Reportage
Feuerwehr im Einsatz © www.breig-fotografie.de

Auf die Feuerwehr ist Verlass

Sie retten, löschen, bergen und schützen: Um anderen zu helfen, setzen sich Feuerwehrleute häufig selbst Gefahren aus. Deshalb spielt auch die Sicherheit in der Unternehmenskultur der Berufsfeuerwehr Mainz eine zentrale Rolle

Wenn in einer der beiden Wachen der Berufsfeuerwehr Mainz das Alarmlicht blinkt und der Gong ertönt, sind alle gefragt. Über Lautsprecher gibt die Leitstelle sogenannte Alarmstichworte, damit die Feuerwehrleute sofort wissen, welche Fahrzeuge ausrücken. Nun muss es schnell gehen. Wenn es brennt, entscheiden Minuten über Leben und Tod. Nur acht Minuten haben die Feuerwehrleute Zeit, den Einsatzort zu erreichen.

Abläufe verinnerlichen

Damit im Ernstfall alles reibungslos funktioniert, sind die Abläufe einstudiert. In der Ausbildung und bei regelmäßigen Übungen spielen die Feuerwehrleute alle erdenklichen Szenarien durch – so lange, bis sie wie im Schlaf sitzen. Immer wieder legen sie die Atemschutzausrüstung an und ab oder steigen ins Fahrzeug ein und wieder aus. „Wir wollen das Risiko minimieren, dass jemand beim Ein- oder Aussteigen umknickt und sich am Knöchel verletzt“, erklärt Udin Thimm, zuständig für die interne Aus- und Fortbildung bei der Berufsfeuerwehr Mainz.

Routine schafft Sicherheit und Zeiträume

Das ist wichtig, denn bei den Einsätzen gibt es immer eine Unbekannte: „Wir wissen nie genau, was uns im konkreten Fall erwartet“, so Udin Thimm. Genau so ist es auch heute, als zur Mittagszeit der Alarm der Brandmeldeanlage aus einer Senioreneinrichtung eingeht. Der Verdacht liegt nahe, dass etwas auf dem Herd angebrannt ist. Theoretisch kann aber auch ein Zimmerbrand ausgebrochen sein. Die Feuerwehrleute, die vom Einsatz zurückkehren, geben Entwarnung: Grund für den Alarm war ein technischer Defekt.

Gefahren einschätzen

Der Reiz des Unbekannten, der viele am Feuerwehrdienst fasziniert, ist zugleich eine Herausforderung. Jeder Einsatz ist einzigartig und auf seine Art gefährlich. Routine und Sicherheit in den Grundtätigkeiten sind Voraussetzung, um Gefahren richtig einzuschätzen und zu verringern. Nur wenn sich die Einsatzkräfte aufeinander verlassen können, sind sie im Stande, gefährliche Situationen zu meistern. Das gilt für den sogenannten Angriffstrupp, der in einer Wohnung versucht, ein Feuer direkt am Brandherd zu löschen, ebenso wie für die Einsatzleitenden, die die Lösch- und Rettungsarbeiten von ihrem Fahrzeug aus koordinieren.

„Der Trupp im Haus ist das Auge der Einsatzleitung“, sagt Wolfgang Bernd, Gruppenführer bei der Berufsfeuerwehr. Von den Kräften im Gebäude erfährt die Leitung beispielsweise, wie heiß es in der Wohnung ist oder ob sich dort noch weitere Personen befinden, für deren Bergung sie Unterstützung benötigen. Anhand dieser Informationen trifft die Einsatzleitung ihre Entscheidungen. Ausschlaggebend ist dabei für Wolfgang Bernd die Verhältnismäßigkeit: „Zur Rettung von Menschenleben gehen wir auch selbst ein höheres Risiko ein. Wenn wir aber wissen, dass ein brennendes Haus leersteht, schicken wir da niemanden rein.“

Fortlaufend informiert

Damit der Sicherheitstrupp, der vor dem Haus Position bezogen hat, die Kolleginnen und Kollegen im Notfall unterstützen oder retten kann, muss die Einsatzleitung zu jeder Zeit wissen, wo genau sich die Einsatzkräfte befinden. Jede Entscheidung kann sich unmittelbar auf die Sicherheit und Gesundheit der Beteiligten auswirken. „In so einer Situation läuft in jedem Kopf permanent eine Gefährdungsbeurteilung ab“, schildert Mario Ambrosius. Der Brandamtmann ist Einsatzleiter und Sachbearbeiter für den Arbeitsschutz. Während eines Einsatzes ist er ruhig und angespannt zugleich. Denn er weiß, dass seine Entscheidungen weitreichend sind. Wenn ein Einsatz läuft, dann läuft er. „Es gibt keinen Knopf, mit dem sich der Vorgang abbrechen lässt“, sagt Ambrosius.

