Reportage
Sicherheitsbeauftragter in der Kindertagesstätte © Jürgen Schulzki

Sicherheit für Groß und Klein

Heben und Tragen, fehlendes ergonomisches Mobiliar, Lärm und Sonneneinstrahlung sowie erhöhte Infektionsrisiken: Der Arbeitsalltag in einer Kindertagesstätte birgt arbeitsbedingte Gesundheitsgefahren. Um gegenzusteuern, sind bei der Kita „50 Freunde“ Arbeitssicherheit und Gesundheitsschutz Bestandteile des Arbeitsalltags.

Es ist ein klarer Vormittag und die Sonnenstrahlen erreichen die Südseite der Kita „50 Freunde“ in der Kölner Südstadt. Genau dort lassen die Fenster des schlauchförmigen Gebäudes besonders viel Licht herein. Die Räume der Kindertagesstätte sind groß und lichtdurchflutet – die Beschäftigten schätzen diese offene und helle Atmosphäre. Doch insbesondere im Sommer steigt die Temperatur durch die hineinscheinende Sonne in den Räumen so stark an, dass es mitunter unangenehm werden kann. Das ist keine Einzelwahrnehmung: Als die Kita im Jahr 2016 ihre Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter im Rahmen einer Gefährdungsbeurteilung nach Störungsfaktoren befragte, führten viele das Raumklima an.

Sonnenschutz

Um die Sonneneinstrahlung abzufangen, brachte die Kita Jalousien an den Fenstern an. Diese spenden zwar Schatten, dennoch können sich die Räume aufheizen. Auch die acht Ahornbäume, die vor der Fensterfront gepflanzt wurden, sind noch zu klein, um spürbar Schatten zu spenden. Der Erzieher Tobias Spolert fährt an dem sonnigen Tag deshalb die zwei Sonnensegel aus, die die Kita vor der Fensterwand installieren ließ. Diese schützen die Kinder vor den UV-Strahlen, wenn sie draußen im Sand spielen oder mit dem Bobby-Car ein Rennen auf dem nahe gelegenen „Nürburgring“ bestreiten. Ebenso schützen die Segel die Erzieherinnen und Erzieher. Gleichzeitig dunkeln sie auch die Fensterflächen ab und sorgen so für ein angenehmes Klima in den Innenräumen der Einrichtung. Tobias Spolert achtet beim Ausfahren der Sonnensegel darauf, dass kein Kind in unmittelbarer Nähe steht. Zu groß wäre die Verletzungsgefahr, sollte ihm die Kordel einmal abrutschen. Der Erzieher, der sich auch als Sicherheitsbeauftragter in der Kita engagiert, hat die Gefahr im Blick – und die Kordel fest in der Hand.

Belastungsfaktoren

Die Sicherheit – sowohl die der Kinder als auch die der Erzieherinnen und Erzieher – spielt in der Kita eine große Rolle. Das ist nicht selbstverständlich. „In Einrichtungen zum Wohl der Kinder stellen die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter leider gern einmal die eigene Sicherheit und Gesundheit zugunsten der Kleinen zurück“, sagt Nicole Blomberg, Aufsichtsperson bei der Berufsgenossenschaft für Gesundheitsdienst und Wohlfahrtspflege (BGW) in Köln. Das Problem besteht darin, dass die auf Kinder ausgerichtete Kita-Welt aus ergonomischer Sicht nicht auch für Erwachsene geeignet ist: So können beispielsweise das Sitzen an niedrigen Tischen, ebenso wie häufiges Heben und Tragen der Kinder, das Muskel-Skelett-System stark belasten. Der erhöhte Lärmpegel belastet zusätzlich mental. Ein besonderes Risiko geht bei der Kita „50 Freunde“ auch davon aus, dass die meisten der betreuten Kinder jünger als drei Jahre sind und regelmäßig gewickelt werden müssen. „Hierbei können zum Beispiel über Kontakt zu Fäkalkeimen oder durch Tröpfcheninfektion Krankheiten übertragen werden“, erklärt Blomberg. Die möglichen Infektionen reichen von den sogenannten Kinderkrankheiten über saisonale grippale Infekte und Durchfallerkrankungen sowie parasitäre Infektionen wie Läusebefall bis hin zu schweren Infektionskrankheiten wie Hepatitis. Entsprechend hoch sind die Anforderungen an die Hygienestandards.

Organisierter Rundgang

Zwei Frauen beim organisierten Rundgang in der Kindertagesstätte © Jürgen Schulzki Nina Hauser (im Bild links), Leiterin der Kita "50 Freunde" hier mit Sicherheitsingenieurin Anne Ostermann-Myrau beim organisierten Rundgang.

Um die Sicherheit und Gesundheit der Beschäftigten zu gewährleisten, führte die Einrichtung eine Gefährdungsbeurteilung durch, wie das Arbeitsschutzgesetz sie vorschreibt. Hierzu holte sich die Kitaleiterin Nina Hauser die Unterstützung der Sicherheitsingenieurin Anne Ostermann-Myrau. Nach einem ersten Treffen ging es direkt an die Bestandsaufnahme: Während die Beschäftigten in einem Fragebogen über die psychischen Belastungsfaktoren in der Kita Auskunft gaben, analysierten die Kitaleiterin Hauser und die Sicherheitsingenieurin Ostermann-Myrau bei einem sogenannten organisierten Rundgang mögliche Gefährdungen. Beim Rundgang stellten sie an einigen Punkten dringenden Handlungsbedarf fest, aber bei vielen Punkten war die Kita schon sehr gut aufgestellt. „Der Blick einer Außenstehenden hilft, Schwachstellen aufzudecken, die im Alltag nicht mehr wahrgenommen werden“, sagt die BGW-Expertin Blomberg. Doch viele der potenziellen Gefahrenquellen lassen sich auch schnell und mit einfachen Mitteln beheben.

