Gesundheitsschutz : Gut geschützt vor Hitze in Pflegeeinrichtungen
Die hellgrauen Jalousien an den bodentiefen Fenstern sind halb heruntergelassen, die Holzrahmen sorgen für warme Farbtöne: Die Außenfassade des AWO Seniorenzentrums in Sauerlach bei München wirkt freundlich – und verspricht dank der vielen Glasfronten viel Licht im Inneren. Das schätzt auch der Sicherheitsbeauftragte Izmir Dervisevic, der gerade eine der Jalousien einer kurzen Prüfung unterzieht. Er weiß aber auch: „Viel Licht ist schön, doch es bedeutet im Sommer auch viel Hitze, wenn man nicht gegensteuert.“ Und die kann in der Pflege zum Risiko werden.
An diesem Vormittag sind die Temperaturen in der oberbayerischen Gemeinde Sauerlach zwar moderat. Doch es lässt sich erahnen, dass die Räume extrem aufheizen können, wenn die Sonne den ganzen Tag auf die Glasflächen knallt. Deswegen hat das Seniorenzentrum mit seinen 63 Bewohnenden und rund 70 Beschäftigten vor einigen Jahren reagiert und zusätzliche Maßnahmen zur Verschattung angestoßen. Und nicht nur das: Um sichere und gesunde Arbeits- und Wohnbedingungen an heißen Tagen zu gewährleisten, wurde ein ganzes Maßnahmenpaket auf den Weg gebracht – basierend auf einem umfangreichen Hitzeschutzplan.
Hitzeschutz in der Pflege mit Plan
Verantwortlich für diesen Plan ist Michaela Haas. Die Qualitätsmanagerin des Seniorenzentrums wurde im Jahr 2022 auf das Projekt „Hitzeresiliente und gesundheitsfördernde Lebens- und Arbeitsbedingungen in der stationären Pflege“, kurz HIGELA, aufmerksam. Initiiert wurde es von der Deutschen Allianz Klimawandel und Gesundheit e. V. (KLUG) und dem Arbeiterwohlfahrt Bundesverband e. V. (AWO). „Für das Projekt wurde eine Fachperson gesucht, die einen Hitzeschutzplan erarbeitet“, sagt Haas. „Und da ich mich sehr für Umweltthemen interessiere, habe ich das in die Hand genommen.“
Das Ergebnis ist ein mehrseitiges Excel-Dokument in Ampelfarben, das Michaela Haas nun in der Hand hält. Jeder Farbe sind Maßnahmen nach dem TOP-Prinzip zugeordnet. Ziel ist es, mithilfe der Maßnahmen sprichwörtlich immer im grünen Bereich zu bleiben – und schnell reagieren zu können, wenn die Temperaturen doch mal über 26 Grad steigen.
Maßnahmen gegen Hitze nach dem TOP-Prinzip
Technisch:
- geeignete Dämmung des Gebäudes einplanen oder nachrüsten
- Sonnenschutz/Verschattung an den Fenstern/Glasflächen etc. installieren
- Begrünung am und um das Gebäude
Organisatorisch:
- Hitzeschutzplan rechtzeitig umsetzen und aktuell halten
- Lagerungsbedingungen von Medikamenten prüfen
- Ernährungskonzepte für heiße Tage einplanen
- Aushänge/Newsletter zu richtigem Verhalten bei Hitze, auch für Angehörige
- Lüften sowie körperliche Aktivitäten und anstrengende Arbeiten in den kühleren Morgen- und Abendstunden
- Sonnenschutzzonen und/ oder „Kälteinseln“ einrichten
- Wasser bereitstellen und ans Trinken erinnern
- auf luftige Kleidung achten
Personenbezogen:
- Schulungen/Unterweisungen der Beschäftigten
- Gespräche anbieten und aufmerksam sein, falls Beschäftigte oder Bewohnende gesundheitlich beeinträchtigt oder überlastet wirken
Risiken bei Hitze in der Pflege – verschärft durch Klimawandel
Das ist vor allem in der stationären Pflege ganz wichtig. Die Bewohnenden sind eine besonders vulnerable Gruppe, und das nicht nur aufgrund möglicher Vorerkrankungen. „Ältere Menschen schwitzen kaum noch und haben ein verändertes Wärmeempfinden“, sagt Haas. Entsprechend treffen die Menschen auch selten selbst Maßnahmen, um sich vor Überhitzung und Herz-Kreislauf-Problemen zu schützen.