Bedingungslos vertrauen

Zeit für Diskussionen bleibt bei einem Einsatz nicht. Im Zweifel müssen die Feuerwehrleute darauf vertrauen, dass die Einsatzleitung ihre Entscheidungen getroffen hat, weil sie über Informationen verfügt, die sie selbst nicht haben. Ebenso müssen sie davon ausgehen können, dass etwa die Schlauchleitung für die Löscharbeiten steht, wenn sie das Haus betreten. Wenn ein Fehler passiert, hat er Folgen für alle. „So funktioniert Feuerwehr“, meint Ambrosius knapp. Jeder weiß, was zu tun ist – oft auch ohne Worte.

Mannschaftswagen © www.breig-fotografie.de

Zusammen arbeiten

Vertrauen und Verlässlichkeit sind keine Selbstläufer, sondern Ausdruck einer Unternehmenskultur, die von Sicherheit geprägt ist. Die Feuerwehr führt die Nachwuchskräfte in der Ausbildung ganz bewusst bis an ihre Grenzen, damit sie sich auch in Extremsituationen gegenseitig richtig einschätzen können. Vieles geschieht durch gemeinsame Übungen und Trainings, anderes durch den Alltag: Die Wehrleute verbringen bei jedem Dienst 24 Stunden miteinander. Schnell entsteht ein dichtes soziales Gefüge. Auch die Mahlzeiten nehmen sie gemeinsam ein. Heute gibt es Nudelauflauf. Eingekauft hat die Zutaten ein Kollege am Vortag. Zwei andere bereiten die Mahlzeit in der Küche der Wache zu. Zum Essen versammeln sich alle am Tisch. Das ist Alltag, aber es gibt auch ganz besondere Situationen, Weihnachten und Silvester zum Beispiel. Wenn es der Dienstplan vorsieht, verbringen die Einsatzkräfte die Feste mit ihren Familien auf der Wache. Bei so viel Nähe merkt man schnell, wenn es dem Kameraden oder der Kameradin nicht gut geht.

Gemeinschaft leben

„Wenn die Grundstimmung passt, läuft vieles wie von selbst“, sagt Brandinspektor Gernot Jost. Gegenseitige Wertschätzung und eine konstruktive Feedbackkultur bilden die Basis für ein gutes Klima. Der Wachabteilungsführer legt großen Wert darauf, dass zwischen den 14 Feuerwehrkräften einer Schicht, für die er verantwortlich ist, ein intaktes Vertrauensverhältnis herrscht. Die hohe Kunst der Führung besteht für ihn darin, immer wieder das Gespräch zu suchen und Vorbild zu sein – sowohl im täglichen Miteinander auf der Feuerwehrwache als auch im Einsatz. Wenn seine Kräfte die volle Schutzkleidung tragen müssen, tut er das auch – selbst wenn es in seiner Rolle vielleicht gerade nicht notwendig sein sollte. „Das gehört zur Gemeinschaft“, betont Jost.

Den Rücken frei halten

Für den Brandinspektor gilt dasselbe ungeschriebene Gesetz wie für die ganze Mannschaft: Alle bleiben auf der Wache und halten dem neuen Dienst den Rücken frei, wenn dieser kurz nach Schichtwechsel zu einem Großbrand ausrücken muss. „Wir warten dann so lange, bis sicher feststeht, dass wir nicht mehr gebraucht werden“, erklärt Gernot Jost. Diese Selbstverständlichkeiten lernen angehende Feuerwehrleute bereits in der Ausbildung. Die ehrenamtlichen Kräfte von den Freiwilligen Feuerwehren nehmen den Gemeinschaftsgeist bei gemeinsamen Schulungen und Übungen auf. Für alle gilt: Im Einsatz ziehen sie an einem Strang. Die Gemeinschaft ist etwas Bleibendes. So hat etwa Brandamtmann Winfried Kaltenbach seinen Grundlehrgang vor 37 Jahren absolviert und trifft sich bis heute mit den Mitstreitern von damals.

