Reportage
Foto: Tribüne des Signal Iduna Parks© timluhmann.de

Sicherheit groß denken

Über 80.000 Fußballfans strömen bei Spitzenspielen von Borussia Dortmund ins Stadion, den Signal Iduna Park. Für ihre Sicherheit und Gesundheit sind dann unter anderem die Kräfte des Deutschen Roten Kreuzes im Einsatz – stets unter Gewährleistung ihres Eigenschutzes.

Es ist kurz nach zwölf am 18. März, einem Sonntag. Nach vielen düsteren, verregneten Wochen zu Beginn des Jahres 2018 hat nun die Sonne den Himmel über Dortmund erobert. Genau zur rechten Zeit: Heute spielt die Borussia gegen Hannover 96 und erstmals wird das Bundesligaheimspiel im Signal Iduna Park schon um 13.30 Uhr angepfiffen. Für Christian Behrendt vom Deutschen Roten Kreuz (DRK) ist dieser Zeitpunkt ungewohnt, der Einsatz selbst jedoch Routine. Schon lange vor Spielbeginn hat er in der Befehlsstelle des DRK hoch über den Rängen von Deutschlands größtem Fußballstadion Platz genommen. Hier auf der sogenannten Regieebene sitzen Kräfte von Polizei, Feuerwehr, DRK und Ordnungsdienst direkt nebeneinander. „Wir pflegen kurze Wege. Jeder kennt jeden“, beschreibt Fred Weingardt die Zusammenarbeit. Der stellvertretende Kreisgeschäftsführer vom DRK-Kreisverband Dortmund verantwortet den Einsatz der Sanitäts- und Rettungskräfte im und am Stadion.

Anspruchsvolle Ausbildung

Die Einsatzleitung für das DRK hat heute Christian Behrendt inne. Florian Stommel steht dem ausgebildeten Verbandführer als Führungsassistent zur Seite. Beide sind ehrenamtlich beim DRK tätig. „Wer hier oben sitzt, ist extrem routiniert darin, Großeinsätze zu leiten“, erklärt Fred Weingardt. Einsatzleiter wie Christian Behrendt müssen neben der theoretischen Ausbildung zum Verbandführer zuvor auf den Tribünen des Stadions als Abschnittsleiter tätig gewesen sein. Darüber hinaus haben sie als Führungsassistenten der jeweiligen Einsatzleitung weitere Erfahrungen gesammelt. Und zu guter Letzt müssen sie unter Aufsicht von drei unterschiedlichen Einsatzleitenden die Verantwortung bei Spielen in dem Stadion mit teilweise über 80.000 Fans übernommen haben.

Einsatzleitung© timluhmann.de

Als Verbandführer hat Behrendt bei der Leitung von Großeinsätzen auch stets die Sicherheit der eigenen Kräfte im Blick. Hierbei helfen Schulungen wie beispielsweise „Führen und Leiten von Gruppen“ oder „Führen und Leiten unter hoher psychischer Belastung“. Umfassende Konzepte für verschiedene Szenarien unterstützen die Entscheidungsfindung beim Einsatz. Erarbeitet wurden sie von Verantwortlichen des Ballspielvereins Borussia 09 e. V. Dortmund (BVB), wie der Proficlub mit vollem Namen heißt, gemeinsam mit dem DRK und den für die Gefahrenabwehr zuständigen Behörden. Hierzu zählen insbesondere die zuständigen Verwaltungs- und Ordnungsbehörden sowie die Polizeibehörden auf Ebene der Kommunen, Kreise und Länder. Damit die Abläufe beispielsweise im Evakuierungsfall reibungslos funktionieren, üben die Führungskräfte regelmäßig die in den Konzepten festgelegten Verhaltensweisen. „Wir stellen nach, wo und wie wir uns im Einsatzraum postieren“, erläutert Weingardt. Es ist wichtig, in kritischen Situationen schnell zu reagieren. Deswegen müssen die Abläufe von BVB, DRK, Feuerwehr, Ordnungsdienst und Polizei in solchen Situationen bis ins kleinste Detail einstudiert sein, vergleichbar mit den Spielzügen der Profis auf dem Rasen. „Jeder von uns weiß ganz genau, was er wann zu tun hat“, so Weingardt.

