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KI in der Pflege: Wie ein neues Tool Pflegekräfte entlastet
Pflegekraft Babu Jinci kann ihre Pflegetätigkeiten jederzeit per KI-Spracherkennung ihres Smartphones dokumentieren. © Frank Siemers

Digitalisierung : KI in der Pflege: Wie ein neues Tool Pflegekräfte entlastet

Ein KI-Tool zur Spracherkennung entlastet Pflegekräfte bei der Dokumentation. Wie sich das auf den Alltag auswirkt und warum menschliches Mitdenken weiterhin.

Frau M. sitzt auf der Bettkante, die Blutdruckmanschette wurde gerade abgenommen. Pflegekraft Babu Jinci greift nicht zum Kugelschreiber, sondern zum Diensthandy und aktiviert in einer App die Sprachaufnahme. „Blutdruck 120 zu 80, Puls 72“, spricht sie leise hinein. Auf dem Display erscheint der Text in Echtzeit. Ein kurzer Blick, eine kleine Korrektur, dann bestätigt sie den Eintrag und macht sich an die nächste Aufgabe.

„Anfangs waren Beschäftigte verunsichert, im Beisein der Bewohnenden oder ihrer Angehörigen das Handy in die Hand zu nehmen. Sie hatten Sorge, dass der Eindruck entstehen könnte, sie würden private Nachrichten verschicken“, berichtet Narjiss Salhi.

Sie arbeitet in der stationären Pflegeeinrichtung St. Franziskus in Bremen, die seit einigen Monaten ein KI-gestütztes Sprachdokumentationssystem einsetzt. Die Pflegekräfte nutzen die Technik in Form einer App auf ihren Diensthandys, die sie seit der Einführung ständig bei sich tragen.

KI in der Pflege: Dokumentationstool spart Pflegekräften Zeit

Als Wohnbereichsleiterin versteht sich Narjiss Salhi als Ansprechperson für ihr Team. Sie hört zu, beantwortet Fragen und behält im Blick, ob die Mitarbeitenden mit der neuen Technik gut zurechtkommen. „Die Angehörigen und Bewohnenden früh über die neue Technik zu informieren, ist ein wichtiger Schritt für erhöhte Akzeptanz“, sagt Salhi.

Bevor das sprachgesteuerte System eingeführt wurde, standen den Mitarbeitenden für administrative Aufgaben in einem Dienstzimmer zwei Computerarbeitsplätze zur Verfügung. Dokumentiert wurde meist gebündelt am Ende einer Schicht. Oft kam es dabei zu Stoßzeiten. Wer schreiben wollte, musste auf ein freies Gerät warten. Das war frustrierend und führte oft zu Überstunden. Zugleich bestand das Risiko, dass Informationen verloren gehen.

Statt Texte zu tippen, können Beschäftigte ihre Beobachtungen jetzt einsprechen. Das führt dazu, dass insgesamt mehr und vollständiger dokumentiert wird. Informationen müssen nicht mehr bis zur nächsten Pause im Kopf gespeichert werden. Auch lose Zettel oder Notizen auf dem eigenen Arm – eine verbreitete Notlösung im Pflegealltag – sind nicht mehr notwendig.

Mit der Einführung der KI und den Diensthandys änderte sich der gesamte Ablauf der Dokumentation. Pflegekräfte dokumentieren nun oft direkt dort, wo die pflegerische Handlung stattfindet. „Jede Pflegekraft hat ein eigenes Endgerät und kann Maßnahmen erfassen und Pflegeberichte einsprechen“, beschreibt Wohnbereichsleiterin Salhi die neuen Abläufe.

Neue Technik im Pflegealltag

Salhi und ihr Team werden bei den ersten Schritten mit dem neuen Tool von Ina Tinis begleitet. Die akademisierte Pflegefachkraft ist Teil der Forschungsinitiative TCALL, die in Bremen eine enge Zusammenarbeit zwischen Pflegepraxis, Hochschule und Universität aufbaut, um Innovationen in der Pflege gut umzusetzen.

„Wir prüfen gemeinsam, was KI im Pflegealltag leisten kann, und was es braucht, damit solche Programme sinnvoll eingeführt werden“, sagt Ina Tinis. Eine Erkenntnis möchte sie anderen Einrichtungen mit ähnlichen Vorhaben mitgeben: Die Komplexität solcher Veränderungen sollte niemand unterschätzen.

