Reportage

Spielend zu mehr Sicherheit

Eine Unterweisung so zu gestalten, dass nachhaltig etwas „hängen bleibt“, ist eine Herausforderung. Denn oft endet die Unterweisung in einem Frontalmonolog. Nicht so bei der RWE Power AG. Mit dem Spiel „Safety Academy“ zeigt das Unternehmen, dass es auch anders geht. Durch Austausch anstelle reiner Belehrung stärkt das Spiel die Präventionskultur.

Eine junge Frau schnappt sich eine Box und klemmt sie sich unter den Arm. Sie hat es eilig. Zügig verlässt sie ihr Büro, schreitet den langen Flur entlang, die gläserne Tür vor Augen, die zum Treppenhaus führt. Mit der rechten Hand stößt sie die Tür auf und hastet die Treppe hinab. Auf der untersten Stufe passiert es: Ein unachtsamer Schritt, die Mitarbeiterin verliert das Gleichgewicht, es kommt zum Sturz . Sie landet auf den Knien, die Box noch immer unter den Arm geklemmt.

Eine Kollegin hat den Sturz gesehen. Sie eilt herbei, um zu helfen. Es handelt sich um Ilona Keßler, die seit knapp zwei Jahren Sicherheitsbeauftragte und Betriebsratsmitglied bei der RWE Power AG in Essen ist. „Alles in Ordnung?“ fragt Keßler ihre Kollegin. „Ja, es geht schon. Ich habe mich mehr erschreckt“, antwortet die Gestürzte. „Du hättest den Handlauf benutzen sollen“, meint Keßler und blickt auf den Karton, auf dem in großen Lettern „Safety Academy“ steht. Darauf die Kollegin: „Und das passiert mir ausgerechnet auf dem Weg zur Sicherheitsunterweisung.“ Keßler hilft ihrer Kollegin auf die Beine. Gemeinsam gehen sie weiter.

Nachhaltig statt lästig

Bei der geschilderten Szene handelt es sich um ein fiktives Beispiel. Es verdeutlicht, wie leicht es im Arbeitsumfeld zu einem Unfall kommen kann – auch an Standorten, wo es überwiegend Büroarbeitsplätze gibt. Nicht fiktiv, sondern eine Tatsache ist es, dass Ilona Keßler beim Energieversorger RWE das Ehrenamt einer Sicherheitsbeauftragten innehat. Und ebenso wahr ist, dass Beschäftigte einmal im Jahr hinsichtlich Sicherheit am Arbeitsplatz unterwiesen werden müssen. An dieser Stelle kommt Klaus Ehrentraut ins Spiel. Er ist Sicherheitsingenieur bei RWE und Entwickler einer etwas anderen Unterweisung. Ehrentraut berichtet: „Die jährlichen Sicherheitsunterweisungen, insbesondere in Verwaltungsbereichen, sind für Vorgesetzte und Mitarbeitende oftmals eine Herausforderung, die in den meisten Fällen in einem Frontalmonolog endet. Ergebnis ist zwar die formale Erfüllung der Unterweisungspflicht, jedoch bleibt manchmal die Nachhaltigkeit auf der Strecke.“

Spielerische Unterweisung

Das muss doch besser gehen, sagte sich der Sicherheitsingenieur und machte sich daran, ein Tool zu entwickeln, das die Unterweisungen attraktiver gestaltet. „Es sollte ein Mittel sein, das Arbeitssicherheit interaktiv, mit Spaß und im Dialog mit den Beschäftigten vermitteln kann. Es stellte sich heraus, dass ein Spiel dies am besten gewährleistet“, erinnert sich Ehrentraut. Damit war die Idee zur „Safety Academy“ geboren, einem Wissensspiel rund um Arbeitssicherheit und Gesundheitsschutz mit interaktiven Elementen. Es wurde in zwei Varianten konzipiert: Zum einen als Brettspiel und zum anderen als eine größere Bodenvariante für Drinnen und Draußen. Bis zu 20 Personen in vier Gruppen können mitspielen und sich dabei Wissen aneignen.

Auch Dr. Just Mields, Arbeitspsychologe bei der Berufsgenossenschaft Energie Textil Elektro Medienerzeugnisse (BG ETEM), ist davon überzeugt, dass durch Interaktion bei einer Sicherheitsunterweisung der Lernprozess intensiver wird. Dennoch sollten zunächst die formalen Kriterien eingehalten werden. Das heißt, es muss speziell zu den Gefährdungen und Maßnahmen unterwiesen werden, die im Zusammenhang mit der Tätigkeit der jeweiligen Beschäftigten stehen. Dabei muss sichergestellt werden, dass die Inhalte auch verstanden wurden. Ist das nicht der Fall, muss erneut unterwiesen werden. Zudem ist es erforderlich, die Unterweisung zu dokumentieren. Mields betont: „Das heißt aber nicht, dass die Inhalte stur heruntergebetet werden sollen. Eine interaktive Form, die mehrere Sinne mit einbezieht und Übungs- und Reflexionselemente enthält, ist deutlich überlegen. Denn sie führt dazu, dass nicht nur Wissen vermittelt wird, sondern auch, dass die Inhalte in die Handlungsroutinen eingehen.“

Los geht’s!

