Reportage
Arbeiter im Watt
© Oliver Franke

Arbeitssicherheit auf Kurs gebracht

„Arbeitsschutz mit System“ heißt das Gütesiegel, mit dem der Landesbetrieb für Küstenschutz, Nationalpark und Meeresschutz Schleswig-Holstein im Jahr 2018 bereits zum zweiten Mal ausgezeichnet wurde. 

Mit maschineller Unterstützung rammen die Beschäftigten des Landesbetriebs für Küstenschutz, Nationalpark und Meeresschutz Schleswig-Holstein (LKN.SH) doppelte Holzpflockreihen ins Wattenmeer. Nachdem sie die Pflöcke mit der 50 bis 70 Kilogramm schweren Ramme in den Grund getrieben haben, füllen sie die Reihen mit zu Bündeln geschnürten Ruten, genannt Faschinen. Holzpflockreihen und Faschinen ergeben sogenannte Lahnungen. Diese fördern die Sedimentation, also Ablagerungen auf dem Meeresboden, und tragen so zum Schutz der Küste bei. Im Bauhof des LKN.SH in Husum wurden die Rammen eigens für den Einsatz im Wattenmeer konstruiert. Als Basis dient ein Rüttler, wie man ihn von Baustellen her kennt und bei dem die Techniker des Landesbetriebs die Schlagfrequenz verringerten. Um das Gerät herum konstruierten sie ein Gestell, mit dem die Wasserbauer die Ramme auf die Pfähle heben können. „Handelsübliche Maschinen würden bei den außergewöhnlichen Aufgaben im Lahnungsbau schnell an ihre Grenzen stoßen“, schildert Leif Krause. Der Metallbauer und Sicherheitsbeauftragte ist laufend an der Entwicklung der Maschinen beteiligt. Sein Arbeitsplatz befindet sich im Bauhof des LKN.SH, der auch als Schweißfachbetrieb zertifiziert ist.

Entlastende Hilfsmittel

Mann beim Schweißen© Oliver Franke

Vor der Schlosserei des Bauhofs wartet „Herbert“ darauf, defekte Rammen in die Halle zu hieven. Herbert ist ein Kran, der bis zu 500 Kilogramm heben kann. So eine Ramme trägt er mühelos über die Schwelle, wo „Harald“ sie übernimmt. So heißt ein zweiter Kran, der die Rammen bis zur Werkbank weiterreicht. Seit eineinhalb Jahren sind Herbert und Harald beim LKN.SH im Einsatz. Für Olaf Röpnack von der Unfallkasse Nord (UK Nord) sind sie ein Beleg für das besondere Interesse des Landesbetriebs, die Sicherheit und Gesundheit bei der Arbeit in einem kontinuierlichen Prozess weiterzuentwickeln. In der Vergangenheit hatte die UK Nord die besonderen Belastungen angesprochen, die beim Transport von Maschinen für die Beschäftigten entstehen. Der LKN.SH nahm dies zum Anlass, Kräne zu installieren und so die Beschäftigten zu entlasten.

Sicheres Arbeiten

Sicherheit und Gesundheit bei der Arbeit spielen beim LKN.SH eine große Rolle. „Wir schützen Schleswig-Holsteins Küsten“ lautet das Motto des Betriebs. Dr. Johannes Oelerich, Direktor des LKN.SH, leitet daraus einen weiteren Auftrag ab: „Wer andere schützt, muss sich auch auf die Sicherheit bei seiner eigenen Arbeit verlassen können.“ Der Metallbauer und Sicherheitsbeauftragte Leif Krause kann das. In der Chrom-Nickel-Werkstatt arbeitet er mit seewasserbeständigen Metallen von besonders hoher Festigkeit. Ihre enorme Haltbarkeit ist wichtig, weil die Korrosion im Außeneinsatz an der Nordseeküste extrem hoch ist. Metallbauer Krause stellt Halterungen für Klappen und Tore her, er baut Geländer und Treppen. So hochwertig das Material, so ausgeprägt ist der Arbeitsschutz in dem zertifizierten Schweißbetrieb: Jeder Schweißplatz ist mit Absaugvorrichtung und Filteranlagen ausgestattet, die Schleif-Ecken sind schall- und sichtgeschützt. Die Steuerung der hochmodernen Schweißgeräte erfolgt über Kleinschutzspannung. „Die Technik, aber auch der Arbeitsschutz hier sind schon eine Klasse für sich“, schwärmt Krause.

Vielfältige Arbeitsbereiche

In den Zuständigkeitsbereich des LKN.SH fallen viele verschiedene Arbeitsbereiche. Die rund 730 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter – beispielsweise aus den Bereichen Wasserbau, Technik, Geographie, Elektrik oder Biologie – verfügen über unterschiedlichste Qualifikationen. Bau, Instandhaltung und Betrieb von Küstenschutz- und Hafenanlagen zählen zu den Kernaufgaben des LKN.SH, ebenso wie die Verwaltung und Entwicklung des Nationalparks Schleswig-Holsteinisches Wattenmeer. Darüber hinaus unterhält der Landesbetrieb einen gewässerkundlichen Mess- und Beobachtungsdienst, dessen Messdaten Grundlage für Sturmflut- und Hochwasserwarnungen sind. Auch in der Schadstoffunfallbekämpfung trainieren die Beschäftigten regelmäßig, damit im Ernstfall jeder Handgriff sitzt. Wo immer es möglich ist, kommt moderne Technik zum Einsatz. Manches aber geht nur manuell – so wie beim Errichten der Lahnungen.

Zertifizierter Arbeitsschutz

Mitarbeiterfoto© Oliver Franke

Bereits 2014 wurde der LKN.SH von der UK Nord mit dem Gütesiegel „Arbeitsschutz mit System“ ausgezeichnet. Ende 2017 unterzog der Betrieb sich zum zweiten Mal dem Zertifizierungsprozess, wieder mit Erfolg: Im Februar 2018 erfolgte die offizielle Rezertifizierung. Der Lahnungsbau spielte bereits eine große Rolle, als Olaf Röpnack und sein Kollege Hartmut Nitz von der UK Nord beim ersten Zertifizierungsprozess 2014 eine Arbeitskolonne des LKN.SH begleiteten. Mit dabei war auch der Wasserbauer und Sicherheitsbeauftragte Daniel Scheewe. „Zuerst dachte ich, wir werden kontrolliert“, blickt der Mitarbeiter des LKN.SH zurück. „Bis ich dann merkte, dass es darum geht, die Arbeitsprozesse durchzugehen und gemeinsam Verbesserungen zu erarbeiten.“

Die Wasserbauer tauschten sich mit den Auditoren unter anderem über die verschiedenen Schutzmöglichkeiten bei den Arbeiten mit der Ramme aus. So überlegten sie, welche Maßnahmen sich zum Gehörschutz am besten eignen oder wie die Augen ideal vor umherfliegenden Spänen geschützt werden können. Den Tipp der UK Nord, vibrationshemmende Schutzhandschuhe einzusetzen, beherzigte man beim Landesbetrieb sofort. „Wir haben uns verschiedene Modelle besorgt und diese ausprobiert. Heute haben wir für jedes Einsatzgebiet spezielle Arbeitshandschuhe auf Lager“, berichtet Scheewe.

Dezentrale Struktur

Die Betriebsstätten des Landesbetriebs verteilen sich auf 28 Standorte in ganz Schleswig-Holstein. Der Betriebssitz befindet sich in Husum, ebenso wie der Bauhof als zentraler Logistikstandort. Größere Außenstellen gibt es in Kiel, Tönning und Itzehoe. Aber auch auf Halligen wie Oland und Langeneß sind Arbeitskolonnen für die Küstenschutzbauwerke angesiedelt. Für den Landesbetrieb ist es eine Herausforderung, den Belangen des Arbeitsschutzes an all diesen verschiedenen Standorten Genüge zu tun: Hans Jörg Kruse, Geschäftsbereichsleiter Service und Betriebswirtschaft beim LKN.SH, erklärt: „Am Anfang haben wir uns schon gefragt: Wie schaffen wir das bei unseren dezentralen Strukturen?“

Klarheit und Rechtssicherheit

Gemeistert hat der LKN.SH die Herausforderungen dann mit beratender Unterstützung durch die UK Nord. Die Unfallkasse hilft ihren Mitgliedseinrichtungen beim Aufbau sogenannter Arbeitsschutzmanagement-Systeme (AMS, siehe Kasten rechts). Ein AMS schafft Klarheit und Rechtssicherheit im betrieblichen Arbeitsschutz und gibt Antworten auf zwei einfach klingende, aber zentrale Fragen: Was steht wo? Und wer macht was?

