Verkehrssicherheit
Frau am Fahrsimulator© IAG

Traumatischer Verkehrsunfall

Wer einen Verkehrsunfall erlitten hat, entwickelt nicht selten Ängste. Im Arbeitsumfeld kann ein offenes Ohr helfen. 

Erinnerungsfetzen tauchen urplötzlich vor dem inneren Auge auf. Der Verkehrsunfall, obwohl er schon mehrere Wochen zurückliegt, ist präsenter denn je. Angst macht sich breit. Die Hände beginnen zu schwitzen, krampfen sich um das Lenkrad. Die Wahrnehmung der stark befahrenen Autobahn wird zur inneren Zerreißprobe, das Fahren selbst zur unüberwindbaren Hürde. Es gibt Menschen, die genau das erleben.

Posttraumatische Belastungsstörungen

Jeder Mensch reagiert anders auf traumatische Erlebnisse. Angst, ungewolltes Wiedererleben und Entfremdung sind Beschwerden, die häufig bei einer sogenannten Posttraumatischen Belastungsstörung (PTBS) vorkommen. Zudem vermeiden Betroffene oft bestimmte Situationen, Orte oder Personen, die sie an den Unfall erinnern. „Im Normalfall verschwinden solche Symptome nach einer gewissen Zeit wieder. Bei einigen Betroffenen jedoch nicht. Sie leiden auch mehrere Wochen oder Monate danach noch immer unter den genannten Symptomen. Oft wird bei diesen Personen eine Posttraumatische Belastungsstörung diagnostiziert“, erklärt Dr. Jürgen Wiegand, Leiter des Bereichs Verkehrssicherheit beim Institut für Arbeit und Gesundheit der Deutschen Gesetzlichen Unfallversicherung (IAG).

Begleitende Fahrangst

Besonders schlimm sind Fahrängste für Menschen, die pendeln oder bei denen das Fahren Teil des Berufs ist. „Viele Betroffene gestehen sich das Problem erst spät ein, wenn die Beanspruchung durch die ständige Anspannung beim Autofahren zu hoch wird“, weiß Dr. Wiegand. Nicht selten führt eine Fahrphobie, also die Angst vor dem Autofahren, zur Arbeitsunfähigkeit oder sogar zum Verlust des Jobs. Auch weil die Angst zu einem erhöhten Unfallrisiko führt, sollte sie unbedingt ernst genommen werden. Eine professionelle Behandlung verringert das Risiko, dass die Angstzustände dauerhaft bleiben, also chronisch werden.

Unterstützung nach Verkehrsunfällen

Betroffenen fällt es oft schwer, über ihre Beschwerden zu reden. Ein entscheidender Faktor beim Heilungsprozess kann das Arbeitsumfeld sein. Kolleginnen und Kollegen kennen einander. Sie wissen, wie sich jemand im Normalfall verhält und wie nicht. „Unterstützung zu signalisieren ist ein guter Anfang. Ein offenes Ohr anbieten, ohne aufdringlich zu wirken“, empfiehlt Dr. Wiegand. Auch Sicherheitsbeauftragte können gut unterstützen, indem sie gerade nach Unfällen ein Auge auf Betroffene haben. Sie können nach Anzeichen möglicher Belastungen schauen und gegebenenfalls den Betriebsarzt informieren. Um den Verlust der Arbeit zu verhindern, können Unternehmen die Betroffenen mit anderen, verwandten Tätigkeiten beauftragen. So könnte beispielsweise ein Lastkraftwagenfahrer bei der Wartung und Reinigung der Fahrzeuge eingesetzt werden.

Fahrsimulator als Therapieergänzung

In welchem Umfang „virtuelles Fahren“, gemeint ist das Training in einem Fahrsimulator, dazu beitragen kann, Fahrphobien zu therapieren, untersucht zurzeit ein Forschungsprojekt. Das von der DGUV geförderte Projekt wird in Kooperation zwischen dem Würzburger Institut für Verkehrswissenschaften (WIVW) und der Hochschulambulanz für Psychotherapie der Universität Würzburg durchgeführt. Bestandteil des Projekts ist die Pilotstudie „Fahrsimulation zur Behandlung von Fahrangst nach Verkehrsunfällen“. Die Studie startete im Jahr 2015 und läuft aktuell noch. 14 Patientinnen und Patienten nahmen bis dato an der Pilotstudie teil und setzten sich – psychotherapeutisch begleitet – im Fahrsimulator des IAG mit ihren Ängsten auseinander. Ziel ist es, die Behandlungsangebote der gesetzlichen Unfallversicherung zu optimieren. Eine abschließende Fahrprobe mit einem Fahrschullehrer sowie eine verkehrspsychologische Bewertung dienen zur Überprüfung, ob die Maßnahmen wirksam sind.

Überwinden von Fahrphobien

„Allen Patientinnen und Patienten gelang es am Ende des einwöchigen Fahrtrainings, einen Rundkurs bestehend aus Gewerbegebiet, Landstraße, Stadt und einem Stück Autobahn zu durchfahren“, sagt Dr. Wiegand. 71 Prozent zeigten dabei, laut Fahrlehrer, keinerlei Auffälligkeiten. Auch wenn im Vergleich dazu die verkehrspsychologische Beurteilung etwas kritischer ausfiel, so ergaben Nacherhebungen, dass bei einem Großteil der Teilnehmenden der Behandlungserfolg aufrechterhalten oder im Nachgang verbessert werden konnte. „Nur eine Person verlor im Nachhinein wieder die Fähigkeit, Auto zu fahren“, berichtet Dr. Wiegand. Damit kommt die Studie zu dem vorläufigen Ergebnis, dass die Therapie am Fahrsimulator helfen kann, Fahrphobien zu bekämpfen. „Zudem kann ein sicherheitsgerechtes Fahrverhalten kontrolliert und gefördert werden“, erklärt Dr. Wiegand abschließend.