Ina Tinis von der Forschungsinitiative TCALL und Narjiss Salhi, Wohnbereichsleiterin der Caritas Bremen kümmern sich zusammen darum, das KI-Tool in den Arbeitsalltag zu integrieren. © Frank Siemers

KI in der Pflege: Einführung des Tools vorbereiten

Neben technischen Fragen spielen organisatorische, rechtliche und arbeitsbezogene Aspekte eine wichtige Rolle. Dazu zählt etwa der Datenschutz. So erfordert die Dokumentation per Spracheingabe viel Feingefühl im Umgang mit sensiblen Daten. „Die Mitarbeitenden wurden besonders darin geschult einzuschätzen, welche Orte für datenschutzsichere Dokumentation geeignet sind“, erklärt Tinis.

Zudem war das Qualitätsmanagement gefragt, ergonomische und hygienische Tragekonzepte für die Diensthandys zu entwickeln. Sicherheitsbeauftragte können hierbei unterstützen und darauf achten, dass neue Arbeitsgeräte und -abläufe in der Gefährdungsbeurteilung berücksichtigt werden.

Auch aus Sicht der Berufsgenossenschaft für Gesundheitsdienst und Wohlfahrtspflege (BGW) ist eine sorgfältige Einführung entscheidend. Christina Müller, Präventionsexpertin der BGW, weist darauf hin, dass neue digitale Arbeitsmittel auch neue Gefährdungen mit sich bringen können. So sollte etwa klar geregelt sein, dass nicht im Gehen ins Handy gesprochen werden sollte, da das Risiko für Stolper-, Rutschund Sturzunfälle steigt.

KI-Einführung in den Arbeitsalltag: Darauf können Sibe achten

  1. Gefährdungsbeurteilung aktualisieren: neue Technik und veränderte Arbeitsabläufe berücksichtigen
  2. Ganzheitlicher Blick: IT, Arbeitsschutz und Datenschutz zusammendenken, dabei zum Beispiel Qualitätsmanagement und Betriebliches Gesundheitsmanagement einbeziehen
  3. Mitarbeitende beteiligen: Software und Hardware gemeinsam erproben; Rückmeldungen und Stimmungsbild aktiv einholen
  4. Führungskräfte sensibilisieren: Techniklotsinnen und -lotsen, also Beschäftigte, die in der Etablierungsphase unterstützen, sollte dafür zeitlich freigestellt werden
  5. Hinschauen und nachsteuern: Probleme und Schulungsbedarf erkennen; weitere Schulungen und ggf. Anpassungen des Zeitplans bei den Projektverantwortlichen vorschlagen; individuelle Lösungen für unsichere Beschäftigte ermöglichen

KI in der Pflege dient als Hilfsmittel

Das KI-Tool unterstützt viele Bereiche der Pflegedokumentation: von Vitalwerten über Wund- und Schmerzdokumentation bis hin zu Bewegungs- und Ernährungsprotokollen. Auffälligkeiten kennzeichnet die KI direkt in der App. Dafür orientiert sie sich an Werten, die im bereits seit langem verwendeten Dokumentationssystem der Pflegeeinrichtung hinterlegt sind.

In diesem System erfolgen auch die fachliche Bewertung der Dokumentation sowie die Pflegeplanung durch qualifiziertes Personal. Gerade dieser Punkt ist den Verantwortlichen der Caritas wichtig: Die KI erstellt keine Pflegepläne und trifft keine Entscheidungen – etwa zur Medikation oder Wundversorgung. Sie überträgt Sprache in Text und macht Informationen strukturiert verfügbar. Bewertung und Verantwortung bleiben beim Menschen.

Die Gefahren der KI: Cognitive Offloading

Wenn Denken ausgelagert wird KI kann erinnern, strukturieren oder Informationen schneller verfügbar machen. Risiken entstehen, wenn Menschen sich zu stark auf die Technologie verlassen und eigene Urteilskraft seltener gebrauchen. Wichtig:

  • KI darf Entscheidungen nicht ersetzen, sondern nur vorbereiten, Menschen tragen die Verantwortung
  • Hinweise der KI müssen verständlich und überprüfbar sein
  • KI so einsetzen, dass Autonomie, Gerechtigkeit und Fürsorge bewahrt bleiben
  • Auftrag an die Beschäftigten: Prüfen bleibt Pflicht!

Mit Blick auf die weitere Entwicklung sieht Präventionsexpertin Müller vor allem zwei Herausforderungen. Zum einen besteht die Gefahr eines schleichenden Kompetenzverlusts, wenn Beschäftigte sich zu stark auf eine Technologie verlassen.

Zum anderen stellt sich die Frage, wie mit den frei werdenden Zeitressourcen tatsächlich bei den Pflegekräften oder wird sie unmittelbar mit neuen Aufgaben gefüllt? Effizienzgewinne sollten nicht um jeden Preis angestrebt werden.