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Interview: Auf Landstraßen sicher unterwegs
Bei Überholmanövern auf Landstraßen fahren Beteiligte oft besonders schnell und waghalsig. © AdobeStock/EdNurg
Verkehrssicherheit

Interview: Auf Landstraßen sicher unterwegs

Wer auf Landstraßen unterwegs ist, sollte besonders vorsichtig sein. Warum dies so ist und wie Betriebe darauf reagieren, erklärt der Experte Dr. Sven Timm.

Datum: 12.08.2021

Im ländlichen Raum passieren nach wie vor die meisten tödlichen Verkehrsunfälle. Betriebe sollten Beschäftigte für die Risiken auf Landstraßen sensibilisieren und sich für mehr Sicherheit auf ihren Arbeitswegen einsetzen.

Dr. Sven Timm, Leiter des Stabsbereichs Prävention bei der Deutschen Gesetzlichen Unfallversicherung (DGUV), macht Vorschläge, wie sich Sicherheitsbeauftragte einbringen können.

In der Stadt passieren mehr Verkehrsunfälle als auf dem Land. Auf dem Land sind sie jedoch gravierender. Worin unterscheiden sich Stadt- und Landverkehr?

Ein offensichtlicher Aspekt ist natürlich die Geschwindigkeit. Die ist auf der Landstraße höher. Bei Überholunfällen zum Beispiel fahren Beteiligte oft besonders schnell und waghalsig, was auf Straßen in der Stadt oft gar nicht möglich ist. Das führt leider dazu, dass die Verkehrsunfälle auf dem Land oft sehr viel dramatischer sind.

Zudem sind die Verkehrssysteme verschieden. In der Stadt werden die Verkehrsbeteiligten zunehmend voneinander getrennt, zum Beispiel durch separate Radwege. Das ist auf der Landstraße in der Regel nicht gegeben.

Welche Möglichkeiten haben Unternehmen, um sich für mehr Sicherheit auf Arbeitswegen im ländlichen Raum einzusetzen?

Wichtig ist auf jeden Fall, den Beschäftigten ein Sicherheitstraining anzubieten. Wir empfehlen, ein solches alle vier bis fünf Jahre zu absolvieren. Die Teilnehmenden lernen dort unter anderem, wie sie in Extremsituationen richtig reagieren, etwa bei einer Notbremsung. Solche Trainings werden übrigens auch von den Berufsgenossenschaften bezuschusst.

Eine weitere wirksame Maßnahme, vielleicht eher in größeren Betrieben, sind Veranstaltungen wie ein Tag der Verkehrssicherheit. In anderen Ländern habe ich oft beobachtet, dass Betriebe dort auch die Kinder von Beschäftigten einbeziehen. Die Kinder haben dann zum Beispiel Briefe an ihre Eltern geschrieben, in denen sie sie bitten, heil nach Hause zu kommen. Das mag für uns vielleicht erstmal etwas befremdlich klingen, hat aber eine große Wirkung.

Der DVR, also der Deutsche Verkehrssicherheitsrat, veranstaltet übrigens einmal jährlich einen Tag der Verkehrssicherheit. Die vergangenen zwei Male fand das Event pandemiebedingt online statt. Das ist eine tolle Veranstaltung, bei der wir unter anderem Betriebe besuchen und Simulatoren aufstellen. In einem Überschlagssimulator können Mitarbeitende zum Beispiel erleben, was genau passiert, wenn sie sich bei einem Unfall überschlagen würden. So können alle Interessierte handfeste Erfahrungen mitnehmen.

Drei Anregungen für Sicherheitsbeauftragte:

  • Fahrsicherheitstrainings bei Führungskräften anregen
  • Kolleginnen und Kollegen auf die spezifischen Risiken auf Landstraßen hinweisen
  • Eine Teilnahme am Tag der Verkehrssicherheit des DVR vorschlagen

Was können auf der anderen Seite Gesetzgebung, Rechtsprechung und Baubehörden für mehr Sicherheit im ländlichen Verkehr tun?

Ausgangspunkt der Präventionsstrategie der Vision Zero ist, dass unsere Verkehrssysteme fehlerverzeihend gestaltet sein müssen. Menschen machen nun mal Fehler, das ist ein Fakt.

Analysen bestätigen, dass mehr als 90 Prozent der Unfälle auf Fehler im Fahrverhalten zurückzuführen sind und nicht etwa auf technisches Versagen. Und da sind diejenigen gefragt, die für Straßen und Verkehrssysteme verantwortlich sind, indem sie diese Systeme entsprechend entzerren und sicherer gestalten.

Was heißt das konkret für Landstraßen?

Bei einer Sanierung oder dem Ausbau eines Verkehrsweges müssen entsprechende Sicherheitsaspekte berücksichtigt und umgesetzt werden, die der jeweiligen Straße angemessen sind. Bei Landstraßen sind das beispielsweise alternierende Doppelspurabschnitte, an denen Überholmöglichkeiten von LKW oder landwirtschaftlichem Verkehr gegeben sind.

Oder die klare Trennung von Spuren durch Fahrbahnmarkierungen an kritischen Punkten. Auch das Entzerren von unübersichtlichen Kreuzungen durch Kreisverkehre hat sich bewährt.

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Geschrieben von: Moritz Tripp