Reportage
Ein Mann kontrolliert einen Freischneider

Die Meister der Straßen

Sie sind auf und neben der Fahrbahn tätig, beschneiden Sträucher, fällen kranke Bäume und halten Verkehrsbauwerke in Stand. Während ihrer Arbeit, die sehr oft im laufenden Verkehrsbetrieb stattfindet, sind Straßenwärterinnen und -wärter vielfältigen Gefahren ausgesetzt. Bei der Straßenmeisterei Bad Arolsen gehört der Arbeitsschutz zu jedem Einsatz.

Ein Mann überprüft Verkehrsschilder© Tim Luhmann Mit großer Sorgfalt kontrolliert Harald Goldfuss die Freischneider, die nummeriert an den Wänden im Gerätehof hängen. Die Bänder am Mähkopf müssen fest verriegelt sein. Darüber hinaus verhindert ein Längenabschneider mit einer kleinen Klinge, dass die Bänder gegen den Fangschutz schlagen. Fehlt die Klinge, muss sie ersetzt werden. Kleinere Reparaturen erledigt Goldfuss selbst, entsprechende Ersatzteile sind vorrätig. Der gelernte Elektroinstallateur hat für die regelmäßige Wartung und Reparatur der Geräte eigens einen Lehrgang beim Hersteller absolviert. Goldfuss ist Gerätehof-Verwalter bei der Straßenmeisterei im hessischen Bad Arolsen. Er hält die Arbeitsgeräte in Ordnung und achtet darauf, dass sich sämtliches Material am richtigen Platz befindet. Bevor die Kollegen das nächste Mal zu Gehölzpflegearbeiten ausrücken können, steht noch eine Motorsäge zur Wartung an. Genauestens prüft Goldfuss, ob die Sicherheitseinrichtungen wie Kettenschutz, Kettenfangbolzen und Kettenbremse intakt sind. Die Kette selbst hebt er an, um die Spannung einzuschätzen. Die Motorsägen haben ihren Platz im zugelassenen Regalsystem. Alles ist genau beschriftet. Ordnung und Sauberkeit spielen hier eine große Rolle. „Ich habe alles im Blick“, fasst der Gerätehof-Verwalter knapp zusammen. Dabei sorgt er nicht nur für Ordnung, sondern hat als einer von zwei Sicherheitsbeauftragten der Straßenmeisterei auch die Arbeitssicherheit im Auge. Es fällt ihm gleich auf, wenn der Stiel einer Kreuzhacke aufgeplatzt ist oder sich an einer Brechstange eine scharfe Kante herausgebildet hat.

Sicherheit auf deutschen Straßen

Die Tätigkeiten, die in der Straßenmeisterei anfallen, sind vielfältig. Ebenso umfassend ist die Ausstattung. Im Kern ist der Betrieb zuständig für die Wartung und Instandhaltung von Verkehrsflächen. Von Bad Arolsen aus kümmern sich 17 Straßenwärter im Außendienst unter anderem darum, dass Brücken intakt sind. Daneben bessern sie Schlaglöcher aus, führen den Winterdienst durch und räumen Gräben frei, damit Regen und Schmelzwasser ablaufen können. Darüber hinaus stellen sie Leitpfosten und Schilder neu auf. Über eine Länge von mehr als 300 Kilometer Bundes-, Landes- und Kreisstraßen erstreckt sich das Einsatzgebiet.

Sichere Techniken und gelernter Umgang mit Arbeitsgeräten

Ein Arbeiter sägt einen Baum© Tim Luhmann

Sicherheit im Umgang mit Arbeitsgeräten ist bei den Tätigkeiten der Straßenmeisterei unerlässlich – und sie muss gelernt sein. Die Beschäftigten erhalten aus diesem Grund für jedes Gerät eine Einweisung. Betriebsanweisungen ergänzen die Vorkehrungen. Im Jahr 2017 war ein Ausbilder des Landesbetriebs HessenForst vor Ort, um die Straßenwärter über neue und sichere Techniken beim Fällen von Bäumen zu informieren. Auch hier sind die Vorgaben sehr detailliert: Um die Fallrichtung des Baumes genau bestimmen zu können, wenden die Beschäftigten ausschließlich die Sicherheitsfälltechnik an. Die Straßenwärter kombinieren diese mit dem sogenannten Kastenschnitt. „So haben wir stets die volle Kontrolle über den Baum“, erklärt Dirk Wagener, der ebenfalls Sicherheits­beauftragter ist. Wagener arbeitet im Außendienst. Während Harald Goldfuss dafür sorgt, dass das Material und die Arbeitsgeräte in Ordnung sind, erklärt Wagener seinen Kollegen unter anderem den richtigen Umgang damit. Darüber hinaus bildet die Vorbereitung der Außendienstarbeiten einen Tätigkeitsschwerpunkt.