Vor dem Anpfiff: Vorbesprechungen zur Sicherheit

Das heutige Spiel gegen Hannover scheint zumindest auf den Rängen ein ruhiges zu werden. Um 12.30 Uhr treffen sich unter anderem Vertreterinnen und Vertreter von BVB, Personennahverkehr, DRK, Feuerwehr, Ordnungsdienst und Polizei zu einer Vorbesprechung. Kai Ruben, der Sicherheitsbeauftragte des BVB, berichtet, dass der Mannschaftsbus der Hannoveraner pünktlich das Stadion erreicht hat. Die Lage ist entspannt. Auch die szenekundigen Beamtinnen und Beamten der Polizei, die im engen Kontakt zu den Fans stehen, haben keinerlei Anzeichen dafür, dass mit dem Einsatz von Pyrotechnik, Böllern oder aggressivem Verhalten zu rechnen ist.

Für Einsatzleiter Behrendt ist das ein wichtiger Hinweis, den er gleich an die Abschnittsleitenden weitergibt. „Bereits in der Planungsphase achten wir auf den Eigenschutz unserer Einsatzkräfte. Dabei spielen die Erkenntnisse aus der tagesaktuellen Sicherheitsbesprechung eine große Rolle. Schließlich können wir nur helfen, wenn wir selbst gesund sind“, betont er. Bei Spielen, die der Deutsche Fußballbund mit erhöhtem Risiko einstuft, finden deshalb gegebenenfalls mehrere Briefings vor der Veranstaltung statt. Dies geschieht, um etwaigen Gefährdungen vorzubeugen und die Einsatztaktik in Abstimmung mit anderen Behörden anzupassen.

Maximale Sicherheit und schnelle Hilfeleistung

Christian Behrendt hat den Überblick über das Geschehen im Signal Iduna Park. Auf mehreren Monitoren erhält er wichtige einsatztaktische Informationen. Zeitgleich zum Bundesligaspiel findet in den benachbarten Westfalenhallen die Messe „Creativa“ statt, die ebenfalls tausende Menschen anzieht. So stauen sich im Stadionumfeld die Besucherströme. Behrendt lässt deshalb durch einen Abschnittsleiter einen Sanitätstrupp auf den Vorplatz entsenden, wo sich die Fans an den Einlässen drängen.

Über 120 ehrenamtliche Sanitäts- und Rettungskräfte des DRK sorgen beim heutigen Spiel dafür, dass die Stadiongäste im Falle einer Verletzung oder plötzlichen Erkrankung schnellstmöglich Hilfe bekommen. Hinzu kommt der Verstärkungsdienst, der westlich vom Stadion in Position gegangen ist. Im Ernstfall ist die Verstärkungseinheit mit Unterstützung weiterer Katastrophenschutzkräfte in der Lage, auf einer Fläche von 2.200 Quadratmetern einen Behandlungsplatz einzurichten, auf dem pro Stunde 50 Personen behandelt werden können. Auch das ist Teil des umfangreichen Konzepts, mit dem das DRK zusammen mit dem BVB und den Gefahrenabwehrbehörden den Fans ein Maximum an Sicherheit bietet.

Sepp Herberger brachte es einst auf den Punkt: Ein Spiel dauert 90 Minuten. Die Einsatzkräfte des DRK Dortmund aber sind viele Stunden vor Ort. Bereits 150 Minuten vor Öffnung des Stadions beziehen sie ihre Posten und verlassen den Signal Iduna Park frühestens 60 Minuten nach dem Schlusspfiff. „Im Zuge der Fürsorge werden die Einsatzkräfte bei entsprechender Witterung, wie Regen oder Minusgraden, an ihren Standorten regelmäßig abgelöst“, erklärt Weingardt. Bei Temperaturen unter null sind zudem Versorgungsteams unterwegs, um die Helferinnen und Helfer mit heißen Getränken zu versorgen. Den Einsatzkräften stehen neben den Sanitätsräumen auch Sozialräume zur Verfügung, in denen sie sich zwischendurch erholen können.

Sicherheitsbeauftragter vor Ort

Einer, der die Belastungen aus eigener Erfahrung kennt, ist Sebastian Passmann. Der Sicherheitsbeauftragte ist ausgebildeter Notfallsanitäter und für das DRK hauptberuflich im Rettungsdienst tätig. In seiner Freizeit engagiert sich Passmann darüber hinaus auch ehrenamtlich für das DRK und übernimmt im Stadion unter anderem die Funktion des Einsatzabschnittsleiters „Rettungsdienst“. Zwei Rettungswagen und vier Krankentransportwagen sind an diesem Märzsonntag im und am Stadion postiert. Fünf Notärztinnen und Notärzte stehen bereit. Zwei von ihnen sind mit mobilen Notfalltrupps unterwegs, die unter anderem mit einem tragbaren Elektrokardiografen (EKG) ausgestattet sind. So sind sie im Ernstfall rasch zur Stelle und können die Erstmaßnahmen der Sanitätskräfte vor Ort unterstützen. Schutzausrüstung gemäß Taktik.

