Unfallprävention
Forstarbeiter bei der Arbeit © Markus Breig

Hinschauen, dazulernen, miteinander reden

Bei der Forstarbeit sind die Unfallgefahren vielfältig und ständig präsent. Wegweisend ist hier der Ansatz von Landesforsten Rheinland-Pfalz: Bei sogenannten Risiko-Lerngängen werden Gefahren und vor allem Lösungen sofort thematisiert. Der Weg zur Weiterentwicklung der Sicherheitskultur führt über den konstruktiven Austausch.

Fest, routiniert und sicher hält Daniel Weilemann die Motorsäge in den Händen. Knapp über dem Boden schneidet er aus dem Stamm einer 35 Meter hohen Buche einen Fallkerb heraus. Die Säge heult auf, während Weilemann den Schnitt gekonnt bis zur richtigen Tiefe ins Holz führt. Der aufgezogene Gehörschutz bewahrt den Forstwirt vor dem Lärm, der durchs Gelände hallt. Mit geübten Schnitten entfernt Weilemann die Wurzelanläufe, um dann den abschließenden Fällschnitt ansetzen zu können. „Perfekte Arbeit“, lobt Manfred Knoll. Er arbeitet als Forstwirtschaftsmeister und Technischer Produktionsassistent am Forstamt Bienwald im rheinland-pfälzischen Kandel. Gemeinsam mit seinem Kollegen Thomas Müller beobachtet er Weilemann beim Fällen der Buche.

Mehr als ein Audit

Dass er heute bei der Arbeit so genau in den Blick genommen wird, stört Daniel Weilemann keineswegs. Er hat schon eine ganze Reihe sogenannter „Risiko-Lerngänge“ hinter sich, bei denen Sicherheitsfachleute von Landesforsten Rheinland-Pfalz den Forstwirten einmal monatlich über die Schulter schauen. Die „Risiko-Lerngänge“ sind Teil einer veränderten Sicherheitskultur. Seit mittlerweile sieben Jahren ist der Landesbetrieb dabei, mit den „Risiko-Lerngängen“ die Zahl der Arbeitsunfälle sowie den Arbeitsausfall zu reduzieren. Anders als bei einer üblichen Begehung, einer Überprüfung oder eines Audits stehen hier nicht die Dinge im Fokus, die falsch, sondern die richtig gemacht werden. „Wir legen unser Augenmerk auf die sicheren Handlungen und Verhaltensweisen, um diese zu verstärken.Hierdurch stellen wir die Arbeitssicherheit in einen positiven Kontext“, schildert Martin Grill, Sicherheitsfachkraft bei Landesforsten Rheinland-Pfalz. Deshalb vermeidet man es bei den Terminen auch, von „richtig“ oder „falsch“ zu sprechen. Stattdessen wird das Wortpaar „sicher/unsicher“ benutzt. Und auch hier überwiegt der positive Kontext: Wenn Martin Grill und seine Mitstreiter bei den „Risiko-Lerngängen“ eben jene unsicheren Handlungen und Zustände hinterfragen, die ihnen beim Beobachten auffallen, dient das weniger als Basis für Kritik, sondern zum Aufzeigen von Verbesserungspotenzial. Die Sicherheitsfachleute selbst nehmen hier die Haltung von Lernenden ein, indem sie sich Verhaltensweisen erklären lassen und den Dingen auf den Grund gehen. Ihre leicht nachvollziehbare These lautet: Je kleiner die Bandbreite von unsicheren Handlungen und Zuständen, desto geringer ist auch die Unfallwahrscheinlichkeit.

Eine Frage der richtigen Technik

Waldarbeiter bei der Arbeit © Markus Breig Hier stimmen sowohl die Schneidetechnik als auch der ergonomische Stand.

Was Forstwirtschaftsmeister Manfred Knoll beim Ortstermin in Kandel an der Arbeit von Daniel Weilemann so lobend hervorhebt, wird beim anschließenden Resümee deutlich: Der Fallkerb, den Weilemann geschnitten hat, ist praktisch wie aus dem Lehrbuch, zum Beispiel weil Sohlen- und Dachschnitt exakt aufeinander treffen. Die Männer im Bienwald arbeiten nach dem Prinzip der „Königsbronner Anschlagtechnik“, bei der der Baum bis zum Schluss stabil stehen bleibt. Das verspricht natürlich einen Sicherheitsgewinn. Die Buche stürzt erst, wenn Daniel Weilemann in sicherer Entfernung steht und der Schlepper den Baum mit der Seilwinde kontrolliert umzieht. Zuvor aber musste Weilemann mit seiner Motorsäge noch die sogenannte Bruchleiste ausformen. Und auch hier erntet er anerkennendes Kopfnicken von den Beobachtern. Weilemann geht in die Knie, um einen sicheren und ergonomischen Stand zu haben, das Sägeschwert führt er leicht quer in den Stamm ein, um einen Rückschlag zu vermeiden. Zum Schluss wird der Baum nur noch durch ein Halteband gehalten. Doch bewegt hat er sich noch nicht. Für den Sicherheitsfachmann Martin Grill ist das der entscheidende Punkt: „Solange der Baum ruhig stehen bleibt, ist die Gefahr gering, dass Äste herabfallen.“ Dann würde es nämlich richtig gefährlich werden: Auch wenn im Bienwald selbstverständlich Helme und weitere Persönliche Schutzausrüstung getragen werden, wäre ein Ast mit einer Länge von einem Meter und einem Durchmesser von fünf Zentimetern, der aus mehreren Metern herunterfällt, in der Lage, einen Menschen lebensgefährlich zu verletzen. Mit der beschriebenen Sicherheitsfälltechnik, die bei Landesforsten Rheinland-Pfalz vor fünf Jahren zum Standard wurde, konnte diese Gefährdung entscheidend reduziert werden.

