Verkehrssicherheit

Unsichtbare Gefahr

Wenn Kraftfahrzeuge, besonders Lkw oder Busse, an Kreuzungen auf Radfahrende oder zu Fuß Gehende treffen, zählt dies zu den gefährlichsten Situationen im Straßenverkehr – vor allem beim Rechtsabbiegen. Der schwer einsehbare Bereich auf der rechten Fahrzeugseite, besser bekannt als der tote Winkel, ist nicht selten Unfallursache.

Wie jeden Morgen schwingt sich Renate Maier auf ihr Rad, um zur Arbeit zu fahren. Die zwei Kilometer kennt sie in- und auswendig. Radwege wechseln sich mit Straßenabschnitten ab. Ein recht entspannter Arbeitsweg, bis auf eine Stelle, die es in sich hat: eine Kreuzung mit mehreren Abbiegespuren. Soeben nähert sich Maier dieser Kreuzung. Die Ampel springt auf Grün. Sie tritt in die Pedale, doch von hinten hört sie einen Lastkraftwagen (Lkw), der sich ebenfalls der Ampel nähert. Gleich hat er sie eingeholt. Sie erinnert sich, dass es sehr gefährlich werden kann, wenn Radfahrende neben Lkw herfahren und diese dann rechts abbiegen. Denn nicht selten verschwinden Radfahrende sowie Menschen, die zu Fuß unterwegs sind, im toten Winkel aus dem Sichtfeld der Fahrenden. Renate Maier bremst ihr Fahrrad und tatsächlich: Der Lkw biegt rechts ab und stoppt im letzten Moment. Das war knapp! Maier ist erleichtert und wütend zugleich.

Übersehen im toten Winkel

Beim toten Winkel handelt es sich um Bereiche außerhalb des Fahrzeugs, die Fahrende trotz Spiegel nicht oder nur schlecht einsehen können. Solche schwer einsehbaren Bereiche gibt es bei jedem Kraftfahrzeug (Kfz). Doch gerade bei Lkw besteht das Problem darin, dass verschiedene Spiegel bestimmte Bereiche abdecken. In diesen sind sich bewegende Objekte, wie Radfahrende oder zu Fuß Gehende, auch bedingt durch die Fahrzeugbewegung nur kurzfristig zu sehen. Infolgedessen können diese beim Abbiegen von den Fahrerinnen und Fahrern übersehen werden.

Laut vorläufiger Unfall-Statistik 2019 des Statistischen Bundesamts (Destatis) kamen auf deutschen Straßen 3.059 Menschen bei Unfällen ums Leben – rund 216 weniger als 2018. Die Zahl an tödlich verunglückten Radfahrenden stieg allerdings um 32,6 Prozent auf insgesamt 473. Schätzungen der Unfallforschung der Versicherer gehen davon aus, dass ein Drittel dieser tödlichen Unfälle auf Abbiegeunfälle zurückgeht. Genau kann dies allerdings nicht beziffert werden, da der tote Winkel nicht ausdrücklich in der Straßenverkehrsunfallstatistik erfasst wird. Sicherheitsbeauftragte sollten ihre Kolleginnen und Kollegen immer wieder dafür sensibilisieren, auf den toten Winkel zu achten.

Assistent zum sicheren Abbiegen

Bernd Müller ist seit 25 Jahren Lkw-Fahrer. Heute muss er eine Ladung Lebensmittel beim örtlichen Supermarkt abliefern. Müller ist spät dran. Er drückt aufs Gas. Prima, die Ampel vorne springt auf Grün. Dort muss er rechts abbiegen. Müller setzt schon mal den Blinker. Plötzlich ertönt ein akustisches Signal. Blitzschnell tritt Müller auf die Bremse. Er erkennt eine Radfahrerin rechts neben ihm, die er beinahe übersehen hätte, und atmet erleichtert auf. Der wütend dreinblickenden Frau ist nichts passiert.

Seit Jahren wird an Lösungen gearbeitet, um die Rundumsicht aus großen Fahrzeugen zu verbessern. Noch sind Abbiegeassistenten keine Pflicht. Nach der EU-Verordnung (EU) 2019/2144 gilt für Busse und Lkw, dass ab dem 6. Juli 2022 alle neuen EU-Typgenehmigungen und ab dem 7. Juli 2024 alle neu zugelassenen Fahrzeuge mit Abbiegeassistenten auszurüsten sind. „Der Abbiegeassistent unterstützt beim Rechtsabbiegen. Bei Kollisionsgefahr erfolgt je nach System eine optische und/oder akustische Warnung. Im Notfall wird die Bremsung eingeleitet“, erklärt Hans Heßner, Fachreferent Straßenverkehr bei der Berufsgenossenschaft Verkehrswirtschaft, Post-Logistik, Telekommunikation (BG Verkehr).

Mit Spiegeln alles im Blick

Die wichtigsten Hilfsmittel sind jedoch die Spiegel. „Alle Nutzfahrzeughersteller müssen seit Jahren Spiegellösungen anbieten, die bei optimaler Einstellung keinen toten Winkel mehr aufweisen“, so Heßner. Die BG Verkehr empfiehlt Unternehmen, sich bereits vor dem Fahrzeugkauf mit den Sicherheitsmerkmalen zu befassen. Dabei können Sicherheitsbeauftragte ihre Expertise einfließen lassen, um die beste Lösung zu finden. „Für bereits erworbene Fahrzeuge sind Nachrüstlösungen verfügbar“, weiß der Experte. Aktuell hat das Kraftfahrt-Bundesamt 15 Allgemeine Betriebserlaubnisse (ABE) für Abbiegeassistenzsysteme zur Aus- und Nachrüstung von Nutzfahrzeugen und Bussen erteilt.

Das Verhalten zählt

Auch wenn Kraftfahrzeuge bestmöglich ausgestattet sind, um Abbiegeunfälle zu vermeiden, ist die gegenseitige Rücksichtnahme aller Verkehrsteilnehmenden unverzichtbar. Wer aufmerksam, gelassen und rücksichtsvoll am Verkehrsgeschehen teilnimmt, trägt dazu bei, Verkehrsunfälle zu vermeiden.

  • Aushang für den Betrieb
  • Spiegel erreichen ihre volle Leistungsfähigkeit nur, wenn sie optimal eingestellt sind. Auf Grundlage der vorgeschriebenen Sichtfelder hat die BG Verkehr Spiegel-Einstellplanen entwickelt, die um einen Lkw ausgelegt werden. Die Spiegel werden dann so eingestellt, dass die jeweiligen Bereiche auf den Planen in den Spiegeln zu sehen sind.