Ganz konkret beginnt das jeden Morgen um 7 Uhr. Pünktlich zu Dienstbeginn setzen sich die Straßenwärter zusammen und besprechen, was an diesem Tag anliegt. Heute sind es Gehölzpflegearbeiten an der Landesstraße 3078 zwischen den Ortschaften Rhenegge und Heringhausen. Um sich selbst und die Baustelle abzusichern, werden die Straßenwärter eine entsprechende Beschilderung aufstellen. Das Bundesministerium für Verkehr und digitale Infrastruktur hat in seinen „Richtlinien für die Sicherung von Arbeitsstellen an Straßen“ genau vorgeschrieben, welche Warnhinweise in welcher Situation wie platziert werden müssen.

Gefahren des Straßenverkehrs für Straßenmeistereien

Die Gefahren, denen die Beschäftigten ausgesetzt sind, beschränken sich nämlich keineswegs auf den Umgang mit technischem Gerät. Diese Erfahrung macht auch Dirk Giesing, Kolonnenführer bei der Straßenmeisterei Bad Arolsen, regelmäßig: „Wir haben täglich mit dem Straßenverkehr zu tun und stoßen auf das Problem, dass manche Situationen kaum kalkulierbar sind.“ Immer wieder erleben es die Straßenwärter, dass Verkehrsteilnehmerinnen und -teilnehmer Gefahr- und Richtzeichen, Geschwindigkeitsbegrenzungen oder sogar rote Ampeln ignorieren. Diese werden zu ihrer eigenen und zur Sicherheit der Beschäftigten aufgestellt. Das kann dazu führen, dass Fahrzeuge erst nach einer Vollbremsung vor der Baustelle zum Stehen kommen. Manchmal schaffen es die Fahrzeugführenden aber auch nicht mehr. Jürgen Weber, ebenfalls Kolonnenführer, erinnert sich an einen schweren Unfall vor einigen Jahren: Als er mit seinen Kollegen an den Banketten einer Straße arbeitete, damit das Wasser wieder von der Fahrbahn abfließen konnte, missachtete der Fahrer eines Sportwagens bei hoher Geschwindigkeit die Vorfahrtsregelung und krachte in einen Frontlader. „Die Kollegen retteten sich mit einem Sprung in den Graben“, berichtet Weber. Der Fahrer überlebte den Aufprall schwer verletzt. Die Gefahr, die von den Verkehrsteilnehmenden ausgeht, ist für die Straßenwärter die größte. „Leider sehen manche in uns nicht den Dienstleister, der dafür sorgt, dass die Straßen sicher befahrbar bleiben. Stattdessen werden wir als Störenfriede wahrgenommen, die den Verkehrsfluss behindern“, meint Dirk Wagener.