Doch auch für die Beschäftigten sind hohe Temperaturen eine Belastung, und zwar in mehrfacher Hinsicht. Sie sind verantwortlich dafür, die Bewohnenden zu schützen. Zudem steigt die ohnehin enorme körperliche Anstrengung, wenn Pflegerinnen und Pfleger die Bewohnenden waschen, sie in den Rollstuhl setzen oder umbetten.
Gleichzeitig sind sie oft mit zusätzlichen Herausforderungen konfrontiert: „Leider steigen die Fälle von Gewalt und Aggressionen gegen Pflegende insgesamt. Und dieses Problem nimmt bei Hitze nachweislich nochmals zu“, sagt Lilly Leppmeier, Klimakoordinatorin bei der Berufsgenossenschaft Gesundheitsdienst und Wohlfahrtspflege (BGW).
Der Klimawandel verschärft diese Risiken: Tage mit Höchsttemperaturen über 30 Grad und sogenannte Tropennächte, in denen das Thermometer nicht unter 20 Grad fällt, nehmen insgesamt zu. Beides wurde während der extrem heißen Sommer 2003, 2015, 2018 und 2022 „in Deutschland verstärkt registriert“, heißt es auf der Webseite des Umweltbundesamtes. Umso wichtiger ist es, dass Pflegeeinrichtungen aktiv werden, und zwar „präventiv, und nicht erst, wenn das Thema Hitze bereits akut ist“, betont BGW-Expertin Lilly Leppmeier.
Dabei hilft ein Hitzeschutzplan. Mustervorlagen dafür gibt es zahlreich. Wichtig sei laut Leppmeier aber, dass Verantwortliche sie im Hinblick auf ihren Arbeitsplatz individualisieren. Für das besagte HIGELA-Projekt hat Michaela Haas in Sauerlach einen Muster-Hitzeschutzplan speziell für die stationäre Pflege entwickelt. Im ersten Schritt sammelten Haas und eine weitere Kollegin relevante Daten. Welche Besonderheiten gibt es im vollstationären Bereich, welche Hitzerisiken gibt es für Beschäftigte und Bewohnende? Daraus wurden dann die Maßnahmen nach Ampelprinzip abgeleitet.
Ein Hitzeschutzplan kann Teil der Gefährdungsbeurteilung sein. Ob der Plan am Ende als separates Dokument geführt wird, liege im Ermessen der Einrichtung, sagt Lilly Leppmeier von der BGW: „Das hängt davon ab, womit der Betrieb besser arbeiten kann und was zu den bisherigen Arbeitsschutzstrukturen passt.“ Viele Risiken durch Hitze lassen sich laut Leppmeier im Rahmen der Gefährdungsbeurteilung psychische Belastung ermitteln.
29 Grad Celsius
sollte die Raumtemperatur am Arbeitsplatz und auch in Zimmern von Bewohnenden im Pflegeheim maximal betragen. Bei über 26 Grad sollten, ab 30 Grad müssen Arbeitgebende geeignete Maßnahmen zur Kühlung treffen.