Foto vom Stadion© timluhmann.de

Ausrüstung von Rettungskräften

Sebastian Passmann weiß, was die Einsatzkräfte bei einem Bundesligaspiel zu berücksichtigen haben. Dieses Wissen hat er sich durch Erfahrung und Schulungen angeeignet, beispielsweise zum Sicherheitsbeauftragten bei der Unfallversicherung Bund und Bahn. Eine wichtige Rolle spielt die Ausrüstung. Fast schon automatisch „scannt“ Passmann jede Sanitäts- und Rettungskraft, die er im Stadion antrifft: Er prüft, ob die Persönliche Schutzausrüstung (PSA) den Vorgaben des DRK entspricht. Dieses stattet alle Einsatzkräfte mit Sicherheitsschuhen, Feuerwehrhelm sowie Schutzkleidung mit Warnwirkung und Reflektionsflächen aus. Ob jemand ehrenamtlich oder hauptberuflich tätig ist, spielt dabei keine Rolle: „Im Sinne des Unfallschutzes werden alle unsere Einsatzkräfte als Beschäftigte gewertet“, berichtet der stellvertretende Kreisgeschäftsführer Weingardt. Allerdings gibt es auch Situationen, in denen die PSA der Einsatztaktik angepasst wird. Das ist sogar bei einem Großteil der Spiele der Fall, wenn die Einsatzkräfte ihre Feuerwehrhelme nicht am Körper tragen, sondern für den Fall der Fälle im Sanitätsraum hinterlegen. „Wir leben in Dortmund eine Strategie der Deeskalation“, sagt Weingardt. Die Helmpflicht greift beispielsweise, wenn mit Böllerwürfen zu rechnen ist. Bei der Entscheidung helfen der Einsatzleitung die Briefings, die vor dem Spiel stattfinden.

Eigenschutz hat Vorrang

Um die Sicherheit der Einsatzkräfte zu gewährleisten und um ungestört ihren Aufgaben nachzugehen, können die DRK-Kräfte jederzeit auf die Unterstützung des Ordnungsdienstes zählen. Im Bedarfsfall greift auch die Polizei ein. Im Stadion werden die Einsatzkräfte des DRK nur sehr selten Opfer von direkten Angriffen. Auch die Gefahr, bei einer Schlägerei zwischen die Fronten zu geraten, ist dank der umfangreichen Sicherheitsvorkehrungen sehr gering. „Wenn sogenannte Fans sich unbedingt prügeln wollen, finden diese Auseinandersetzungen in der Regel im öffentlichen Raum statt. Im und am Stadion ist das fast nicht möglich“, sagt Weingardt.

Auch wenn die Polizei durchgreifen müsste, ist der Eigenschutz der DRK-Kräfte gewährleistet. Wenn die Polizei Maßnahmen wie den Einsatz von Pfefferspray plant, wird die Befehlsstelle des DRK darüber in Kenntnis gesetzt. Die Einsatzleitung zieht dann ihre Kräfte aus dem betroffenen Bereich zurück und richtet sich zeitgleich darauf ein, entsprechende medizinische Hilfe zu leisten.

Ruhiger Einsatz

Im Schnitt versorgen die Einsatzkräfte bei einem Bundesligaspiel im Signal Iduna Park 60 Personen. Die Bandbreite der Anlässe ist groß, das Meiste entfällt jedoch auf kleinere Malaisen wie Schnittwunden oder Insektenstiche. Fred Weingardt erinnert sich an viele unterschiedliche Situationen: „Wir haben schon fast alles erlebt – nur noch keine Geburt.“ Die gibt es auch an diesem Sonntag nicht. Am Ende blickt man beim DRK auf einen eher ruhigen Einsatz zurück. 40 Hilfeleistungen sind beim Einsatzleiter Christian Behrendt aufgelaufen. Zwei schwerwiegende Fälle zeigen, wie wichtig eine funktionierende Sicherheitsinfrastruktur ist: Ein Fußballfan musste mit Verdacht auf Herzinfarkt ins Krankenhaus eingeliefert werden und bei einer Frau wird ein Schlaganfall vermutet. Bei 80.000 Menschen im Stadion fallen auch diese beiden Fälle in den Bereich der Routine. Und zu guter Letzt holt der BVB drei Punkte und gewinnt gegen Hannover mit 1 : 0.