Reportage
Ein Warenlager bei Amazon

Arbeitssicherheit bei Amazon

In Schichtarbeit verarbeiten mehr als 1.600 Beschäftigte in einer 55.000 Quadratmeter großen Halle unzählige Pakete. Um ihre Sicherheit und Gesundheit bei der Arbeit zu gewährleisten, ist ein ausgereiftes Sicherheitskonzept unabdingbar. Was sich dahinter verbirgt, ist bei Amazon am Standort Dortmund zu erfahren.

Zaghaft bahnen sich erste Sonnenstrahlen ihren Weg durch die riesigen rechteckigen Deckenfenster. Noch liegt eine fast unwirkliche Stille über der 55.000 Quadratmeter messenden Halle des Versandunternehmens Amazon am Standort Dortmund. Doch das ändert sich schlagartig mit Beginn der Frühschicht. Unzählige Beschäftigte strömen durch den Eingangsbereich. Einige begeben sich auf den gekennzeichneten Wegen direkt an den Arbeitsplatz. Andere bleiben zunächst vor einer großen weißen Abtrennwand stehen. Dort informieren sie sich auf zwei Tafeln über Neuigkeiten. Die Beschäftigten erfahren, was in der letzten Schicht passiert ist. Sie können aber auch den tagesaktuellen Sicherheitstipp nachlesen oder selbst zum Stift greifen und ihre Meinung kundtun. Nach und nach besetzen alle Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter ihre Arbeitsbereiche. Die Stille weicht den Geräuschen von Förderbändern, fahrenden Flurförderzeugen, dem Klacken von sich auftürmenden Kunststoffkisten und menschlichen Stimmen. Eine Mitarbeiterin von Amazon verpackt Waren

Im Auftrag der Sicherheit

Zwei der Stimmen gehören zu Samra Demirtas und Oezge Sahin. Wie ihre Kolleginnen und Kollegen sind beide mit Sicherheitsschuhen, Warnwesten, Handschuhen und Gehörschutzstöpseln ausgestattet. Die beiden Mitarbeiterinnen sortieren an Förderbändern die ankommenden Pakete. Seit der Eröffnung im Jahr 2017 zählen sie zur Belegschaft des Verteilerzentrums, in dem Pakete vorsortiert und anschließend zu anderen Amazon-Standorten verschickt werden. In einer Sache unterscheiden sich die beiden Frauen dann aber doch von den meisten anderen: Sie sind Teil des 40-köpfigen Teams der Sicherheitsbeauftragten.

Handschuhe, Warnwesten und Gehörschutz: Bei Amazon im Automaten

Als Sicherheitsbeauftragte setzen Samra Demirtas und Oezge Sahin sich tagtäglich für die Sicherheit und Gesundheit bei der Arbeit ein. Wenn sie beispielsweise feststellen, dass Sicherheitsvorschriften bei der Arbeit nicht eingehalten werden, sprechen sie die jeweiligen Mitarbeitenden direkt an. „Manche vergessen, ihre Weste oder Handschuhe anzuziehen, andere lehnen sich über das Förderband, um mit ihrem Gegenüber zu sprechen. Das geht natürlich nicht, weil es gefährlich ist“, erzählt Oezge Sahin. Es mögen Kleinigkeiten sein, die vergessen oder nicht beachtet werden, aber genau solche Kleinigkeiten können zu einem Unfall führen. „Wenn ich sehe, dass jemand keine Handschuhe trägt oder keine bei sich hat, schicke ich die betreffende Person zu einem der Automaten, wo sich alle nach Bedarf neue Handschuhe, Warnwesten oder Gehörschutz ziehen können“, erklärt die Sicherheitsbeauftragte.

