Interview
Prof. Dr. Dirk Windemuth © Stephan Floss Fotografie

„Laiendiagnostik geht immer schief“

Prof. Dr. Dirk Windemuth
Psychologe und Leiter des Instituts für Arbeit und Gesundheit der DGUV (IAG) in Dresden im Gespräch mit „arbeit & gesundheit“.

Herr Professor Windemuth, jeder hat sich schon einmal gedacht „Mensch, bin ich gestresst“. Sind wir alle burnoutgefährdet?
Nein, das sind wir zum Glück nicht. Wenn Menschen nie Stress hätten, wäre einiges nicht in Ordnung. Überhaupt kein Stress wäre auch nicht gut für die Gesundheit. Kurzfristiger Stress ist also völlig okay. Auch über Wochen und wenige Monate andauernder Stress ist nicht gleich tragisch, wenn ein Ende realistisch absehbar ist und ausgleichende Bedingungen, wie beispielsweise eine gute Kollegialität, gegeben sind. Wenn Menschen aber dauerhaft gestresst sind und auch keine Ruhe und Entspannung mehr finden, dann steigt die Wahrscheinlichkeit für Burnout an. Aber auch hier müssen wir relativieren: Burnout ist hinsichtlich der Häufigkeit des Auftretens bei weitem keine Volkskrankheit und hat wie jede psychische Erkrankung mehrere Ursachen. Die Arbeit kann eine dieser Ursachen sein. Dennoch ist Burnout mit sehr viel Leid für alle Betroffenen und deren Freunde und Angehörige verbunden und muss sehr ernst genommen werden.

Hin und wieder fühlt man sich einfach irgendwie verstimmt. Worin liegt der Unterschied zu einem Burnout?
Eine Verstimmung ist etwas völlig Normales. Kritisch ist es eher, wenn jemand keine Stimmungsschwankungen hat. Zentrale Merkmale des Burnout sind körperliche und geistige Erschöpfung. Dies zeigt sich zum Beispiel in erhöhter Reizbarkeit oder reduziertem Antrieb. Auch innere Distanzierung von der Arbeitstätigkeit, oftmals erkennbar durch Abgestumpftheit gegenüber der Arbeit oder auch als Zynismus gegenüber Kunden oder Kollegen, und die wahrgenommene reduzierte eigene Leistungsfähigkeit können Anzeichen sein.

Wie sollen wir uns denn verhalten, wenn wir meinen, Anzeichen für psychische Probleme bei einer Kollegin oder einem Kollegen zu erkennen?
Hier gilt: Vorsicht! Kollegen und Vorgesetzte sind keine Psychotherapeuten, sie dürfen keine „Diagnostik“ betreiben. Kollegiale Laiendiagnostik ist unfair und geht immer schief. Es gilt wie bei anderen psychischen Problemen: Man kann anderen Menschen mitteilen, dass sie verändert wirken, und das konkret beschreiben. Dann kann man noch die Hand reichen und ganz allgemein Hilfe anbieten. Aber die Diagnostik und Therapie muss man Psychotherapeuten oder auch Psychiatern überlassen.