Reportage
Eine Arbeiterin an einer computergesteuerten Maschine.© Markus Breig

Die neue Arbeitswelt

Die Arbeitswelt wird digitaler, so auch bei der Busch-Jaeger Elektro GmbH. Bei dem Hersteller von Elektroinstallationstechnik wandelt sich die mechanische Produktionswelt hin zu einer mechatronischen. Veränderungen in den Arbeitsprozessen wirken sich auf die Tätigkeiten der Beschäftigten aus – und damit auch auf das Ehrenamt und die Aufgaben der Sicherheitsbeauftragten.


Ein Morgen im Winter, kalt und dunkel. Ein Mann betritt sein Wohnzimmer und betätigt den Lichtschalter. Schon ist es strahlend hell. Doch er fröstelt. Mit dem Bedienpanel schaltet er die Heizung ein. Im selben Augenblick steckt seine Tochter das Ladekabel ihres Smartphones in die Steckdose neben der Couch.

Auf den ersten Blick mögen diese alltäglichen Vorgänge nicht viel gemeinsam haben. Bei genauerer Betrachtung aber doch. Denn es ist nicht unwahrscheinlich, dass Lichtschalter, Bedienpanel und Steckdose allesamt von Busch-Jaeger stammen. Das Unternehmen ist seit 140 Jahren Teil des täglichen Lebens, wenn es um Elektroinstallationstechnik geht. Rund 1.300 Menschen arbeiten für Busch-Jaeger. In den letzten Jahren hat das Unternehmen, das seinen Hauptsitz in Lüdenscheid hat, neue Wege beschritten, hat Arbeitsprozesse automatisiert und digitalisiert. Die Produktion konnte durch die neuen Prozesse beschleunigt und vereinfacht werden, die Beschäftigten wurden bei der oft körperlich belastenden Arbeit entlastet. Digitalisierung wirkt sich auf die Sicherheit und Gesundheit bei der Arbeit aus. Abgesehen von neuen Herausforderungen profitieren die Akteurinnen und Akteure der Arbeitssicherheit und des Gesundheitsschutzes von der Digitalisierung. Beispielsweise können die Sicherheitsbeauftragten Mängel, die sie im Arbeitsumfeld feststellen, mit einer App dokumentieren, den Zuständigen melden und den Bearbeitungsstand nachverfolgen.

Mit der App unterwegs

Einer der insgesamt 54 Sicherheitsbeauftragten am Standort Lüdenscheid ist Dirk Liebermann. Er arbeitet seit 18 Jahren für Busch-Jaeger in der operativen Qualitätssicherung. Das Ehrenamt eines Sicherheitsbeauftragten hat er im Jahr 2013 übernommen. Wenn er eine Gefährdung feststellt, bei Busch-Jaeger „Hazard“ genannt, so erfolgt deren Erfassung mit einer Smartphone-App namens Intelex.

Zwei Männer schauen gemeinsam auf ein Tablet© Markus Breig

Sicherheitsbeauftragte können die Hazards fotografieren und sie direkt an die Zuständigen weiterleiten, die sich dann darum kümmern. Der Hazard verbleibt so lange in der „Vorfallsliste“ des Programms, bis er behoben ist. „Das spart eine Menge Papierkram“, freut sich Liebermann. Um die Sicherheit und Gesundheit bei der Arbeit zu gewährleisten, gibt es in jeder der drei Werkshallen drei bis vier Sicherheitsbeauftragte pro Schicht. Eines hat sich an ihrer Tätigkeit auch im Zuge der Digitalisierung nicht geändert: Sie gehen wachsam durch den Betrieb, haben ein Auge darauf, ob etwas nicht den Anforderungen entspricht, und fungieren als Ansprechpersonen für ihre Kolleginnen und Kollegen. Die Bandbreite der Hazards kann von der gelockerten Schraube bis zur falsch abgestellten Palette reichen.

Dirk Liebermann berichtet von einem Beispiel: „Ich weiß noch, wie mich mehrere Beschäftigte auf eine Stelle hingewiesen haben, die schlecht einsehbar war. Es bestand die Gefahr, dass Personen von vorbeifahrenden Gabelstaplern übersehen werden. Eine Lösung war dann schnell gefunden: Wir haben einen Spiegel in jene Ecke gehängt.“

Neues in Produktion und Verwaltung

Ein zentraler Ansprechpartner für die Sicherheitsbeauftragten ist Stefan Kugel, Fachkraft für Arbeitssicherheit und Gesundheitsschutz. Er erklärt, was man bei Busch-Jaeger unter automatisierter Fertigung versteht: „Die Automatisierung betrifft viele Produktionsprozesse. Während zum Beispiel früher Lichtschalter oder Steckdosen größtenteils von Hand gefertigt wurden, übernehmen heute vollautomatische Anlagen samt Palettierroboter diese Aufgabe.“

Doch es wurden nicht nur Prozesse in der Fertigung automatisiert, auch Verwaltungsaufgaben gestalten sich durch die Digitalisierung einfacher und flexibler. Die Beschäftigten reichen ihre Urlaubs- oder Reiseanträge online ein oder melden sich beim Gesundheitsprogramm „Fit for Life“ an. Auch die Schichtpläne werden digital erarbeitet und sind online einsehbar. Die interne Kommunikation ist deutlich schneller und effektiver geworden.

