Arbeitssicherheit : Virtuelle Realität im Brandschutztraining
Eine VR-Brille und einen Handcontroller, der in Aussehen, Größe und Gewicht einem Feuerlöscher nachempfunden ist. Mehr Hardware braucht es nicht, um eine virtuelle Löschübung durchzuführen. Der Rest ist Software. Doch wie gut funktionieren Brandschutzübungen mit Virtual Reality (VR) im Vergleich mit klassischen Schulungen? Erleichtert es die digitale Technik, den Brandschutz in Betrieben zu stärken und Brandschutzhelferinnen und Brandschutzhelfer zu schulen? Die Berufsgenossenschaft Rohstoffe und chemische Industrie (BG RCI) hat dies in einer Studie untersucht.
Dafür wurden klassische und virtuelle Löschtrainings miteinander verglichen. Dabei zeigte sich, dass Teilnehmende ohne Vorerfahrung im Umgang mit Feuerlöschern in der virtuellen Umgebung zunächst Schwierigkeiten hatten. Für die Erstausbildung fehlt es in der virtuellen Realität meist noch an der Haptik.
Bestehendes Wissen ausbauen
Wer dagegen bereits regelmäßig an realen Löschübungen teilgenommen hatte, empfand das VR-Training als attraktive Ergänzung. Diese Erkenntnis deckt sich mit den bestehenden DGUV-Regularien. „Unsere Untersuchung hat gezeigt, dass VR vor allem für Personen geeignet ist, die bereits praktische Erfahrungen gesammelt haben“, sagt Tim Kuhne, Referent im Referat Brandschutz der BG RCI und Leiter des Sachgebiets „Betrieblicher Brandschutz“ der DGUV. „Für die Erstausbildung ist VR noch nicht vollumfänglich geeignet. Wer aber schon reale Löschübungen absolviert hat, kann mit dem virtuellen Training sein Wissen gut festigen.“
Leichter Fehler erkennen mit VR
Außerdem kann VR Schwung in die Wiederholung oder die Brandschutzunterweisung bringen. Viele Systeme zeigen inzwischen detailliert an, wie reagiert wurde, welche Fehler passiert sind und was beim nächsten Mal besser laufen kann. Das sorgt für Motivation und macht Lernfortschritte sichtbar.
Dennoch sind beim Einsatz von VR verschiedene Punkte zu beachten. Gewicht und Lautstärke lassen sich zwar teilweise realistisch simulieren, Rückstoß und Hitze hingegen nur schwer abbilden. Meist braucht es dafür spezielle Zusatzhardware. Außerdem ist es wichtig, dass die Löschszenarien in der virtuellen Welt realitätsnah bleiben. „Manche Anbieter erstellen Szenarien, in denen Lithium-Ionen-Akkus gelöscht werden, obwohl das laut DGUV-Information 205-041 ‚Brandschutz beim Umgang mit Lithium-Ionen-Batterien‘ und weiteren Fachbereichsveröffentlichungen ausdrücklich nicht vorgesehen ist“, gibt Kuhne zu bedenken. Betriebliche Brandschutzhelfende sollten grundsätzlich nicht versuchen, Batteriebrände zu löschen, sondern nur Entstehungsbrände.
Auch andere Fälle sind der Feuerwehr vorbehalten: „Wenn der ganze Schreibtisch brennt, sollen sich Personen lieber in Sicherheit bringen und keine Löschversuche unternehmen. Das müssen VR-Systeme ebenfalls berücksichtigen“, so Kuhne. Wer digitale Löschübungen in Erwägung zieht, sollte also genau hinsehen: Stimmen die Inhalte mit den geltenden Vorgaben überein? Entsprechen sie der Gefährdungslage im eigenen Unternehmen? Für Sicherheitsbeauftragte bedeutet das: Sie sollten aufmerksam bleiben, wenn neue Trainingsformen auftauchen, und auf geprüfte Systeme hinweisen. Welche Systeme eingesetzt werden, entscheiden in der Regel Brandschutzbeauftragte oder Fachkräfte für Arbeitssicherheit. Sicherheitsbeauftragte können das Thema aber anstoßen und wertvolle Impulse in der Diskussion geben.
Was Sicherheitsbeauftragte über VR-Trainings wissen sollten
- Gelerntes auffrischen oder vertiefen: Trainings mithilfe virtueller Realität ersetzen nicht klassische Löschtrainings für Erstausbildungen
- Abwechslung: Sie bringen frischen Schwung in die Brandschutzunterweisung
- In kleinen Gruppen: Für größere Unterweisungen und Wiederholungsausbildungen ist der Zeitaufwand zu hoch
- Hohe Anschaffungskosten: Systeme daher lieber leihen oder mieten
Ausrüstung passend einstellen
Neben den inhaltlichen und organisatorischen Kriterien bringt auch die Technik ihre Eigenheiten mit, die beim Training berücksichtigt werden sollten. Wer noch nie einen Feuerlöscher in der Hand hatte, schätzt im virtuellen Raum die Entfernungen oft falsch ein. Manche Teilnehmende empfinden zudem beispielsweise ein System mit einer VR-Brille als ungewohnt oder berichten über leichten Schwindel. Weiterhin muss nach jedem Durchgang die Ausrüstung desinfiziert und teilweise neu individuell eingestellt werden – daher muss genügend Zeit eingeplant werden, besonders bei Brandschutzunterweisungen mit vielen Teilnehmenden.
Trotzdem sieht Kuhne großes Potenzial: „Brandschutztraining ist immer die Vorbereitung auf den Ernstfall. Wenn Technik, Inhalte und Regularien zusammenpassen, kann VR langfristig ein wertvolles Werkzeug sein.“ In der Praxis eignet sich das virtuelle Training besonders für Auffrischungen von bereits geschulten Brandschutzhelferinnen und -helfern – am besten in einer kleinen Gruppe.