Quelle: Technische Regel für Arbeitsstätten ASR A3.5 Raumtemperatur
Sicherheitsbeauftragte können Hitzeschutz unterstützen
Die Risiken und Maßnahmen sollten alle Beschäftigten kennen – insbesondere aber die Sicherheitsbeauftragten. Sie können Verantwortliche in dem Bestreben unterstützen, dass die Maßnahmen von den Mitarbeitenden auch umgesetzt werden. Izmir Dervisevic, der Sicherheitsbeauftragte im AWO Seniorenzentrum, befürwortet den neuen Hitzeschutzplan der Einrichtung sehr. „In den Jahren davor gab es hier kein einheitliches Hitzekonzept, Maßnahmen wurden eher spontan entschieden“, sagt er. „Heute ist alles viel strukturierter, professioneller.“
Der Hitzeschutzplan benennt nicht nur die konkreten Maßnahmen, sondern auch die jeweiligen Verantwortlichen im Team. Laut Dervisevic waren auch die Schulungen zum Thema durch Michaela Haas für alle Beteiligten sehr hilfreich – für seine hauptamtliche Tätigkeit und auch seine Sibe-Rolle. Der ausgebildete Pfleger Dervisevic ist seit 2024 Wohnbereichsleiter, vor anderthalb Jahren wurde er Sicherheitsbeauftragter. Dass er das Ehrenamt trotz seiner Führungsposition übernahm, erschien allen Beteiligten sinnvoll. Er kennt das Haus sehr gut und ist nicht nur pflegerisch,sondern auch technisch versiert, wie man im Gespräch schnell merkt.
Die Schutzmaßnahmen rund um das Thema Hitze hat Dervisevic verinnerlicht, dank der besagten Schulungen, aber auch wegen der guten Kommunikation mit Qualitätsmanagerin Michaela Haas. Haas hat für ihren Hitzeschutzplan natürlich nicht nur mit Sibe Dervisevic gesprochen, sondern auch mit den anderen Beschäftigten, die wertvollen Input liefern konnten: „Wir haben viele Pflegerinnen aus dem südeuropäischen Raum, die uns etwa den Tipp gaben, die Ruhezeiten in der Mittagszeit zu verlängern und kühle Tücher für Handgelenke und Nacken bereitzustellen.“ Vor allem die Kühltücher seien heute extrem beliebt.
Izmir Dervisevic findet eine weitere Maßnahme besonders gut: „Wir haben seit einiger Zeit neue Arbeitskleidung. Der Stoff ist leichter und angenehmer zu tragen. Wenn es richtig heiß wird, dürfen wir laut Hitzeschutzplan auch eigene Kleidung von zuhause tragen.“ Eine weitere Investition war der Getränkeautomat. Hier versorgen sich Beschäftigte und Bewohnende mit Wasser. Gerade zapfen sich Michaela Haas und ein Pfleger ein Glas und nutzen die Zeit für einen kurzen Austausch.
Genauso wichtig ist eine gute Planung. Schwere Arbeiten oder Gymnastik werden in die Morgen- oder Abendstunden verlegt. Auch gibt es einen Sommer-Essensplan. Zudem müssen neben dem Team auch die Angehörigen involviert werden: „Sie müssen mit darauf achten, dass für die Bewohnenden passende Kleidung vorhanden ist“, sagt Haas. Über diese und weitere Themen werden die Angehörigen per Newsletter informiert.
Hitzeschutzplan erstellen: Tipps zur Vorbereitung
- Arbeitgebende bzw. andere Verantwortliche im Betrieb oder in der Einrichtung müssen sich die Inhalte eines Hitzeschutzplanes nicht komplett selbst erschließen.
- Seit 2024 gibt es bundesweit einheitliche Empfehlungen für betriebliche Hitzeschutzpläne.
- Diese Musterpläne sollten auf Basis der betrieblichen Gefährdungsbeurteilung individualisiert werden –bestenfalls in Zusammenarbeit mit den Beschäftigten und den Sicherheitsbeauftragten.
- Der Hitzeschutzplan kann Teil der Gefährdungsbeurteilung sein oder als eigenständiges Dokument geführt und gepflegt werden.
