiteren Effekt: Wenn Sylvia Weigel oder Eckhard Held einen Markt besuchen, werden sie von den Azubis in der Regel sofort erkannt. Die Basis für dieses Vertrauen legen die Fachkräfte für Arbeitssicherheit vor allem im Grundlagenseminar. „Azupoly“ hilft ihnen hierbei ungemein. Die spielerische Atmosphäre während der Seminare und Schulungen erzeugt Spaß und Spannung, obwohl es sich um ein ernsthaftes Thema handelt.

In den Seminaren stellt sich zudem oftmals ein Aha-Effekt ein, wenn Gefahren erkannt werden, obwohl man selbst noch nicht einer bestimmten Gefahr ausgesetzt war. Michael Wagner erinnert sich in diesem Zusammenhang an ein Video zum Thema Brandschutz: Der Film zeigte, wie man sich im Ernstfall zu verhalten hat und wie wichtig es ist, sich rechtzeitig in Sicherheit zu bringen. Ein Thema, mit dem er bisher noch nichts zu tun hatte, das ihm jetzt jedoch präsent ist.

Gefahren erläutern

„Wenn die Basis stimmt, merken die Azubis, dass alles eigentlich ganz locker ist“, sagt Eckhard Held. Genau diese Basis hat viel mit Kommunikation zu tun. Einem jungen Menschen eine Anweisung zu geben, ohne dass dieser den Sinn oder die Notwendigkeit erkennt, geht in der Regel am Ziel vorbei. Sylvia Weigel dreht deswegen oft den Spieß um und lässt sich von den Auszubildenden die Arbeitsweise einer Maschine beschreiben und die Gefahren erläutern. „Wenn ein Azubi ein Gerät erklären kann, dann ist er dabei“, sagt sie. Dies hat sie übrigens auch so mit Michael Wagner an der Papierpresse gemacht.