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Optimal vorbereitet bei Höhenarbeit
Der Sicherheitsbeauftragte Holger Peters gehört zu den Trainern, die bei der STILL GmbH zu Höhenarbeit unterweisen. © Frank Siemers

Arbeitssicherheit : Optimal vorbereitet bei Höhenarbeit

Die STILL GmbH hat eine eigene „Trainingsanlage Höhenarbeit“ installiert. Beschäftigte lernen hier, sich richtig zu sichern – und andere zu retten.

Holger Peters ist routiniert. Mit wenigen Handgriffen legt er seinen Auffanggurt an. „Jeder hat bei uns seine eigene persönliche Schutzausrüstung“, erklärt der Schlosser und Sicherheitsbeauftragte (Sibe). Noch den Helm aufsetzen, dann geht es zur „Trainingsanlage Höhenarbeit“ – einer Metallkonstruktion, die sich unauffällig in die große Werkshalle der STILL GmbH in Hamburg einfügt. Wer hier trainiert, muss zunächst die schmale Leiter erklimmen, die senkrecht in Richtung Hallendecke ragt. Es dauert eine Weile, bis Peters die Zielplattform auf sechs Metern Höhe erreicht. Denn den großen Schnapphaken seines Falldämpfers, eine von zwei Sicherungsvorrichtungen, muss er immer wieder händisch ein- und aushaken – Sprosse für Sprosse.

Vor jedem Höhentraining: Die persönliche Schutzausrüstung (PSA) anlegen, wie hier der Sicherheitsbeauftragte Holger Peters. © Frank Siemers

Eine schweißtreibende Angelegenheit, selbst für den erfahrenen Ausbilder Peters. Auch die vier Kollegen, die heute hier geschult werden, müssen sich nach jeder Kletterpartie erst einmal das Gesicht abwischen. Aber darüber beschwert sich hier niemand: Dass die Instandhalter und Anlagenführer im eigenen Unternehmen die Arbeit in der Höhe üben können, ist ein echter Gewinn, findet Peters.

Holger Peters hakt seinen Auffanggurt in das Höhensicherungsgerät und den Bandfalldämpfer an der Leiter ein. © Frank Siemers

Im Jahr 2019 wurde die Trainingsanlage des Intralogistikunternehmens STILL eingeweiht. Hier und in den anderen Hallen des Hamburger Werkes werden Gabelstapler produziert, auch ein Verwaltungsgebäude gehört zu dem riesigen Gelände. In die Höhe verschlägt es nur wenige der rund 3.000 Beschäftigten. Konkret sind es derzeit 70 Personen aus Instandhaltung und Logistik. Diese müssen unter anderem die bis zu 30 Meter hohen Regale emporklettern. Höhenarbeit wie diese hat ein großes Risikopotenzial. Deswegen sind Arbeitgebende verpflichtet, Beschäftigte mit Schutzmaßnahmen nach dem TOP-Prinzip vor Risiken durch Abstürze zu schützen.

Bis zu 30 Meter hoch sind die Regale in den Lagern von STILL. Wer hier mit einer Leiter hochsteigt, muss gut gesichert sein. © Frank Siemers

Regelmäßige Unterweisungen

Dass sich eine hauseigene Trainingsanlage in diese Maßnahmenkette einreiht, ist laut Torsten Mühlmann eher selten und aus seiner Sicht „herausragend“. Mühlmann ist die zuständige Aufsichtsperson der Berufsgenossenschaft Holz und Metall (BGHM). Er weist auf die geltenden Vorschriften hin: „Die PSA-Benutzungsverordnung schreibt vor, dass die Nutzung von Schutzausrüstung, die vor tödlichen Gefahren oder bleibenden Schäden schützen soll, mit praktischen Übungen einhergehen muss.“ Und zwar im Rahmen der jährlichen betrieblichen Unterweisung.

34.470

meldepflichtige Absturzunfälle bei betrieblicher Tätigkeit gab es im Jahr 2024. Mit 10.087 passierten die meisten davon auf Leitern. 53 Absturzunfälle endeten tödlich.

Quelle: DGUV Arbeitsunfallgeschehen 2024

Torsten Mühlmann, Aufsichtsperson der BGHM. © Frank Siemers

Rundum gut geschützt

In den meisten Fällen ist für Beschäftigte aus Instandhaltung und Logistik die PSA der geeignetste und praktikabelste Schutz vor Abstürzen. Denn technische Maßnahmen, die bevorzugt einzusetzen wären, sind oftmals keine Alternative: „Wenn ich eine Störung an einem Förderband beheben muss, das unter der Hallendecke verläuft, habe ich da kein Geländer. Auch mit Hubarbeitsbühnen können nicht alle Bereiche unter der Decke oder im Lager sicher und ergonomisch erreicht werden“, sagt Mühlmann. „Dann bleiben häufig nur andere Sicherungsmaßnahmen.“ Daher betont er: Je durchdachter und „handfester“ praktische Übungen mit PSAgA sind, umso besser.