Ilona Keßler und ihre Kollegin haben den Besprechungsraum erreicht, in dem bereits 13 Beschäftigte, darunter weitere Sicherheitsbeauftragte, auf sie warten. Gemeinsam schaffen sie Platz und rollen den Spielteppich aus. Denn heute steht die Bodenvariante der „Safety Academy“ auf dem Programm. In der Mitte werden Hütchen als Spielfiguren aufgestellt, hier befindet sich das Startfeld. Außerdem gehört ein großer Schaumstoffwürfel zum Spielequipment. Die Teilnehmenden bilden drei Gruppen, benennen eine Sprecherin oder einen Sprecher und stellen sich um das Spielfeld. Zuletzt nimmt Keßler den Fragen- und Antwortkatalog aus der Spielebox.

Auch Klaus Ehrentraut ist inzwischen hinzugekommen, der heute das Spiel moderiert. Bevor es los geht, beschreibt er die Grundlagen, da einige die „Safety Academy“ heute zum ersten Mal spielen. Die Regeln sind bewusst knapp und einfach gehalten. Ziel des Spiels ist es, möglichst viele Punkte zu sammeln. Ehrentraut erklärt: „Hierzu beantwortet ihr Fragen, die aus den zugrundeliegenden Gefährdungsbeurteilungen zum Notfallmanagement, zu Dienstreisen und zur Bürosicherheit erstellt wurden. Ergänzt wird das durch Themen zum Gesundheitsschutz. Vielleicht müsst Ihr also auch mal eine stabile Seitenlage herstellen.“ Rund 250 Fragen und Aufgaben gibt es in verschiedenen Schwierigkeitsstufen, erweitert um praktische Übungen und Aktionen.

Ilona Keßler, die die „Safety Academy“ bereits kennt, führt weiter aus: „Ich finde, dass sich durch den interaktiven Charakter des Spiels Regeln und Vorgaben viel besser einprägen. Auch nach längerer Zeit sind die erlebten Inhalte noch präsent. Und Spaß macht es auch.“ Da stimmt ihr Silke Boxberg zu. Sie ist Betriebsratsvorsitzende der Zentrale Essen und ebenfalls Sicherheitsbeauftragte: „Die ‚Safety Academy‘ ist ein gelungenes Instrument, um Gesundheits- und Arbeitssicherheitsthemen in die Belegschaft zu tragen.“

Haben wir dafür denn Zeit?

Guido Fiedeler, der die Abteilung Sicherheit und Gesundheit (Health & Safety Management and Expertise) leitet, blickt zurück: „Anfangs waren wir durchaus skeptisch, ob eine Sicherheitsunterweisung als Spiel funktionieren kann.“ Voraussetzung war, den rechtlichen Rahmen einzuhalten und genau die Themen, die eine Sicherheits- unterweisung beinhalten muss, interaktiv zu gestalten. Es gab Testläufe mit Sicherheitsingenieurinnen und -ingenieuren, Fachkräften für Arbeitssicherheit sowie Sicherheitsbeauftragten, um so die Meinung von Akteurinnen und Akteuren des Arbeitsschutzes abzufragen. „Nachdem die Resonanz positiv ausfiel, folgten Testläufe mit Mitarbeitenden aus verschiedenen Verwaltungsbereichen“, erzählt Fiedeler. Aus der Belegschaft waren auch Fragen zu hören wie „Muss das denn sein?“ oder „Haben wir für so etwas überhaupt Zeit?“ Beim eigentlichen Spielen aber änderte sich die Einschätzung. „Die Teilnehmenden merkten, dass das Spiel sie direkt einbezieht. Und dass es ihnen auch die Möglichkeit gibt, sich kritisch zu den Themengebieten zu äußern. Diese Mischung aus Interagieren und Diskutieren kam sehr gut an“, berichtet Fiedeler. Mittlerweile gehört die „Safety Academy“ für viele Teams zum festen Programm. „Wichtig ist, dass Spaß und Ernst sich die Waage halten. Zu beachten ist auch, dass bei rund 250 Fragen und Aktionen nicht jede einzelne behandelt werden kann“, erläutert Dr. Just Mields. Weggelassene Themen sollten daher zügig in den nächsten Unterweisungen behandelt werden.