PSA an erster Stelle

Die Arbeit bei der Feuerwehr ist unter anderem deswegen so brisant, weil die Einsatzkräfte in den meisten Fällen selbst ein Risiko eingehen müssen, um anderen zu helfen. Sicher können technische oder organisatorische Maßnahmen die Gefahr mindern. Indem beispielsweise bei jedem Einsatz Sicherheitstrupps bereitstehen, die im Notfall eingreifen, oder bei Taucheinsätzen auch immer ein Rettungstaucher dabei ist. Doch ein Restrisiko bleibt bestehen. Entsprechend groß ist die Bedeutung der Persönlichen Schutzausrüstung (PSA). Dienstvorschriften geben zwar vor, welche Voraussetzungen Kleidung, Atemschutzgeräte und Flammschutzhauben erfüllen müssen, doch auch dabei ist Vertrauen wichtig. Bei Temperaturen von mehreren hundert Grad bei einem Wohnungsbrand darf sich auch das Material keinen Fehler erlauben. Brandamtmann Winfried Kaltenbach, in Mainz Sachgebietsleiter für die PSA, weiß um die Qualität: „Unsere Kleidung hält mehr aus als der Mensch, der darin steckt.“ Wenn aber beispielsweise neue Sicherheitsschuhe angeschafft werden, lässt Kaltenbach die verschiedenen Modelle vorab von den Wehrleuten testen. „Das fördert die Akzeptanz.“

Feuerwehrleute im Gespräch © www.breig-fotografie.de

Vorbild sein

Sich aufeinander verlassen zu können, zieht sich bei der Berufsfeuerwehr Mainz wie ein roter Faden durch alle Bereiche. So ist es auch für Kfz-Meister Thomas Wedel selbstverständlich, bei Bedarf noch spät abends in die Werkstatt zu kommen, etwa um nach einem Unwetter die vier stark beanspruchten Drehleitern zu kontrollieren. „Die müssen jederzeit sofort wieder einsatzbereit sein“, berichtet er. Wedel lebt seine Vorbildfunktion ganz bewusst, damit sich seine Auszubildenden an ihm orientieren können.

Arbeitsschutz gewährleisten

Die Arbeitssicherheit ist auf den zwei Wachen der Berufsfeuerwehr überall verankert, auch durch Mario Ambrosius und Jan Magnus. Brandamtmann Ambrosius achtet in seinem Aufgabengebiet unter anderem darauf, dass die Arbeitsschutzvorschriften im Arbeitsalltag beachtet werden. Oberbrandmeister Magnus trägt als bestellter Sicherheitsbeauftragter die Anregungen und Vorschläge seiner Kolleginnen und Kollegen aus den Wachmannschaften oder der Leitstelle in den Arbeitskreis für Arbeitsschutz. Er hat beispielsweise dafür gesorgt, dass die Lichtverhältnisse in der Atemschutzwerkstatt verbessert wurden. Aktuell setzt er sich dafür ein, dass in der Feuerwache I eine Abgas-Absauganlage eingerichtet wird. Zudem trägt der Sicherheitsbeauftragte die Informationen aus dem Arbeitsschutzausschuss ins Kollegium und weist auf Weiterbildungen hin. Denn die Herausforderungen, denen sich die Feuerwehr stellen muss, ändern sich permanent. Noch vor wenigen Jahren hätte sich niemand die Frage gestellt, was beim Löschen von Photovoltaikanlagen oder Elektrofahrzeugen zu berücksichtigen ist. Heute ist das anders.

Sicherheitsbeauftragte als Multiplikatoren

Für den Verwaltungsleiter Stefan Schierling sind Sicherheitsbeauftragte wie Jan Magnus wichtige Multiplikatoren. „Wenn ich mit einem Feuerwehrmann oder einer Feuerwehrfrau darüber spreche, welche Gefahren in der Dunkelheit und im Regen beim Umgang mit einer Kettensäge entstehen können, ist das weiniger authentisch, als wenn dies ein Kollege oder eine Kollegin aus den eigenen Reihen tut.“ Dafür gibt es ja auch so erfahrene Feuerwehrbeamte wie Jan Magnus und Mario Ambrosius.