In der Gabelstaplerproduktion laufen Förderbänder unterhalb der Decke. Bei Störungen geht es daher in die Höhe. © Frank Siemers

Wann ist eine Absturzsicherung erforderlich?

  • Ab einem Meter Absturzhöhe: bei Arbeiten an freiliegenden Treppenläufen, an Wandöffnungen oder Bedienungsständen von Maschinen
  • Ab zwei Meter Absturzhöhe: Absturzsicherung immer verpflichtend
  • Unabhängig von der Absturzhöhe: bei Arbeiten an und über Wasser oder anderen flüssigen oder festen Stoffen, in denen Beschäftigte versinken können

Schutzmaßnahmen gegen Absturz nach TOP-Prinzip

Beim TOP-Prinzip gilt: technische vor organisatorischen vor personenbezogenen Maßnahmen

Technisch:

  • Absturzeinrichtungen, die einen Absturz verhindern, etwa Geländer oder Brüstungen
  • Auffangeinrichtungen, zum Beispiel Netze
  • Hubarbeitsbühnen

Organisatorisch:

  • Praxisnahes Training oder Schulungen, zum Beispiel mithilfe der Feuerwehr, an eigenen oder betriebsfremden Trainingsanlagen
  • PSA-Schulungen, etwa durch den Hersteller
  • Sicherung von Gefahrenbereichen gegen unbefugten Zutritt

Personenbezogen:

  • Persönliche Schutzausrüstung gegen Absturz (PSAgA)
  • Gute körperliche und geistige Verfassung; wer krank ist, unter Schwindel leidet oder anderweitig eingeschränkt ist, darf nicht in der Höhe arbeiten

Klicktipp: Benutzung von PSA gegen Absturz

Ideen für gesunde und sichere Arbeit sind gern gesehen

Arbeitsschutz hat bei STILL einen besonders hohen Stellenwert. Das Thema sei in dem 1920 gegründeten Intralogistikunternehmen „historisch gewachsen“, sagt Carsten Roling, Fachkraft für Arbeitssicherheit (Sifa) bei STILL. „Ideen für sichere und gesunde Arbeit werden von unserer Geschäftsführung mit offenen Armen empfangen.“ Eine solche Idee war die Trainingsanlage Höhenarbeit. Sie kam damals aus der Instandhaltung, sagt Roling, der ebenfalls zu den Ausbildern gehört. Die Abteilung Arbeitssicherheit hat das Projekt dann bis zur Umsetzung begleitet und ein Trainingskonzept erstellt.

Das hat auch die BGHM überzeugt. Im Jahr 2024 erhielt STILL für das Projekt den BGHM- Sicherheitspreis – als einen von insgesamt vier Preisen, darunter auch die höchste BGHM-Auszeichnung für die „Kultur der Prävention“. „In den letzten zwölf Jahren wurde der Arbeitsschutz im Betrieb Schritt für Schritt systematisiert“, sagt Aufsichtsperson Mühlmann. Maßgeblich sei das Engagement von Steffen Stech, der leitenden Fachkraft für Arbeitssicherheit gewesen. „Das Team hat einen langfristigen Plan auf die Beine gestellt. Die Beschäftigten wurden dabei mitgenommen und steuern selbst regelmäßig kreative Ideen bei.“

Interne oder externe Weiterbildung zur Höhenarbeit?

Doch wie werden praktische Übungen zur Höhenarbeit durchgeführt, wenn es keine betriebseigene Trainingsanlage gibt? Laut Mühlmann bieten viele Hersteller von PSA Lehrgänge für ihre Produkte an. „Eine solche Einweisung ist aber nicht gleichzusetzen mit einer betrieblichen Unterweisung. Es ist eher eine Ergänzung.“ Für die jährliche Unterweisung können Beschäftigte externe Schulungen wahrnehmen, die verschiedene Unternehmen und Organisationen anbieten. STILL hat seinerzeit Schulungsangebote anderer Firmen genutzt. „Diese externen Trainings waren aber nie auf uns zugeschnitten. Zudem war die Planung schwierig. Alle Beteiligten waren den ganzen Tag extern gebunden, und wenn jemand krank wurde, fiel die Schulung ganz aus“, sagt Sifa Oliver Meier. Deswegen beantwortet das Sifa-Team die Frage, ob sich die 50.000 Euro teure Anlage denn gelohnt habe, ganz klar mit „ja“.