Spannende 60 Minuten

In unserem Beispiel-Team schaut Klaus Ehrentraut auf die Gruppe zu seiner Linken, die gerade gewürfelt hat, und wartet ab, für welche Kategorie und Schwierigkeitsstufe sie sich entscheidet. Er zieht die entsprechende Karte aus der Box und liest vor: „Wie können Stürze beim Treppensteigen bzw. die Schwere von Verletzungen vermindert werden?“ Ilona Keßler, die Sprecherin ihrer Gruppe, blickt die Kollegin von vorhin an, beide lächeln. Nach kurzer Beratung wird die Antwort gegeben: „Beim Treppensteigen soll man den Handlauf benutzen.“ „Aber das kann man doch auch mal vergessen. Oder man benutzt einfach den Aufzug“, meldet sich ein anderer Mitspieler zu Wort. „Sollte man aber nicht“, meint ein weiterer. „Das lernen wir doch immer wieder und es haben auch nicht alle die Möglichkeit, einen Aufzug zu benutzen.“ So entsteht eine Diskussion über Regelungen und darüber, dass es wichtig ist, über Vorkommnisse im Betrieb zu reden. Ehrentraut lässt zu, dass die vorgesehene Beantwortungszeit von 30 Sekunden überschritten wird und bringt sich selbst mit ein: „Das gehört zu den Zielen des Spiels. Ihr sollt die Möglichkeit bekommen, über eure eigenen Erfahrungen zu sprechen. Meine Erfahrung zeigt, dass gerade beim Treppensteigen immer wieder Unfälle passieren.“ Er verweist darauf, dass sich mit einem Reaktionstest belegen lässt: Im Falle eines Sturzes ist es nicht möglich, den Handlauf schnell noch sicher zu greifen. In seiner Eigenschaft als Sicherheitsingenieur greift Ehrentraut die Gelegenheit auf, auch angrenzende Themen aus dem Bereich „Stolpern, Rutschen, Stürzen“ anzusprechen. Dann schaut er auf die Uhr: Die 60 Minuten Spielzeit sind um. Zum Abschluss dieser besonderen Unterweisung werden die Siegerinnen und Sieger ermittelt. Hierzu werden die erspielten Punkte zusammengezählt. Sowohl für die Siegergruppe als auch die Nachplatzierten hat der Arbeitsschutzprofi kleine Präsente mitgebracht.

Männer praäsentieren das Spiel „Safety Academy“© RWE AG

Flexibel einsetzbar

Seine Erfahrungen mit der „Safety Academy“ resümiert Klaus Ehrentraut so: „Es war uns wichtig, mehr zu erschaffen als einfach nur ein Spiel. Es freut mich persönlich sehr, dass durch die aktive Beteiligung der Belegschaft ein für die Arbeitssicherheit im Verwaltungsbereich ungewöhnlich hoher Nachhaltigkeitseffekt entstanden ist.“ Dieser Effekt ist durch den interaktiven Charakter des Spiels zu erklären: Es geht ums Mitmachen. Hinzu kommt, dass die „Safety Academy“ schnell erklärt ist und durch den Wettbewerbs- charakter eine ganz eigene Dynamik entsteht. Das Spiel lässt sich bestens bei betrieblichen Veranstaltungen, TeamEvents und Workshops einsetzen. Das klappt nicht zuletzt deswegen so gut, weil die „Safety Academy“ mit ihrem Fragen- und Aufgabenkatalog jederzeit veränderbar ist. Dr. Just Mields hebt hervor: „Unterweisungsinhalte sind ja nicht in Stein gemeißelt. Ständig kommen neue Aspekte hinzu oder alte sind aufgrund neuer Umstände nicht mehr aktuell. Deshalb müssen die Inhalte immer wieder angepasst werden, um den jeweiligen Situationen und Arbeitsbedingungen vor Ort zu entsprechen.“ Die Flexibilität des Spiels macht es möglich, es für andere Branchen und Arbeitsbereiche zu modifizieren – womit verschiedene Unternehmen bereits begonnen haben. Bei der RWE Power AG ist es Klaus Ehrentraut, der die „Safety Academy“ weiterentwickelt: „Wir sind ständig dabei, sie auf andere Bereiche zu übertragen. So eignet sich das Spiel mittlerweile auch für den Gerüstbau und für Tätigkeiten in Gruben und Gräben.“ Versierte Moderatorinnen und Moderatoren, am besten in Person der jeweiligen Linienvorgesetzten, können auch situationsabhängig und spontan neue Fragen einfügen. Ehrentraut findet das wichtig: „Auch ich lerne bei jeder Veranstaltung durch die Beiträge der Teilnehmenden noch einmal hinzu.“