„Das alles bedeutet keineswegs, dass bei uns keine Gespräche in den Gängen mehr stattfinden. Im Gegenteil, häufig nutze ich die Tools, um mich mit Sicherheitsbeauftragten zu verabreden, wenn beispielsweise Sicherheitsmängel beobachtet wurden“, so Stefan Kugel, der gerade bemerkt, dass falsch abgestellte Kisten einen Teil des Weges blockieren. Er spricht den Mitarbeiter direkt an, der das Hindernis aus dem Weg räumt. Derartige Vorkommnisse besprechen Kugel und die Sicherheitsbeauftragten auch in zweiwöchentlichen Meetings, damit alle auf dem neuesten Stand sind.

Eine Halle mit comlutergesteuerten Maschinen. © Markus Breig

Anliegen werden ernst genommen

Automatisierung und Digitalisierung verändern die Arbeit, beispielsweise weg von rein handwerklichen Tätigkeiten, hin zu einer eher aufs Beobachten und Eingreifen ausgelegten Rolle. Bestimmte Arbeitsschritte fallen weg, dafür kommen neue hinzu. Fachlich unterstützt Busch-Jaeger die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter dabei, sich durch Fortbildungen oder Schulungen das erforderliche Wissen und die notwendigen Fertigkeiten anzueignen – die Bereitschaft, Neues zu lernen vorausgesetzt. Denn eines ist klar: „Ohne Menschen funktioniert auch in einem Betrieb, der viele Prozesse automatisiert oder digitalisiert hat, nichts“, betont Stefan Kugel.

Bezüglich Sicherheit und Gesundheit bei der Arbeit entfallen zwar einige körperliche Belastungsfaktoren, psychische kommen aber dazu, wie beispielsweise die gestiegene Eigenverantwortung. „Deshalb haben wir unser Augenmerk verstärkt auf das Betriebliche Gesundheitsmanagement verlagert“, berichtet Stefan Kugel. „So bieten wir zum Beispiel Resilienzschulungen zur Stärkung der psychischen Widerstandskraft an. Sie sollen den Mitarbeitenden helfen, sich mit Veränderungen zurechtzufinden, ohne sich zu überfordern.“

Es ist den Verantwortlichen bei Busch-Jaeger bewusst, dass Veränderungen der Arbeit teilweise auch skeptisch betrachtet werden und bei manchen Beschäftigten Fragen oder Sorgen hervorrufen. „Deswegen haben wir die Schritte der Digitalisierung und Automatisierung mit der Belegschaft besprochen und sie regelmäßig informiert. Kommunikation ist bei solchen Veränderungen eines der wichtigsten Instrumente“, erklärt Kugel. Die Sicherheitsbeauftragten unterstützen bei der Aufklärung der Kolleginnen und Kollegen und informieren sie, wenn es etwas Neues gibt. Darüber hinaus haben sie immer ein offenes Ohr, um Fragen zu klären und gegebenenfalls mit der Führungsebene zu besprechen.

Geschult und erfahren

Auch die Sicherheitsbeauftragten wurden gezielt geschult. So können sie beispielsweise Veränderungen im Verhalten von Beschäftigten registrieren. Und sie wissen, wie sie an Betroffene herantreten können. „Da ich meine Kolleginnen und Kollegen teilweise schon jahrelang kenne, fällt mir ziemlich schnell auf, wenn etwas nicht stimmt“, ist Dirk Liebermann überzeugt. In solchen Fällen sucht er zunächst das Gespräch: „Man merkt dann schnell, wo der Schuh drückt. Vorausgesetzt, die jeweilige Person ist gesprächsbereit. Falls ich sofort helfen kann, tue ich das natürlich.“ Liegen die Probleme tiefer, verweist Liebermann beispielsweise auf das interne Gesundheitsprogramm. Neben Angeboten, die auf die körperliche Fitness abzielen, wie Rückentrainings, Massagen und Lungenfunktionstests, können Beschäftigte das Programm auch bei Vorliegen psychischer Belastungen nutzen. Ob Depressionen, Sucht oder Trauerbewältigung – für diese Fälle hat Busch-Jaeger mit einer in der Nähe liegenden Klinik eine Kooperation geschlossen. Betroffene können sich anonym dorthin wenden.

Neues Hilfsmittel am Start

Busch-Jaeger plant bereits die nächsten Schritte der Digitalisierung. Eine tragende Rolle dabei spielt Jessica Twitting, die für die Einführung der neuen Prozessmanagement- Software „SmarterPro“ zuständig ist. „Mit ihr wollen wir quasi einen digitalen Zwilling des Unternehmens generieren“, erklärt die Prozessmanagerin. Betriebsneulinge können zum Beispiel per Tablet wie mit einem Navigationssystem durch die Werkshallen geführt werden. „So lernen sie nicht nur die Laufwege kennen, sondern wissen auch, worauf beim Arbeitsschutz zu achten ist“, beschreibt Twitting. Durch das neue System möchte Busch-Jaeger zudem weg von einem Abteilungsdenken und hin zu einem Prozessdenken. „Künftig wollen wir den eigentlichen Prozess in den Mittelpunkt stellen und alle, die daran beteiligt sind, zusammenführen“, beschreibt Twitting. Beschäftigte sollen Prozesse mitgestalten können und mehr Mitsprache erhalten.

Für die Sicherheitsbeauftragten bedeutet das neue System eine zusätzliche Arbeitserleichterung. „Wir können noch schneller und effizienter auf Fehler und Gefährdungen reagieren und diese beheben. Natürlich ersetzt das System in keinem Fall eine mündliche Unterweisung. Aber als zusätzliches Hilfsmittel, zum Beispiel um neue Beschäftigte über sicherheits- und gesundheitsrelevante Themen leicht und effizient zu informieren, eignet es sich sehr gut“, resümiert der Sicherheitsbeauftragte Dirk Liebermann.