Haben das Höhentraining konzipiert: Michael Klose, Oliver Meier und Carsten Roling (von links). © Frank Siemers

Zwölf Regeln, acht Module – und ein Trainingsabschnitt zur Rettung

Zurück zur Schulung. Das mehrstündige Training folgt klaren „Spielregeln“, die gut sichtbar an der Wand gegenüber der Anlage ausgehängt sind. „Wenn ich mich nicht gut fühle, klettere ich auch nicht“, heißt es dort etwa, oder „Ruhiges und besonnenes Klettern“, „Helm tragen“, „Handyverbot“. Das Training selbst ist in acht Module unterteilt. Die korrekte Nutzung der PSA, das Leitersteigen und das Abseilen gehören dazu. Aber noch etwas wird an diesem Tag trainiert: die Rettung von verunfallten Personen. „Bei uns lernen das alle Teilnehmenden, damit sie im Notfall selbst ihre Kolleginnen und Kollegen bergen können“, sagt Oliver Meier. Zwar wird bei einem Absturz grundsätzlich die Feuerwehr gerufen, aber bis zu deren Eintreffen können wertvolle Minuten verstreichen. Ein großes Risiko für die betroffene Person, denn: Hängt diese über längere Zeit bewegungslos in ihrem Auffanggurt, wird die Blutzirkulation in den Beinen vermindert – und es droht ein Hängetrauma, das im schlimmsten Fall zu einem Kreislaufschock führt.

Klicktipp

DGUV Information zu Erste Hilfe-Notfallsituation: Hängetrauma

Rettung in der Höhe

Deswegen üben zwei Mitarbeiter nun genau das: die Rettung aus der Höhe. Gar nicht so einfach, denn der rettende Kollege muss auf der schmalen Leiter an der verunfallten Person vorbeiklettern. „Er muss über dem Kollegen einen Festpunkt setzen, das Rettungsgerät anlegen und kann ihn dann abseilen“, erklärt Oliver Meier. Das sogenannte Rettungsgerät besteht aus einer Kurbel und einem langen Seil und wird bei jedem Unfall eingesetzt. Auch diese Aktion dauert mehrere Minuten, aber es gelingt. Klar wird spätestens heute allen Anwesenden: Sicheres Arbeiten in der Höhe ist komplex, ebenso wie die dafür benötigte PSA. Deswegen hinterfragt hier auch niemand mehr, warum solch ein praxisnahes Training sinnvoll ist.

Auch bei einer Rettung muss der Einsatz der PSA sitzen. Hier wird dies noch mit der Unterstützung von Trainer Michael Klose geübt. © Frank Siemers

Mit direktem Austausch die Schulungen stetig verbessern

Noch etwas gelingt bei den internen Schulungen besonders gut: der Austausch. „Wir bekommen bei den Trainings ganz viel wichtigen Input von den Beschäftigten. Etwa dazu, bei welchen Übungen sie noch Bauchschmerzen haben oder was schon total gut funktioniert“, sagt Sifa Oliver Meier. So können die verantwortlichen Ausbilder das Schulungskonzept stetig weiterentwickeln und verbessern. Bisher sei das Feedback der Kolleginnen und Kollegen sehr gut. Auch für Holger Peters ist ein offener Austausch im Arbeitsalltag sehr wichtig. Sowohl in seiner Funktion als Trainer für Höhenarbeit als auch als Sicherheitsbeauftragter. Die Rollen würden hin und wieder verschwimmen, sagt er. „Im Arbeitsalltag kommt auch mal ein Kollege zwischendurch mit einer Frage auf mich zu. Dann können wir spontan zur Trainingsanlage gehen und uns das anschauen.“ Auch für jedes andere Arbeitsschutzthema ist er immer ansprechbar.

Sicherheitsbeauftragte spielen eine zentrale Rolle

Dass Peters als Sibe so ein gutes Standing in seinem Team hat und sich auch die notwendige Zeit für sein Ehrenamt nehmen kann, hat bei STILL ebenfalls einen strukturellen Hintergrund: Das Unternehmen hat vor einigen Jahren ein Konzept entwickelt, das die Rolle der Sibe stärkt, ihre Weiterbildung forciert und den Zusammenhalt fördert. Heute hat Holger Peters aber erst einmal eine andere Mission: Von der Plattform der Trainingsanlage wieder nach unten kommen. Die Leiter benutzt er dafür nicht. Stattdessen befestigt er das Rettungsgerät an seiner PSA, öffnet eine Luke im Boden der Plattform und seilt sich langsam ab. Geschafft. Auch die anderen Teilnehmer absolvieren die Unterweisung ohne nennenswerte Zwischenfälle. Bisher blieb es übrigens beim Training einer Personenrettung – einen echten Absturzunfall gab es noch nicht. Was für alle Beschäftigten zählt, ist aber das sichere Gefühl: Im Notfall sind wir vorbereitet.