Klicktipps:
Hier gibt es Tipps zu Hitzeschutz und Hitzeschutzplan der BGW
Handlungshilfen zur Erstellung eines Hitzeschutzplan der Planetary Health Academy
Allgemeine Infos zu Hitzeschutzmaßnahmen auf der Seite Klima, Mensch, Gesundheit
Priorität haben dem TOP-Prinzip entsprechend aber die technischen Maßnahmen, damit Räume erst gar nicht unangenehm aufheizen. Hier sind Verschattung und Kühlung von außen die zentralen Faktoren, am besten durch Jalousien, die die Fenster komplett verschließen. BGW-Expertin Lilly Leppmeier empfiehlt zudem Begrünung am und rund um das Gebäude. „Das hat einen doppelten Effekt: Pflanzen spenden Schatten und kühlen durch die Verdunstung von Feuchtigkeit.“ Wichtig sei allerdings, dafür nicht allergene Pflanzen zu wählen.
In Sauerlach umrahmen Bäume das Seniorenzentrum und werfen je nach Tageszeit Schatten auf die Hauswände. Vor allem aber sind sie Schattenspender in den beiden Gärten an der der Rückseite des Hauses. Mehrere Sitzgruppen wurden an besonders schattigen Stellen als sogenannte Kühlzonen eingerichtet. Zusätzlich schützen Sonnensegel und große Sonnenschirme vor Hitze und UV-Strahlung, erklärt Michaela Haas: „Hier sitzt an heißen Tagen eigentlich immer jemand.“
Zur Verbesserung der Außenverschattung erreichte Haas im vergangenen Jahr einen Meilenstein: Auch an allen Dachfenstern wurden Jalousien angebracht, die ab einer bestimmten Temperatur und Sonneneinstrahlung automatisch ausfahren. „Der Effekt ist deutlich spürbar, wir haben rund zehn Grad weniger unter dem Dach“, sagt Haas. Bei so kostenintensiven Hitzeschutzmaßnahmen war teilweise Geduld gefragt, denn hier braucht es eine Genehmigung des Trägers. „Manches lässt sich nur Schritt für Schritt realisieren. Aber ich hatte immer die Rückendeckung der Einrichtungsleitung.“
Die genannten Maßnahmen unterstützt Sicherheitsbeauftragter Izmir Dervisevic tatkräftig. „Ich achte darauf, ob es beispielsweise genug Kühltücher gibt oder ob die Pausenzeiten eingehalten werden“, sagt er. Auch die technischen Aspekte hat er mit im Blick: Er tauscht sich regelmäßig mit dem Hausmeister aus, falls ihm ein Problem mit den Jalousien auffällt oder ein Fenster nicht richtig schließt.
Austausch mit den Beschäftigten ist unverzichtbar Zentral für den Erfolg ist offene, regelmäßige Kommunikation. „Es ist wichtig, zuzuhören, dann erfährt man von den Beschäftigten auch, wenn etwas nicht gut läuft“, sagt Dervisevic. Es habe eine Weile gedauert, bis alle vom Hitzeschutzplan überzeugt gewesen seien, erinnert er sich: „Mittlerweile ist für die Beschäftigten aber klar geworden, dass es nicht nur um die Bewohnenden geht, sondern auch um sie selbst.“ Das bestätigt auch Michaela Haas. „Ich musste viel Überzeugungsarbeit leisten.“
Die spürbaren Verbesserungen sprächen aber mittlerweile für sich. Haas empfand die Arbeit am Hitzeschutzkonzept als Lernprozess, in dem auch mal etwas weniger gut gelang. „Wir hatten angedacht, kleine Wannen für kühle Fußbäder zu installieren. Das haben wir aber schnell verworfen, denn nasse Füße und Böden sind ein Sicherheitsrisiko.“ Grundsätzlich ist ein Hitzeschutzplan ein lebender Organismus, der jedes Jahr erneut geprüft und gegebenenfalls aktualisiert werden muss. Für diesen Sommer fühlt sich das Team gut gerüstet – und freut sich auf angenehme Stunden im verschatteten Garten.
Klicktipp
Tipps und Publikationen zur Arbeit an heißen Sommertagen liefert die Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin