Reportage
Abenddämmerung vor dem Windpark Borkum 1© Areva Wind/ Jan Oelker

Energie liefern, Sicherheit bieten

Auf hoher See steht der Arbeitsschutz vor besonderen Herausforderungen. Sicherheit hat deswegen im Offshore-Windpark "Borkum I" höchste Priorität.

Die zwölf Elektrotechniker, die sich morgens auf den Weg zum Windpark in der Nordsee machen, wissen genau, welche Arbeiten an diesem Tag durchzuführen sind: Sie werden mehrere Windenergieanlagen warten, unter anderem Turbinen und Aufzugsanlagen. Mit dem Transportschiff „Windea One“ verlassen sie um 7 Uhr den Hafen auf der Insel Borkum. Noch vor dem Auslaufen hat der Kapitän dem Offshore Coordination Center (OCC) die Namen der Elektrotechniker mitgeteilt. Das hat seinen Grund: Um bei einem Notfall die Rettungsmaßnahmen koordinieren zu können, muss die Notfallkontaktstelle genau wissen, wer sich gerade wo befindet.

Männer mit Absturzsicherung© Jens MeierGleich geht es nach oben. Gut zu erkennen ist die Ausrüstung zur Absturzsicherung, die die Männer tragen.

Personal Tracking

Das sogenannte „Personal Tracking“ ist ein wesentlicher Bestandteil des windparkspezifischen Schutz- und Sicherheitskonzepts. Dieses lag bereits sechs Monate vor dem ersten Rammschlag zum Bau des Windparks beim Bundesamt für Seeschifffahrt und Hydrographie zur Genehmigung vor. Kurz vor der Einfahrt in den Windpark „Borkum I“ meldet sich der Schiffsführer noch einmal beim OCC und teilt mit, welche Personen mit welcher Arbeitserlaubnis er gleich absetzen wird. Es ist exakt vorgegeben, welche Qualifikationen und Unterweisungen die Beschäftigten benötigen, um bestimmte Aufgaben ausführen zu dürfen. Diese Anforderungen richten sich danach, wo sich die Mitarbeiter aufhalten, ob sie mit dem Schiff oder Helikopter unterwegs sind und welcher Tätigkeit sie nachgehen.

Teamarbeit für mehr Sicherheit

An der Windenergieanlage angekommen beginnt der anspruchsvollste Teil des Transports: Mit dem gepolsterten Bug stemmt „Windea One“ sich gegen die viele Tonnen schwere Stahlkonstruktion, sechs der zwölf Elektrotechniker steigen über. Ein Auffangsystem schützt sie. Da die Wassertemperaturen an diesem Tag unter 15 Grad liegen, tragen die Männer für den Fall der Fälle einen Überlebensanzug. Dieser würde sie auch im Winter bis zu sechs Stunden lang vor den kalten Temperaturen der Nordsee schützen.

Tool Box Talk

Nachdem die Elektrotechniker die Anlage erreicht haben, meldet der Teamleiter, der mit den anderen auf die Plattform übergestiegen ist, dem OCC, wer soeben die Anlage betreten hat. Im nächsten Schritt weist er die beiden Dreiergruppen in die anstehenden Aufgaben ein. „Tool Box Talk“ nennen sich diese Gespräche, die vor jeder Arbeitsaufnahme auf den Windenergieanlagen und dem Umspannwerk geführt werden.

Schiff vor Windpark© Jens MeierVom Hafen der Insel Borkum aus hat das Transportschiff "Windea One" Kurs auf den Offshore-Windpark genommen.

Der Teamleiter informiert unter anderem über besondere Gefahren, über die Wetterentwicklung und wann die Elektrotechniker wieder abgeholt werden. Dass die Beschäftigten in Dreiergruppen unterwegs sind, ist kein Zufall: „Zu dritt ist es einfacher, sich gegenseitig zu retten und Hilfe zu holen“, sagt Steffen Eilts. Eilts arbeitet als HSE-Manager bei der Trianel Windkraftwerk Borkum GmbH & Co. KG (TWB). Und wie viele Begriffe in seinem Arbeitsbereich ist auch seine Funktionsbezeichnung der englischen Sprache entlehnt: H steht für „Health“ (Gesundheit), S für „Safety“ (Sicherheit) und E bedeutet „Environment“ (Umwelt).

Arbeitsschutz auf hoher See

Die Anforderungen an den Standort einer Windenergieanlage sind ganz besondere: Mensch und Umwelt sollen möglichst wenig belastet werden – und Wind muss es natürlich geben! „Borkum I“ liegt etwa 45 Kilometer vor der namensgebenden Insel und 44 Kilometer nordwestlich der Insel Juist. Mit 25 bis 35 Metern sind die Wassertiefen auf dem rund 56 Quadratkilometer großen Areal ideal für den Betrieb von Offshore-Windkraftanlagen. Ein Umspannwerk mitten auf dem Meer transformiert die erzeugte Spannung auf 155.000 Volt und leitet den Strom per Exportkabel zur Konverterstation „DolWin alpha“ weiter, von wo aus er an Land fließt.

Notfallmaßnahmen

Auch wenn die Nordsee ein hervorragender Standort für einen Windpark ist – als Arbeitsplatz ist dieser Ort doch eher ungewöhnlich und aus Sicht des Arbeitsschutzes herausfordernd. Während bei einem Arbeitsunfall an Land in aller Regel sehr schnell der Rettungsdienst vor Ort ist, sind die Mechaniker und Techniker auf dem Meer zunächst auf sich gestellt. TWB hat sich darauf eingestellt: Zusammen mit benachbarten Windparks unterhält das Unternehmen einen gemeinsamen Rettungshelikopter. Auch hier übernimmt das OCC die Koordination.

Auf jeder Anlage gibt es zudem spezielle Notfallrucksäcke mit Medikamenten und Defibrillatoren sowie die Möglichkeit, medizinischen Rat einzuholen – ein Beispiel für die sogenannte Telekonsultation. „Auch schulen wir unsere Leute jedes Jahr drei Tage lang in Erster Hilfe“, erklärt Steffen Eilts. Und für den Fall, dass die Arbeitskräfte beispielsweise durch eine plötzliche Wetteränderung nicht abgeholt werden können und auf der Anlage übernachten müssen, sind unter anderem Trinkwasser und Lebensmittel vorrätig.

Schutz- und Sicherheitskonzept

Damit Arbeitsunfälle möglichst gar nicht erst entstehen – und um im Ernstfall schnell helfen zu können – hat TWB umfassende Strukturen geschaffen. Mit Erfolg: „Seit geraumer Zeit ist es bei uns zu keinem schweren Unfall gekommen“, berichtet Geschäftsführer Bernd Deharde. Festgehalten sind die Maßnahmen zur Unfallverhütung im Schutz- und Sicherheitskonzept sowie in der Gefährdungsbeurteilung. Grundlage für sämtliche Notfall- und Rettungskonzepte ist ein rund 100-seitiges HSE-Handbuch.

Foto des Windparks aus der Helikopterperspektive© Adwen / Jan OelkerAus der Helikopterperspektive werden die Dimensionen des Windparks deutlich. Wer in den Hubschrauber einsteigt, hat zuvor ein spezielles Training absolviert.

Qualifikation der Beschäftigten

Mit den Sicherheitsmaßnahmen setzt TWB auf verschiedenen Ebenen an. Besonderen Wert legt das Unternehmen auf die Qualifikation und das Bewusstsein der Beschäftigten. So muss sich jeder, der im Windpark arbeiten möchte, einem Sicherheitstraining unterziehen, das speziell auf die Anforderungen im Offshore-Bereich zugeschnitten ist. Denn auf dem offenen Meer gibt es eine Vielzahl möglicher Gefahren, auf die die Beschäftigten vorbereitet sein müssen. In Übungseinheiten mit Bezeichnungen wie „Überleben auf See“ oder „Arbeiten und retten aus der Höhe“ bereiten sich die Beschäftigten auf ihren Einsatz im Windpark vor. In einem Übungscenter proben sie in völliger Dunkelheit, bei ohrenbetäubendem Lärm und in meterhohen Wellen das Erreichen einer Rettungsinsel. Zum sogenannten „Worst-Case-Szenario“ gehört es auch, einen Hubschrauberabsturz mit Überschlag in die Nordsee zu simulieren. Dabei müssen sich die Insassen unter Wasser kopfüber aus den Sitzen des Hubschraubermodells befreien, die Kabinenfenster aus der Einfassung treten und dann zur Oberfläche auftauchen. Definitiv nichts für schwache Nerven – doch im Notfall lebensrettend. Aber auch vermeintliche Kleinigkeiten tragen zur Sicherheit bei. Zum Beispiel sind die Nähte an den Überlebensanzügen so verarbeitet, dass sie nicht an scharfen Kanten hängenbleiben. „Im Dienste der Sicherheit verwenden wir Material und Equipment, das seinesgleichen sucht“, betont Dr. Marcus Delin, Betriebsleiter des Windparks „Borkum I“ und zugleich Sicherheitsbeauftragter. Die hohen Anforderungen gelten auch für die Dienstleister von TWB. Delin: „Unser HSE-Handbuch ist immer Bestandteil des Vertrags.“ Bevor ein Dienstleister tätig werden kann, muss er eine Arbeitsbeschreibung, die Gefährdungsbeurteilung sowie die geforderten Zertifikate der Mitarbeiter einreichen. Die Angaben werden überprüft und in das Arbeitserlaubnissystem eingepflegt. Erst wenn alle Kriterien erfüllt sind, darf der Dienstleister tätig werden.

Unfallverhütung mit Strategie

TWB lebt mit seinen Maßnahmen und Vorgaben eine „Null-Unfall-Strategie“, die auf allen Ebenen wirkt. Elektroingenieur Robert Ferdinand, der als Leitende Elektrofachkraft die Instandhaltung der technischen Infrastruktur auf dem Umspannwerk in der Nordsee leitet, beobachtet als Sicherheitsbeauftragter ein hohes Maß an dem nötigen Bewusstsein: „Bei uns achten alle auf Sicherheit.“

Das Verhalten der Arbeitskräfte ist die eine Seite. Auf der anderen Seite sorgt TWB auch dafür, dass die vorgegebenen Auflagen eingehalten werden. „Viel hat sich zum Beispiel bei den Höhensicherungsgeräten und Auffangsystemen getan. Heute gelten ganz andere Sicherheitsstandards als in der Vergangenheit“, berichtet Bernd Deharde. Ein weiterer Baustein zur Unfallvermeidung besteht darin, gefährliche Tätigkeiten ganz zu vermeiden oder zu minimieren. Der technische Fortschritt ermöglicht so einiges. Ein Beispiel: Um die Rotorblätter von Windrädern zu inspizieren, mussten sich die Spezialisten bislang von oben abseilen. Der Einsatz von Kameras oder Drohnen kann diese Prozedur überflüssig machen. Ähnliches gilt auch unter Wasser: Anstatt Taucher einzusetzen, um Schweißnähte zu überprüfen, schickt TWB ein unbemanntes und kabelgeführtes Unterwasserfahrzeug, im Fachjargon „Remotely Operated Vehicle“, in die Tiefe. „Kritische manuelle Tätigkeiten wollen wir so weit wie möglich automatisieren“, erklärt Geschäftsführer Deharde. Denn die Sicherheit der Menschen geht vor.