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#nachgefragt: Präventionskultur am Filmset
Auch auf Bühnen und an Filmsets greifen die Maßnahmen des klassischen Arbeitsschutzes, wie beispielsweise die Gefährdungsbeurteilung. © Christof Knops
Arbeitswelt

#nachgefragt: Präventionskultur am Filmset

„Die größten Gefährdungen resultieren aus Zeitdruck und Stress“, meint Holger Schumacher, Sicherheitsberater für Stunts und andere gefährliche Dreharbeiten an Filmsets.

Datum: 05.11.2021

Kürzlich ereignete sich an einem amerikanischen Filmset ein tragischer Vorfall: Der Schauspieler Alec Baldwin erschoss während der Dreharbeiten für einen Western eine Kamerafrau, der Regisseur wurde schwer verletzt. Auch bei deutschen Drehs passieren immer wieder Unfälle – eine gute Präventionskultur hilft, diese zu vermeiden.

Wie es hierzulande um die Sicherheit bei der Arbeit in der Unterhaltungsbranche bestellt ist, erklärt Holger Schumacher, Sicherheitsberater für Stunts und andere gefährliche Dreharbeiten an Filmsets, im #nachgefragt-Interview.

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Holger Schumacher ist Sicherheitsberater für Stunts und andere gefährliche Dreharbeiten an Filmsets. © Julian Engels

Ist ein solcher Vorfall mit einer Schusswaffe, wie er kürzlich am Set des Films „Rust“ in Kalifornien passiert ist, auch in Deutschland vorstellbar?

Ausschließen würde ich das nicht, halte es aber für extrem unwahrscheinlich. Möglicherweise spielte die größere Affinität der Amerikaner zu Waffen eine Rolle dabei, wie es zu dem Unfall kommen konnte. Diese gibt es bei uns in der Form nicht; der Umgang mit Waffen ist professionalisierter.

Hinzu kommt: Wir haben hier sehr hohe Standards beim Hantieren mit gefährlichen Gegenständen an Filmsets oder auf der Bühne. Werden bei einem Dreh Waffen eingesetzt, muss immer jemand am Set sein, der sich damit auskennt, beispielsweise ein Waffenmeister oder eine speziell geschulte Requisiteurin. Natürlich gibt es auch bei amerikanischen Produktionen Regeln für den Umgang mit Waffen, sie müssen aber auch eingehalten werden.

In Deutschland werden vorrangig Schreckschusswaffen verwendet. Werden echte Waffen eingesetzt, müssen sie speziell umgebaut sein, dafür gibt es genaue Vorschriften. Scharfe Munition darf es an deutschen Filmsets überhaupt nicht geben. Grundsätzlich müssen sowohl die Waffen als auch die Munition zertifiziert sein. Vor jedem Gebrauch müssen die Leute in die Benutzung der Schusswaffe ein- bzw. unterwiesen werden. Dabei wird die Waffe vor den Augen der sie benutzenden Person noch einmal kontrolliert und ihre Funktionsweise erklärt.

Zudem ist es ein absolutes No-go, die Waffe auf Personen zu richten. Usus dagegen ist, immer knapp daneben zu zielen. Überhaupt wird an Sets immer seltener geschossen, weil man den Schuss mittlerweile digital auch sehr gut darstellen kann.

Wie wird ein größtmögliches Maß an Sicherheit in der deutschen Unterhaltungsbranche sichergestellt?

Auch auf Bühnen und an Filmsets greifen die Maßnahmen des klassischen Arbeitsschutzes, wie beispielsweise die Gefährdungsbeurteilung – das ist in der Unterhaltungsbranche nicht anders als an anderen Arbeitsplätzen auch. Bei Dreharbeiten zum Beispiel wird zunächst beurteilt, wo die Gefahren für das komplette Set liegen. Diese Bestandsaufnahme wird an die Dispo, also den Drehplan für den jeweiligen Tag, angehängt.