Vorfälle auf Zetteln - sogenannten Safety Saves - zur Unfallvermeidung dokumentieren

Die beiden Frauen wollen ihre Kolleginnen und Kollegen keineswegs überwachen oder gar bloßstellen. Vielmehr tragen sie durch gezieltes Ansprechen als Kollegin auf Augenhöhe dazu bei, dass alle Beschäftigten ihre Arbeit sicher und gesund ausüben können. Um Unfälle auch künftig zu vermeiden, halten sie jeden Vorfall anonym schriftlich fest, machen je nach Schwere oder Häufigkeit auch Fotos. „Wir benutzen Zettel, sogenannte Safety Saves. Auf ihnen können wir alles eintragen, was vorgefallen ist“, erklärt Samra Demirtas. Dieses Tool können alle Beschäftigten nutzen, um Hinweise oder Verbesserungsvorschläge einzureichen. „Und in dringenden Fällen sprechen wir sofort einen EHS-Supporter direkt an, damit er oder sie sich umgehend darum kümmert“, so Oezge Sahin. EHS steht für Environment (Umwelt), Health (Gesundheit) und Safety (Sicherheit). Um diese drei Anliegen kümmern sich die EHS-Supporter.

Begehungen vor Ort zur Gewährleistung der Arbeitssicherheit

Stefan Kryszat ist EHS-Supporter. Er tauscht sich regelmäßig mit den Sicherheitsbeauftragten aus. „Kommunikation ist ein wichtiges Tool, um für Sicherheit zu sorgen“, erklärt er. Unter anderem prüft Stefan Kryszat, ob die ankommenden Pakete richtig in die schwarzen Kunststoffkisten gelegt und nicht zu hoch aufeinandergestapelt werden. Denn das wäre unfallträchtig. Rasten die Kisten nicht richtig ein, weil sie falsch befüllt sind, können eingeklemmte Finger die Folge sein. Sind die Kisten zu hoch gestapelt, können weniger groß gewachsene Beschäftigte sie nicht mehr sicher abstapeln. Oder sie könnten beim Transport umkippen. Passiert doch einmal etwas, nimmt der EHS-Supporter den Vorfall selbst auf oder lässt sich von den Sicherheitsbeauftragten informieren: „Ich erfrage genau, was passiert und wo es passiert ist. War der oder die Betroffene bei den Betriebssanitäterinnen und -sanitätern? Wie geht es ihm oder ihr am nächsten Tag? Auch solche Fragen helfen uns anschließend, Verbesserungen auf den Weg zu bringen.“ Bei seinen regelmäßigen Begehungen entgeht den geschulten Augen des EHS-Supporters kein Detail. Hier eine scharfe Kante, dort ein lockeres Kabel, eine falsch abgestellte Kiste oder ein verdeckter Feuerlöscher – wenn Stefan Kryszat auffällt, dass bestimmte Dinge öfter vorkommen, setzt er das auf die Themenliste für das wöchentliche Sicherheitsbeauftragten-Meeting.

Wöchentliches Meeting der Sicherheitsbeauftragten zur Besprechung aktueller Vorfälle

Die Sicherheitsbeauftragten-Meetings gestaltet Stefan Kryszat gemeinsam mit Hubert Michels. Er ist EHS-Koordinator und als solcher koordiniert er am Standort Dortmund die Sicherheit aufgrund der Beobachtungen von EHS-Supportern und Sicherheitsbeauftragten. Um die Beschäftigten für die Arbeitssicherheit zu sensibilisieren, finden regelmäßige Schulungen statt. Alle neuen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter – beispielsweise auch die Aushilfskräfte zur Weihnachtszeit – durchlaufen zuerst eine Sicherheitsschulung, um die grundlegenden Regeln kennenzulernen. Bei den Schulungen der Sicherheitsbeauftragten, aber auch der Fachkräfte für Arbeitssicherheit, arbeitet Amazon eng mit der Berufsgenossenschaft Handel und Warenlogistik (BGHW) zusammen. So wurden in jüngerer Vergangenheit zwei spezielle Seminare für Sicherheitsbeauftragte im Haus von der BGHW durchgeführt.

Darüber hinaus versammeln sich alle Sicherheitsbeauftragten einmal in der Woche. „Bei den Meetings sprechen wir Fehler an, erarbeiten Verbesserungsvorschläge und schauen, wie diese umgesetzt werden können“, sagt Hubert Michels. In den Meetings berichten die Sicherheitsbeauftragten, was ihnen aufgefallen ist und was sie ihrer Meinung nach besser oder anders machen würden. Eine wichtige Rolle spielen auch Beinahe-Unfälle. Denn diese weisen oft auf Schwachstellen hin, die es dann zu eliminieren gilt.