Gefahrenquellen

In der Kita „50 Freunde“ waren es unter anderem sechs Küchenmesser, die offen in einer Schublade in der Erwachsenenküche lagen. Sie wurden auf der Gefahrenampel mit Rot markiert. Nun hängen sie sicher an einer Leiste, die an der Küchenwand befestigt ist. Schwere Gegenstände, die auf Schränken verstaut nicht sicher handhabbar waren und beim Herunterfallen zu einer Gefahr hätten werden können, lagern jetzt auf niedrigerer Höhe. Ebenso dürfen Reinigungs- und Desinfektionsmittel, die als Gefahrstoffe gekennzeichnet sind, nicht über Augenhöhe aufbewahrt werden. Zu groß ist die Gefahr, wenn Gefäße einmal nicht vollständig verschlossen wurden und beim Herunternehmen ätzende Arbeitsstoffe ins Gesicht spritzen. Entsprechende Produkte verschwanden nach dem organisierten Rundgang in einem standfesten Regal in einem gesicherten Raum.

Hygiene

Hygienemaßnahmen in der Kindertagesstätte © Jürgen Schulzki Hygienemaßnahmen wie das Desinfizieren der Hände nach dem Wickelgang schützen die Gesundheit.

Ausführlich beschäftigten sich Nina Hauser und Anne Ostermann-Myrau im Rahmen der Gefährdungsbeurteilung mit dem Thema Hygiene, auf das es ganz besonders am Wickeltisch ankommt. Ergonomische Vorkehrungen hat die Kita am Wickeltisch bereits getroffen: Damit die Erzieherinnen und Erzieher die Kinder nicht auf den Tisch zu heben brauchen, können diese an einer Aufstiegshilfe hinaufklettern. Als Wickelunterlage hat die Kita vor einiger Zeit Ärzterollen aus Papier angeschafft, die die hygienische Reinigung nach dem Wickeln erleichtern. Es gibt auch eine Wanne auf gleicher Höhe, um die Kinder im Bedarfsfall abbrausen zu können. Im direkten Sichtbereich informiert ein übersichtlicher Hautschutz- und Händehygieneplan der BGW über die richtigen Hygienemaßnahmen. Auch das Mittel zur Händedesinfektion ist direkt greifbar. Um Schädigungen der Haut zu vermeiden, stellt die Kita ihren Beschäftigten neuerdings eine Hautschutz- und eine Hautpflegecreme zur Verfügung. Auch das ist ein Ergebnis der Gefährdungsbeurteilung. Die Gefährdungsbeurteilung ergab zudem, dass die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter einer erhöhten Atemwegsbelastung durch versprühtes Flächendesinfektionsmittel ausgesetzt waren. Das verwendete Spray wurde deswegen durch einen Schaum ersetzt. Nina Hauser hat hierzu extra eine Betriebsanweisung erstellt. Diese wird sie demnächst auch noch einmal anpassen. Denn nach einem Hinweis von der BGW wird die Kita den Schaum gegen vorgetränkte Desinfektionstücher austauschen. „Bei den Tüchern ist die Belastung noch geringer“, schildert Nicole Blomberg. Um die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter optimal vor Kinderkrankheiten oder anderen möglichen Infektionen zu schützen, werden die Beschäftigten zudem regelmäßig im Rahmen der arbeitsmedizinischen Vorsorge vom Betriebsarzt beraten. Die Kosten für etwaige beruflich relevante Impfungen der Beschäftigten übernimmt die Einrichtung.

Dokumentation

Für die Kitaleiterin Nina Hauser bedeutete die Gefährdungsbeurteilung anfangs viel Arbeit, beispielsweise erstellte sie gemeinsam mit Anne Ostermann-Myrau einige Unterweisungen neu oder ergänzte bestehende. Aber die Mühen haben sich gelohnt. „Es gibt uns ein gutes Gefühl, in alle Nischen und Ecken geschaut zu haben“, berichtet sie. Ihre Dokumentation pflegt sie im Online-Portal der BGW. Das geht schnell und ist übersichtlich. In der Kita „50 Freunde“ füllen die Erzieherinnen und Erzieher seit der Durchführung der Gefährdungsbeurteilung regelmäßig einen Fragebogen aus, in dem sie Mängel benennen und Verbesserungsvorschläge machen. Der Sicherheitsbeauftragte Tobias Spolert unterstützt die Einrichtungsleiterin Nina Hauser auch, wenn es darum geht, neue Vorschriften umzusetzen. Darüber hinaus hat er ein Auge auf baulichtechnische Mängel und gibt seinen Kolleginnen und Kollegen Tipps, wie sie sicher und gesund arbeiten.

Sicher beim Feiern

Ein gefragter Mann war der Sicherheitsbeauftragte auch in der Weihnachtszeit: Da Stromleitungen für Kinder potenzielle Gefahrenquellen darstellen, kamen in der Kita ausschließlich GS-geprüfte Lichterketten zum Einsatz, die durch Batterien gespeist werden. Elektroteelichter illuminierten die weihnachtliche Tischdekoration. Aber es gibt auch Ausnahmen, beispielsweise wenn die größeren Kinder Geburtstag feiern: Dann brennt im Morgenkreis eine richtige Kerze, die das Geburtstagskind auspusten darf. Zur Sicherheit steht dann aber stets ein Löscheimer griffbereit. Denn auch auf potenzielle Brandgefahren hat der 35-Jährige als Sicherheitsbeauftragter ein besonderes Auge.