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Wie spreche ich es als Sibe an?
Kommunikation ist für Sibe ein wichtiger Teil ihres Ehrenamtes. © Getty Images/nortonrsx

Arbeitssicherheit : Wie spreche ich es als Sibe an?

Die richtige Ansprache ist für Sibe ein Schlüssel zum Erfolg. Kommunikationsexpertin Renate Mayer gibt Tipps, wie sie vorgehen können.

Frau Mayer, Sicherheitsbeauftragte sollen idealerweise auf Augenhöhe kommunizieren, müssen aber zugleich Probleme ansprechen. Wie gelingt es ihnen, erfolgreich zu ihren Kolleginnen und Kollegen durchzudringen?

Renate Mayer: Am wichtigsten ist, dass sie sich dieser herausfordernden Konstellation bewusst sind. Sie sollten ja auf eine Verhaltensänderung hinwirken, haben aber keine Weisungbefugnis. Sie sind lediglich Kollegin bzw. Kollege und Verhaltenskorrektur am Arbeitsplatz ist eigentlich Führungsaufgabe. Sicherheitsbeauftragte dürfen aber nicht in die Falle tappen, sich plötzlich wie eine Führungskraft anzuhören, sondern sollten in der Ansprache kollegial bleiben. Dabei kann ihnen helfen, die drei psychologischen Grundbedürfnisse zu kennen.

Renate Mayer, Expertin für Arbeitsschutzkomunikation © Anne Robles Garcia

Welche sind das?

Das sind Autonomie, Kompetenz und sozialer Bezug. Autonom fühle ich mich, wenn ich sagen kann: Das kann ich selbst. Kompetent fühle ich mich, wenn ich sagen kann: Das kann ich gut. Und sozialer Bezug bedeutet, wenn ich jetzt dieses oder jenes mache, dann gehöre ich zu einer Gruppe dazu und fühle ich mich dort gut aufgehoben. Sprechen Sicherheitsbeauftragte jemanden auf unsicheres Verhalten an, dann schneiden sie alle dieser drei Grundbedürfnisse an.

Wenn sie sagen: Das kann so nicht bleiben!, oder Das muss da weg, dann hat die andere Person vorher nicht kompetent gehandelt, falsch entschieden und ist in der Gruppe die Ausnahme. Es ist daher wichtig, sich zu überlegen, wie jemand abgeholt werden kann.

Können Sie ein Beispiel nennen, wie das funktioniert?

Nehmen wir einen versperrten Fluchtweg. Den können sich Sicherheitsbeauftragte und der Kollege, der dort eine Palette abgestellt hat, gemeinsam anschauen. Im besten Fall sagt die Sibe nicht, dass alles Mist sei, sondern fragt den Kollegen, ob er nicht einen besseren Platz dafür wüsste. Er kenne sich hier doch aus und habe bestimmt eine Idee. Ansonsten könne man auch gemeinsam überlegen.

Was empfehlen Sie für die Kommunikation selbst?

Hilfreich zum Einstieg sind manchmal auch kollegiale Formeln. Da gibt es regionale Besonderheiten wie das Hömma im Ruhrgebiet. Also: Was machst du da gerade? Eine solche Ansprache zeigt an, dass beide auf Augenhöhe sind. Wichtig ist, auch sonst so zu sprechen, wie es im Betrieb üblich ist. Das kann auch sehr direkt und etwas rauer sein. Wenn es in einem guten Ton, oft noch mit einem Lächeln und mit einer kooperativen Haltung passiert, dann sind solche Ansprachen völlig legitim.

Der nächste Schritt wäre, Überzeugungsarbeit zu leisten, damit die andere Person versteht, warum es wichtig ist, das eigene Verhalten zu ändern ...

Das geht am einfachsten, wenn die Angesprochenen selbst überrascht sind und merken, dass ihnen vielleicht nur ein kleiner Wissensschnipsel gefehlt hat und sie sich ihres Fehlers nicht bewusst waren. Also zum Beispiel, wenn jemand vergessen hat, auf dem Gerüst die persönliche Schutzausrüstung gegen Absturz einzuklinken, es aber eigentlich vorhatte. Diese Person ist dann meist dankbar für den Hinweis.

Aber was ist, wenn Sicherheitsvorkehrungen bewusst weggelassen werden?

Das ist der wesentlich mühsamere Teil. Dann dauert die Überzeugungsarbeit länger, und als Sibe darf man sich auch nicht der Illusion hingeben, dass es mit einem einzigen Gespräch getan ist. Wenn es gelingt, den ersten kleinen Schalter umzulegen, dann hat man schon etwas erreicht. Und im nächsten Gespräch vielleicht noch den nächsten und dann die Führungskraft bitten, mal in einer größeren Runde im Team das Thema einmal anzusprechen.

Wie lässt sich dieser Schalter umlegen?

Was gut funktioniert, ist, mit Szenarien zu arbeiten. Also beispielsweise, wenn man die angesprochene Person kennt und weiß, was sie für Hobbys hat. Meinetwegen spielt sie gern Tennis oder Fußball. Dann macht man das Szenario auf, indem man fragt: Was denn wäre, wenn das nicht mehr ginge? Was würde es für dich bedeuten, wenn du das nicht mehr machen kannst? Das ist ein gutes Mittel bei Themen wie Lärm, bei denen der gesundheitliche Effekt nicht gleich zu merken ist.

In einem meiner Seminare hat eine Teilnehmerin einen ihrer Praxisfälle geübt und einen anderen, jüngeren Teilnehmer in einer Simulation gefragt, ob er schon mit 50 ein Hörgerät tragen wolle. Die gäbe es mittlerweile in blau und pink, sähen schick aus. Die Reaktion war sehr stark, denn das wollte er natürlich nicht. Als sie noch den Hinweis gab, dass Lärmschwerhörigkeit irreversibel ist, konnte sie ihn davon überzeugen, wie wichtig es ist, das Gehör zu schützen.

Und wenn es partout nicht gelingt, zu einer Person durchzudringen?

Wenn das Gefühl da ist, da verhält sich jemand bewusst falsch, raucht meinetwegen trotz Unterweisung in einem Raum mit Acetondämpfen, dann würde ich in Richtung Führungskraft schielen. Es ihr überlassen. Man darf sich als Sibe auch nicht überfordern. Solche Interventionen sind dann wirklich Führungsaufgabe.

Zur Person

Dr. Renate Mayer ist Expertin für Arbeitsschutzkommunikation. Sie berät Unternehmen und bietet Trainings für Sicherheitsbeauftragte und Führungskräfte an. Außerdem ist sie Autorin und hat unter anderem „Kommunikation für Sicherheitsbeauftragte“ geschrieben.