Verbesserungen sofort aufgezeigt

Die beiden „Lerngänger“ Manfred Knoll und Thomas Müller gehen bei ihrer Beobachtung sehr genau vor. Dass sie heute viel zu loben haben, ist bereits angeklungen. Da sie aber wirklich alles in den Blick nehmen, finden sie auch eine Sache, die sie hinterfragen: Im Rückweichbereich – also sozusagen auf dem Fluchtweg für die Mitarbeiter, wenn der Baum fällt – sollte eigentlich ein rotes Tuch in einer Entfernung von sechs bis neun Metern ausgelegt werden, an dem sich die Arbeiter beim Zurückweichen orientieren können. Daniel Weilemann hat in diesem Fall auf das Tuch verzichtet, weil er seinen Kollegen Michael Hahn als Fixpunkt nimmt, der per Fernbedienung den Schlepper steuert. Mit seiner Signalkleidung ist Hahn als „Sichtmarke“ im Rückweichbereich deutlich zu erkennen. Von daher ist die Argumentation für die Beobachter Knoll und Müller gut nachvollziehbar. Allerdings: Es funktioniert nur in Situationen, wo tatsächlich ein Schlepper eingesetzt wird. Das anschließende Gespräch über eine mögliche Verbesserung der Sicherheit verläuft unaufgeregt und konstruktiv. Auch Daniel Weilemann ist damit sehr zufrieden: „Lobende Worte motivieren, aber ich bin auch für weitere Anregungen immer offen.“ Wobei Martin Grill hinzufügt: „Wenn das Rückweichtuch, was hier tatsächlich nicht angewendet werden muss, das Einzige ist, das uns bei einer gefährlichen Arbeitssituation mit tonnenschweren Stämmen und technischem Gerät auffällt, dann ist das wirklich gelebte Arbeitssicherheit auf ausgesprochen hohem Niveau.“ Es ist naheliegend, dass Arbeitsunfälle und ihre Vermeidung in der Forstwirtschaft schon immer ein großes Thema waren: Morsche Äste in den Baumkronen, Stolperfallen auf dem Waldboden oder der anspruchsvolle Umgang mit gefährlichen Gerätschaften wie Motorsäge und Seilwinde – all das sind Herausforderungen für die Sicherheit bei der Arbeit. Hinzu kommen mögliche gesundheitliche Folgen von Witterungseinflüssen, denen die Forstwirte ausgesetzt sind.

Sicherheitskultur weiterentwickeln

Dr. Hermann Bolz, Direktor von Landesforsten Rheinland-Pfalz © DGUV Dr. Hermann Bolz, Direktor der Landesforsten Rheinland-Pfalz

Landesforsten Rheinland-Pfalz hat stets großes Augenmerk auf Sicherheit und Gesundheit gelegt. Trotz großer Anstrengungen war es aber lange Zeit so, dass die Zahl der Unfälle zwar gesenkt werden konnte, jedoch nicht so deutlich wie gewünscht. Auch als man begann, Sicherheits­trainer einzusetzen, die die Mit­arbeiter bis heute regelmäßig fortbilden, als man den Akkord- durch einen Zeitlohn ersetzte und bei Seminaren Aufklärungs­arbeit leistete, brachte das noch nicht den durchschlagenden Erfolg. Wo sollte man also ansetzen? „Es funktioniert nur, wenn alle eingebunden sind, die durch ihr Tun oder auch Nichttun zu einem Unfall beitragen“, erklärt Martin Grill. Deshalb startete Landes­forsten mit Unterstützung der Unfall­kasse Rheinland-Pfalz den Prozess „Weiterentwicklung der Sicherheits­kultur zur Verbesserung der Arbeits­sicherheit“ und schulte ausgewählte Führungskräfte und Arbeits­sicherheits­fach­kräfte als Multiplikatoren. Ziel ist die Bildung einer „Ver­antwortungs­gemeinschaft Arbeits­sicherheit“ (vgl. Interview), in der alle Beschäftigten ihre Rolle kennen und wahr­nehmen. Das zeigt sich beispielsweise daran, dass auch der Direktor von Landesforsten Rheinland-Pfalz, Dr. Hermann Bolz, sich die Zeit nimmt, selbst „Risiko-Lerngänge“ durchzuführen.

Auch beim „Risiko-Lerngang“ im Bienwald wurde deutlich, dass die Weiterentwicklung der Sicherheitskultur alle Ebenen erreicht hat. Die Forstwirte absolvierten ihre Arbeitsschritte besonnen und professionell. An zahlreichen Details konnte Martin Grill erkennen, dass sie die Arbeitssicherheit verinnerlicht haben. Sei es, dass sie die Äste des gestürzten Baumes zunächst nicht direkt am Stamm abschneiden. Sei es, dass sie an ihren Motorsägen die Kettenbremse einlegen, wann immer sie die Arbeit kurz unterbrechen. Die Erkenntnisse aus dem „Risiko-Lerngang“ werden nun in den anstehenden dienstlichen Besprechungen bei Landesforsten Rheinland-Pfalz thematisiert – damit die gesamte „Verantwortungsgemeinschaft Arbeitssicherheit“ sie nutzen kann.