Umfassendes Management der Arbeitssicherheit und des Gesundheitsschutzes

Emmanuel Frank, EHS-Manager, und Carmen Büttner, EHS-Specialist, bilden die EHS-Management-Ebene am Standort Dortmund – sie sind die Fachkräfte für Arbeitssicherheit im Haus. Das Sichten der von Hubert Michels aufgelisteten Unfälle und Beinahe-Unfälle, das Veranlassen von Maßnahmen sowie die Kontrolle, ob bereits veranlasste Maßnahmen umgesetzt wurden, fällt in ihren Aufgabenbereich. Dazu gehen sie mehrmals in der Woche durch die Halle. „Wichtig ist uns, auch in den Risikobereichen präsent zu sein. Das sind Arbeitsbereiche, die potenziell gefährlicher sind als andere“, so Emmanuel Frank.

Zu nennen wäre etwa der Warentransport mit den Flurförderzeugen. „Wir bitten Fahrerinnen, Fahrer und andere Beschäftigte, dass sie uns Gefahrenstellen melden“, sagt Carmen Büttner. Wird beispielsweise Ware nicht ordnungsgemäß auf den gekennzeichneten Flächen abgestellt, kann dadurch die Sicht auf den Weg versperrt werden. Wer einen solchen Fall beobachtet, kann die Vorgesetzten ansprechen. Diese fotografieren die Gefahrenstelle. Der ganze Vorgang erfolgt anonymisiert. „Es geht nicht darum, irgendjemandem eine Schuld zu geben, sondern um das Sensibilisieren für Fehler“, betont Emmanuel Frank. Damit alle aus begangenen Fehlern lernen können, werden einmal pro Woche sämtliche Rückmeldungen, Vorkommnisse und die Fotos gemeinsam angesehen und analysiert. „Seitdem sind die Fehler deutlich weniger geworden“, resümiert Carmen Büttner, die in diesem Zusammenhang von einem lernenden Arbeitsschutz spricht.

Neben der Unfallvermeidung hat das EHS-Team die Gesundheit der Beschäftigten im Blick. Hierzu arbeitet es eng mit der Gesundheitsmanagerin und ihrem Team zusammen. Das Ziel lautet, über Präventionsmaßnahmen zu einem langfristig gesunden Arbeitsklima beizutragen. Dazu sind auch regelmäßig Ergotherapeutinnen und -therapeuten im Logistikzentrum unterwegs, die den Mitarbeitenden Hilfestellung geben.

Roboter bei Amazon

Roboter schaffen bei Amazon ergonomische Entlastung

Um die Belegschaft ergonomisch weiter zu entlasten, werden in Dortmund Palettierroboter eingesetzt: Nachdem die Beschäftigten die Pakete in den schwarzen Kunststoffkisten vorsortiert haben, werden diese per Förderband zu einem Roboter transportiert, der die Kisten zur weiteren Beförderung auf Paletten stapelt. Acht solcher Palettierroboter sind im Einsatz, die nur von eigens geschultem Personal bedient werden dürfen. Die Roboter befinden sich hinter Gitterzäunen, damit niemand in ihren Gefahrenbereich gerät. Eine Woche dauert die Schulung der Beschäftigten, die mit der Robotik arbeiten. „Es hat sich gezeigt, dass der Einsatz der Robotik eine deutliche Entlastung für die Beschäftigten darstellt“, sagt Emmanuel Frank. Deshalb gibt es bereits Pläne, die Robotik am Standort weiter auszubauen. Dies geschieht mit einer Perspektive, die weit über Dortmund hinaus reicht: Wenn an einem Standort etwas gut läuft, wird geprüft, ob das auch für andere Standorte in Frage kommt. Egal ob in Deutschland, Europa oder gar weltweit.

So behält das Unternehmen das Thema „sicheres und gesundes Arbeiten“ auch weiterhin ganzheitlich im Blick, tatkräftig unterstützt von den Akteurinnen und Akteuren in Dortmund.