Fahrerassistenzsysteme: Digitale Schutzengel
Aktivierte Fahrerassistenzsysteme beugen Unfällen vor. Doch in der Praxis werden sie gerade in Lkw häufig abgeschaltet. Dank KI könnte sich das künftig ändern.
Geschrieben von: Mirko Heinemann
Datum: 10.09.2026
Lkw-Fahrerinnen und Lkw-Fahrer in Deutschland schalten die Assistenzsysteme ihrer Fahrzeuge häufig aus. Das ergab eine Umfrage im Auftrag des Deutschen Verkehrssicherheitsrates (DVR) im Oktober und November 2025. 59 Prozent der Befragten gaben an, ihre Assistenten nicht durchgehend zu nutzen. 19 Prozent deaktivieren bestimmte Systeme eigenen Angaben zufolge häufig, 40 Prozent schalten Assistenten zumindest gelegentlich aus.
Besonders unbeliebt ist der Spurhalteassistent. Von den 19 Prozent der Befragten, die ihre Systeme regelmäßig abschalten, gibt etwa die Hälfte an, den Spurhalteassistenten zu deaktivieren. Der intelligente Geschwindigkeitsassistent folgt mit 16 Prozent. Auf Platz drei landet der Abstandsregeltempomat mit 15 Prozent. Der Abbiegeassistent und der Notbremsassistent werden vergleichsweise selten abgeschaltet.
"Auch wenn das System mal nervt: Es wird im Ernstfall dein Leben retten."
Beschäftigte werden zu selten in Fahrerassistenzsysteme eingewiesen
Knapp 32 Prozent der Beschäftigten gaben an, keinerlei Einweisung in die Nutzung der Systeme erhalten zu haben. Laut Christopher Frank, Experte für Verkehrssicherheit an der DGUV Akademie, fehlt den Fahrerinnen und Fahrern aber auch Vertrauen in die Systeme, weil sie schlechte Erfahrungen gemacht haben. „Auf normalen, gut markierten Strecken funktionieren Spurhalteassistenten gut. Aber dort, wo sie besonders sinnvoll wären, beispielsweise bei der Durchfahrt durch enge Baustellen, reagieren die Systeme häufig nicht korrekt“, so Frank.
Das ist ein bekanntes Problem. Die Systeme basieren auf optischer Spurerkennung. Sie können durch Baustellenmarkierungen oder fehlende Begrenzungen an ihre Systemgrenzen kommen und im schlimmsten Fall versagen.
KI kann Verhalten vorhersagen
Mit Hilfe von künstlicher Intelligenz (KI) sollen Fahrerassistenzsysteme zuverlässiger werden. KI-unterstützte Assistenzsysteme können kritische Situationen mit Objekten oder anderen Fahrzeugen besser berechnen. Sie nutzen dafür eine Kombination aus Fahrzeugdaten, Kamerabildern und den Sensoren zur Messung der vorderen, hinteren und seitlichen Abstände. So können sie andere Verkehrsteilnehmende in der Umgebung des Fahrzeugs erkennen – auch Personen, die zu Fuß oder mit dem Fahrrad unterwegs sind. Deren Verhaltensweisen im Verkehr lassen sich mit KI-Systemen besser erfassen und vorhersagen. Dadurch können Unfälle, so die Hoffnung, besser vermieden werden.
Ob mit oder ohne KI: Assistenzsysteme erhöhen bereits jetzt die Sicherheit, weshalb bei neu zugelassenen Fahrzeugen mehr von ihnen vorgeschrieben sind – von Spurhalte-, Notbrems- und Geschwindigkeitsassistenten bis hin zu Rückfahrassistenten. Neu zugelassene Lkw benötigen zusätzlich ein Reifendruckkontrollsystem, einen Abbiegeassistenten sowie Totwinkel- und Anfahrassistenten. Außerdem müssen sie mit einer Notbremsanzeige ausgestattet sein, die bei einer Notbremsung blinkende Bremslichter oder den Warnblinker aktiviert, um den nachfolgenden Verkehr zu warnen. Seit 2026 sind neu zugelassene Lkw zudem mit einem System ausgestattet, das nachlassende Aufmerksamkeit des Fahrers oder der Fahrerin erkennt und ein Warnsignal abgibt.
Fahrerassistenzsysteme werden weiter verbessert
Damit diese Systeme die Sicherheit erhöhen, müssen sie eingeschaltet sein. Sicherheitsbeauftragte können für die Akzeptanz der Fahrerassistenzsysteme werben, indem sie auf den Nutzen verweisen. Christopher Frank appelliert: „Auch wenn das System manchmal nervt: Es wird im Ernstfall dein Leben retten.“ Damit die KI-gestützten Assistenzsysteme Unterschiede und damit die Relevanz von Gegenständen und Verkehrsteilnehmenden erkennen, müssen sie von Menschen trainiert werden.
In der Praxis sollen von den Fahrzeugen erhobene Sensordaten an den Hersteller gesendet werden. Sie fließen in die jeweils nächste Softwareversion ein, die dann in bestimmten Zeitabständen aufgespielt wird. So werden die Systeme immer weiter trainiert. Entscheidungen von KI-Systemen müssen aber immer übersteuerbar bleiben. So wie es bislang schon für Fahrerassistenzsysteme gilt. Sie sollen und können unterstützen. Die Verantwortung für die Sicherheit auf den Straßen liegt weiterhin bei den Fahrerinnen und Fahrern.
- Allein 2024 waren rund 338.000 Verkehrsunfälle mit Personenschaden auf menschliches Fehlverhalten zurückzuführen (Destatis)
- Fahrerassistenzsysteme können die Unfallzahlen um bis zu 34 Prozent senken (Wissenschaftliche Begleitstudie der Kampagne „Sicher. Für Dich. Für Mich.“ der BG Verkehr von 2016)
- Unternehmen sollen laut Empfehlung der BG Verkehr eine Dienstanweisung zur Aktivierung von Assistenzsystemen erlassen. Ein situationsbedingtes Deaktivieren (z.B. bei bestimmten Witterungsverhältnissen oder im Baustellenbereich) sollte nur kurzfristig erfolgen, und die Systeme müssen im Anschluss direkt wieder aktiviert werden.
- Einweisungen, Unterweisungen und Verkehrssicherheitsschulungen können Fahrerinnen und Fahrer auf den Umgang mit Assistenzsystemen vorbereiten und ein besseres Verständnis für Sicherheitsrisiken vermitteln.
Eine Unterweisungskarte der BG Verkehr hilft in der Praxis.