Gerade bei gefährlichen Szenen, in denen Stunts oder Schusswaffen vorkommen, gibt es außerdem noch die prozessbezogene Gefährdungsbeurteilung. Anders als an anderen Arbeitsplätzen ist es bei uns Stuntleuten nun einmal so, dass kein Stunt wie der andere ist. Daher muss auch die Gefährdungsbeurteilung individuell sein.

Wo sehen Sie die größten Gefahren für Sicherheit und Gesundheit für die in der Unterhaltungsindustrie Mitwirkenden?

Die größten Gefährdungen resultieren meist aus Zeitdruck und Stress. Gerade an Filmsets sind die Tage sehr vollgepackt. Außerdem arbeiten bei großen Produktionen viele Gewerke zusammen, die aufeinander abgestimmt sein müssen. Hier besteht die Gefahr, dass unter Umständen zu wenig oder falsch kommuniziert wird. Außerdem kann es vorkommen, dass Gefährdungsbeurteilungen zwar gemacht, aber nicht ernst genug genommen werden.

Sie sprachen an, dass sich an Filmsets viele Menschen abstimmen müssen, die nur temporär für die Dauer eines Drehs zusammenkommen. Wie wird in diesen Fällen der Arbeitsschutz koordiniert?

Bei jeder Produktion gibt es im Hintergrund eine Fachkraft für Arbeitssicherheit. Diese ist aber in der Regel nicht am Set. Vor Ort ist oft die Aufnahmeleitung für die Sicherheit und Gesundheit der Mitwirkenden zuständig. Diese Kolleginnen und Kollegen stehen in Kontakt mit allen Gewerken und sind die Schnittstelle zur Produktionsleitung.

Gerade an Filmsets, an denen gefährliche Szenen gedreht werden, gibt es in der Regel zusätzlich einen Stuntkoordinator oder einen so genannten Set Safety. Diese Person hat Expertise bei Stunts, kennt die Gefährdungslage, instruiert alle Mitwirkenden und weiß, worauf es ankommt. Da sie keine anderen Aufgaben bei der Produktion hat, gerät diese Person auch in keinen Interessenkonflikt. Eine solch unabhängige Person flächendeckend an allen Filmsets zu installieren, ist mein Wunsch. Das würde viel für die Prävention tun.

Wie schätzen Sie die Sicherheitslage und die Bemühungen um den Arbeitsschutz an deutschen Filmsets generell ein?

Das ist natürlich von Produktion zu Produktion sehr unterschiedlich, aber generell schon sehr hoch. In den Führungsetagen von Filmproduktionen ist die Bedeutung von Sicherheit bei der Arbeit auf jeden Fall angekommen. Natürlich geht manches in der Hektik eines Drehtages auch mal unter. Dann wird improvisiert und vorher nicht über die Risiken nachgedacht. Gerade darum ist es so wichtig, dass an Filmsets eine Kultur der Sicherheit etabliert ist – wie in jedem anderen Unternehmen auch.

Durch welche Faktoren erreicht man einen optimalen Sicherheitsstandard, vor allem auch bei gefährlichen Szenen?

Am Anfang steht immer die Gefährdungsbeurteilung. Die müssen alle nicht nur kennen, sondern auch leben. Daran schließt im Grunde alles andere an: Es muss sichergestellt sein, dass sich alle Abteilungen miteinander austauschen. Im Idealfall sind diese Kommunikationswege standardisiert und feste Rituale etabliert. Im Vorfeld sollte man Szenen noch einmal durchgehen und vielleicht sogar visualisieren.

Karambolagen beispielsweise stellen wir vor dem Dreh mit Spielzeugautos dar. Vor besonders gefährlichen Szenen kommt das Stuntteam noch einmal zusammen und tauscht sich aus: Geht es jedem gut? Hat irgendwer noch Bedenken? Ist noch etwas unklar? Nach dem Dreh sollte man noch einmal rekapitulieren, was gut gelaufen ist oder eben nicht. Letztlich lernt man aus Fehlern auch für den nächsten Dreh.

Geschrieben von: DGUV