Um diese Fragen zu beantworten, entwickelte der LKN.SH zwei Datenbanken. Die eine listet sämtliche Arbeitsmittel auf, die beim Landesbetrieb benutzt werden, und verknüpft sie mit Gefährdungsbeurteilungen und Betriebsanweisungen. Die andere gibt eine Übersicht über alle Beschäftigten und deren Tätigkeiten. Auch hier ist eine detaillierte Gefährdungsbeurteilung für jede der sogenannten gefahrgeneigten Tätigkeiten hinterlegt, ebenso Schutzmaßnahmen und Unterweisungshilfen. „Durch die Datenbanklösung haben unsere Beschäftigten selbst an der entlegensten Stelle des Bundeslands jederzeit eine riesige Bandbreite wertvoller Informationen zur Hand“, sagt Gunnar Görrissen vom Fachbereich Innerer Dienst und Informationstechnik beim LKN.SH. Stolz ist man beim Landesbetrieb darauf, dass mittlerweile auch andere Behörden das System übernommen haben.

Betriebsinternes Netzwerk

Darüber hinaus etablierte der LKN.SH mit den Jahren ein betriebsinternes Netzwerk, um den Austausch zwischen den Beteiligten zu verbessern. Zweimal im Jahr treffen sich die rund 50 Sicherheitsbeauftragten sowie ihre Vertreterinnen und Vertreter im Rahmen des Arbeitsschutz- und Gesundheitsausschusses (ASGA). Auch an den einzelnen Standorten setzen sich die Sicherheitsbeauftragten regelmäßig zusammen, um vor Ort die Sicherheit und Gesundheit bei der Arbeit zu verbessern. Darüber hinaus gibt es im LKN.SH aktive Multiplikatoren, die das Thema Arbeitsschutz stetig weiterentwickeln. Ein Beispiel dafür ist der Maschinenbau-Ingenieur Axel Rathmann, der regelmäßig alle Sicherheitsbeauftragten aus den Sperrwerken zusammenholt. Dann besprechen sie übergreifende Fragestellungen oder sie besuchen gemeinsam Wasserbaustellen im Land.

Kontinuierlicher Prozess

Baggerfahrzeug im Einsatz© Oliver Franke

Bei der Rezertifizierung im Jahr 2017 stand im Fokus, wie sich der Arbeitsschutz im LKN.SH in den Jahren seit der letzten Zertifizierung weiterentwickelt hat. „Entsprechend lassen wir uns berichten, was in der vergangenen Zeit passiert ist und wo es hingehen soll“, schildert Harmut Nitz von der UK Nord. Der Diplom-Ingenieur versteht den Zertifizierungsprozess unter anderem als beratende, unterstützende Dienstleistung, bei der er seine Erfahrungen aus der langjährigen Präventionsarbeit einbringen kann – etwa bei der Frage, wo sich Anforderungen des Arbeitsschutzes ändern und dieser sich neuen Bedingungen anpassen muss.

Ein zunehmend wichtiger werdendes Thema beim LKN.SH ist der Hautschutz: Durch die Arbeit im Freien und durch die Reflexion des Sonnenlichts auf dem Wasser sind viele Beschäftigte einem erhöhten Hautkrebsrisiko ausgesetzt. Vor UV-Strahlung schützende Mützen mit einem Nackenschutz und hochwirksame Sonnencremes stehen daher allen Beschäftigten ebenso zur Verfügung wie Sonnenbrillen und Schutzkleidung. Wegen der Aufgaben im Binnenland stand jüngst auch das Thema Zeckenschutz auf der Tagesordnung. „Früher hatten wir damit weniger Probleme“, schildert der Sicherheitsbeauftragte Daniel Scheewe. Wohl aufgrund des vergleichsweise milden Klimas der letzten Jahre haben sich die Tiere aber auch in Norddeutschland weiter ausgebreitet.

Neue Gefährdungsbeurteilung

Die Auditoren von der UK Nord haben bei der Rezertifizierung auch Maßnahmen geprüft, die gerade erst begonnen wurden. Beim LKN.SH war dies eine Gefährdungsbeurteilung hinsichtlich psychischer Belastungen, die der Landesbetrieb mit viel Engagement und positiver Resonanz durchgeführt hat. „Auf unsere Beschäftigtenbefragung hin erhielten wir einen Rücklauf von 60 Prozent“, berichtet Gunnar Görrissen. Die Ergebnisse wurden in elf Fokusgruppen weiter bearbeitet. 91 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter haben sich hierfür freiwillig gemeldet. Aus der Umfrage wurden mittlerweile mehr als 200 Vorschläge abgeleitet, die derzeit diskutiert und bewertet werden. Der Ausblick des Geschäftsbereichsleiters Hans Jörg Kruse lautet: „Was Hand und Fuß hat und sinnvoll ist, werden wir umsetzen.“ Zweifellos ein guter Ansatz, um immer noch ein Stück besser zu werden.