Bewegtbild für mehr Sicherheit bei der Arbeit

Auch Hessen Mobil – so heißt die für die Straßenmeistereien zuständige Landesbehörde – und die Unfallkasse Hessen haben die Risiken, die vom Straßenverkehr ausgehen, aufgegriffen. So wurde im Jahr 2015 ein spezieller Risikoparcours für Straßenmeistereien konzipiert. Es handelt sich hierbei um die Weiterentwicklung einer praxisnahen Trainingsanlage, die ursprünglich auf Autobahnarbeiten ausgerichtet war. Präsentationen und Filme, die zum Teil in Zusammenarbeit mit der Straßenmeisterei Bad Arolsen gedreht wurden, sensibilisieren die Beschäftigten für die Gefahren, die im Straßenverkehr lauern. Der Sicherheitsbeauftragte Dirk Wagener wirkte an der Entstehung mit. Als Kolonnenmitarbeiter kennt er die Abläufe und möglichen Gefahren aus eigener Erfahrung. Die Kollegen schätzen seine Tipps: „Wenn ich eine Verbesserung im Arbeitsablauf vorschlage oder auf eine mögliche Optimierung hinweise, dann fühlen sie sich nicht getadelt, sondern nehmen den Hinweis gerne als neuen Input auf.“ Und rückblickend: „Die Aufgabe eines Sicherheitsbeauftragten habe ich sehr gerne übernommen.“ Bereits im Jahr 2008 ließ Wagener sich zudem bei Hessen Mobil für die Arbeit mit der Hubarbeitsbühne ausbilden. Hubarbeitsbühnen kommen vor allem für die Baum- und Kronenpflege zum Einsatz, der Umgang mit ihnen ist anspruchsvoll. Nur ausgebildetes Personal darf die Arbeiten im Korb der Bühne ausführen.

Unterweisung nach Jahreszeit

Besondere Herausforderungen stellen für die Straßenwärter die Gefahren dar, die durch die Jahreszeiten bedingt sind. Im Winter kann beispielsweise die Zahl der Stolper-, Rutsch- und Sturzunfälle steigen, wenn der Boden matschig ist. Das Land Hessen hat dies erkannt und in einem Unterweisungskonzept aufgearbeitet. Hessen Mobil stellt den Dienststellenleitungen hierzu Unterlagen zur Verfügung. Die Unterweisungen gliedern sich nach den jahreszeitbedingten Gefährdungen. Ein Strassenstreufahrzeug© Tim Luhmann Für Michael Fritsch, der die Straßenmeistereien in Bad Arolsen und in der nahegelegenen Kreisstadt Korbach leitet, ist es sehr wichtig, dass sich die Beschäftigten gezielt auf die jeweilige Jahreszeit vorbereiten. Im Winter ist beispielsweise beim Anlegen von Schneeketten auf den Fahrzeugen zu beachten, dass die Verschleißglieder nicht innen, sondern an der Außenflanke des Rades zum Liegen kommen. Da die Ketten sehr schwer sind, wäre die Korrektur eines Montagefehlers im wahrsten Sinne des Wortes kräftezehrend – eine vermeidbare körperliche Belastung für die Beschäftigten. Gemeinsam üben die Straßenwärter zudem, die Streugeräte auf den Lkw richtig zu sichern. Die Fahrer für die Räum- und Streufahrzeuge merken sich bei Einweisungsfahrten, wo sich die Schalter zur Bedienung der Technik befinden. Das muss sitzen: „Wenn man nachts im Dunkeln erst noch suchen muss, kann das sehr stressig werden“, schildert Michael Fritsch. Während der Winterzeit nutzen Kolonnenführer, Sicherheitsbeauftragte, Streckenwarte und Werkstattleiter die dunklen Stunden zu Tagesbeginn, um in Kleinunterweisungen Sicherheitsthemen anzusprechen.

Schutzausrüstung zu jeder Zeit

Exakte Unterweisungspläne, regelmäßige Gefährdungsbeurteilungen und Schulungen, das alles schafft Sicherheit. Und auch das Wetter, Stichwort: plötzlicher Schneefall, kann die Beschäftigten nicht wirklich überraschen. Die Straßenmeistereien beobachten permanent die Wetterlage und erhalten aktuelle Daten vom Deutschen Wetterdienst. Bis 22 Uhr und ab 3 Uhr am Morgen wacht ein Kontrolldienst über die Straßen. Doch auch wenn der Sommer naht, ist man auf dessen Herausforderungen bestens vorbereitet. Kopfbedeckungen und Sonnencreme schützen vor schädlicher UV-Strahlung und es gibt einen detaillierten Hautschutzplan. Doch ganz gleich, ob Sommer oder Winter: Die Straßenwärter tragen stets Schutzkleidung mit langen Hosen und Jacken in Signalfarbe, um sich zu schützen und gut sichtbar zu sein. Persönliche Schutzausrüstung ist jederzeit gegenwärtig. Darauf achten ganz besonders die Sicherheitsbeauftragten