Erholungsfähigkeit
Man liest ein Buch im Freien © finwal

Zum Entspannen braucht es Pausen

Rückenschmerzen, innere Unruhe, schlechter Schlaf: Symptome wie diese können Anzeichen dafür sein, dass alles zu viel wird. Beschäftigte, die dauernd auf Hochtouren laufen und ständig erreichbar sind, haben es schwer, abzuschalten. Pausen und Auszeiten sind wichtig, um zur Ruhe zu kommen.

Die Anforderungen der modernen Arbeitswelt sind längst allgegenwärtig. Beispielsweise ist es für viele Menschen selbstverständlich, zeitweise im Homeoffice tätig zu sein oder an wechselnden Einsatzorten sowie auf Reisen zu arbeiten. All das erfordert ein hohes Maß an Kommunikationsfähigkeit und setzt häufig voraus, bestens erreichbar zu sein. Auf der anderen Seite kann etwa der Arbeitsplatz in den eigenen vier Wänden die Möglichkeit schaffen, Privat- und Berufsleben besser zu vereinen oder den Arbeitsweg einzusparen. Wenn jedoch Arbeit und Privatsphäre räumlich und zeitlich nicht mehr klar voneinander getrennt sind, besteht die Gefahr, dass Beschäftigte die notwendigen Erholungsphasen ignorieren. Nicht wenige Menschen haben das Problem, sich nicht genügend von der Arbeit distanzieren zu können. „Dann können sie in der Regel auch nicht gut abschalten“, sagt Nicole Lazar. Die Psychologin am Institut für Betriebliche Gesundheitsförderung der AOK Rheinland-Hamburg ist Mitautorin des iga.Reports 34 „Regeneration, Erholung, Pausengestaltung – alte Rezepte für moderne Arbeitswelten?“, der von der Initiative Gesundheit und Arbeit (iga) herausgegeben wird. In der iga arbeiten Krankenkassen und gesetzliche Unfallversicherung zusammen, um ihre Präventions- und Interventionsansätze im Arbeitsschutz und in der Betrieblichen Gesundheitsförderung weiterzuentwickeln.

Selbstmanagement praktizieren

Pause machen, einfach mal abschalten und sich regenerieren – mit einer vermeintlich notwendigen ständigen Erreichbarkeit ist das schlecht zu vereinbaren. Und das Thema betrifft heute sehr viele Beschäftigte: Bei einer Infratest-Erhebung etwa gaben 58 Prozent der Befragten an, auch außerhalb ihrer Arbeitszeiten für den Arbeitgeber erreichbar zu sein. Bei einer iga-Umfrage schilderten 22 Prozent, dass von ihnen erwartet würde, erreichbar zu sein. Manch einen mag das nicht weiter stören: Zweifellos gibt es Menschen, denen es subjektiv gut tut, permanent erreichbar zu sein. Inwiefern Erreichbarkeit zu einer Belastung wird, hängt vom jeweiligen Maß und nicht selten von den Beschäftigten selbst ab. „Manche Menschen denken, dass sie immer erreichbar sein müssen, auch wenn es von ihnen nicht erwartet wird“, schildert Dr. Frauke Jahn, Psychologin am Institut für Arbeit und Gesundheit der Deutschen Gesetzlichen Unfallversicherung (IAG). Selbstmanagement lautet hier das Stichwort. Konkret: sich festzulegen, wann das Smartphone ausgeschaltet bleibt, um etwa Sport zu treiben, ins Theater zu gehen oder sich mit Freunden zu treffen.

Die Bedeutung dieser Phasen ist groß: „Auszeiten von der Arbeit sind wichtig, da in diesen Phasen unter anderem Lernprozesse stattfinden. Sie fördern zudem die Kreativität und die sozialen Kontakte“, betont Nicole Lazar. Dies gilt ausdrücklich auch für Pausen während eines Arbeitstages. Doch die Erfahrung zeigt, dass nur wenige Menschen Erholungsphasen in ihren Tag einplanen. Laut iga sind es weniger als 20 Prozent.

Die „komplementäre“ Pause

Die Expertinnen empfehlen Unternehmen, darauf zu achten, dass die Beschäftigten ihre Pausen auch wahrnehmen. „Wer langfristig gesund arbeiten möchte, muss sich erholen“, betont Nicole Lazar. Auch zwischendurch. Erinnerungstools auf dem Bildschirm können hierbei ebenso hilfreich sein wie Vorgesetzte oder Sicherheitsbeauftragte, die ihre Kolleginnen und Kollegen daran erinnern, dass die Frühstückspause anfängt. Angenehm gestaltete Pausenräume tragen ebenso zur Akzeptanz von Pausen bei wie Entspannungsecken und Kommunikationsinseln. Wissenschaftler raten, Pausenräume komplementär zur Arbeitsaufgabe auszustatten. Ein Beispiel: Beschäftigte, die während der Arbeit sitzen, können die Möglichkeit erhalten, die Pause im Stehen zu verbringen. Wer körperlich arbeitet, wird sich hingegen darüber freuen, in der Pause die Beine hochlegen zu können. Nicole Lazar erinnert sich an ein Unternehmen, das um sein Werk herum einen Spazierweg angelegt hat, um einen Ausgleich zum Kunstlicht innerhalb der Halle zu ermöglichen. Der Effekt war positiv. „Der Blick ins Grüne und die frische Luft sind in diesem Fall wichtig für das Wohlbefinden“, so die Psychologin.

Offline-Gehen erlaubt

Arbeitgeber können erheblich dazu beitragen, dass sich ihre Beschäftigten außerhalb der normalen Arbeitszeiten nicht mehr mit dienstlichen Fragen beschäftigen müssen. So kann ein Unternehmen beispielsweise seinen Beschäftigten die Weiterleitung von E-Mails auf das Diensthandy nach Feierabend kappen. Eine weitere Möglichkeit besteht darin, dass Mitarbeitende während ihrer Abwesenheit E-Mails löschen lassen und den Absender über ihre Vertretung informieren. Wenn es sich nicht vermeiden lässt, außerhalb der Arbeitszeit erreichbar zu sein, sollten zumindest die Erwartungen geklärt und verbindliche Regeln vereinbart werden. „So lassen sich Unterbrechungen der Erholungszeit vermeiden und ein Abschalten von der Arbeit wird möglich“, erklärt Dr. Frauke Jahn.

Der iga.Report 34 hat an dieser Stelle eine ganz konkrete Empfehlung: Wie wäre es mit einem „Smartphone-und-Co-Knigge“ für das Unternehmen? Darin können Arbeitgeber und Beschäftigte gemeinsam Richtlinien zum Umgang mit dem Thema Erreichbarkeit in Pausen und nach Feierabend aufstellen.

www.iga-info.de

iga.Report 34