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Lange sicher und gesund
Hebehilfen wie zum Beispiel Handsaugheber reduzieren die Belastung für das Muskel-­Skelett-System der Beschäf­tigten bei VW in Dresden. © raufeld/Olaf Janson

Arbeitssicherheit : Lange sicher und gesund

Wenn Betriebe beim Arbeitsschutz den demografischen Wandel berücksichtigen, profitiert das ganze Unternehmen. Bei Volkswagen in Dresden hilft dabei ein Demografie-Coach.

Deutsche Unternehmen spüren den demografischen Wandel deutlich. Laut Statis­tischem Bundesamt werden die ­Beschäftigten immer älter: Lag der Anteil der Erwerbspersonen ab 55 Jahren in Deutschland 2011 noch bei 17,5 Prozent, betrug er 2023 bereits mehr als 26 Prozent. Besonders auffällig ist der Anstieg bei den über 65-Jährigen: Ihr Anteil an allen Erwerbspersonen hat sich im selben Zeitraum von 1,8 Prozent auf 3,7 Prozent mehr als verdoppelt. Betriebe stehen daher vor der Aufgabe, Arbeitsplätze so zu gestalten, dass sie den veränderten Bedürfnissen einer älter werdenden Belegschaft gerecht werden. Sicherheitsbeauftragte können die Verantwortlichen dabei unterstützen.

„Ältere Beschäftigte können nicht weniger als jüngere, sondern ihre Kompetenzen verlagern sich“, erklärt Dr. Hanna Zieschang, Referentin im Institut für Arbeit und Gesundheit der DGUV (IAG). „Es gibt viele Fähigkeiten, die vom Alterungsprozess unberührt bleiben oder im Verlauf des Lebens erst ­entstehen, wie Lebens- und Berufserfahrung oder soziale und kommunikative Kompetenzen. Ältere Beschäftigte verfügen über enormes Fachwissen und langjährige Erfahrung.“ Bei der Anpassung von Arbeitsplätzen an den demografischen Wandel laute das Ziel, Über- und Unterforderung zu vermeiden, die Gesundheit zu schützen und Motivation sowie Produktivität zu erhalten. Das gilt laut Zieschang nicht nur für ältere Beschäftigte, sondern für alle.

Drei Werkzeuge für ein demografiefestes Unternehmen

1: Altersstrukturanalyse

Sie erfasst die aktuelle und zukünftige Verteilung der Altersgruppen im Unternehmen. Dabei ­identifiziert sie Handlungsbedarf bei Überalterung oder Nachwuchs­mangel und ermöglicht gezielte Personalplanung. So lassen sich Wissens­transfer und Nachfolge leichter regeln.

2: Qualifikationsbedarfsanalyse

Sie vergleicht die vorhandenen Qualifikationen und Potenziale der Beschäftigten mit den aktuellen und zukünftigen Anforderungen des Unternehmens. Auch deckt sie Qualifi­kationslücken auf und bildet die Grundlage für gezielte Weiter­bildungs- und Personalentwicklungsmaßnahmen.

3: Gefährdungsbeurteilung

Sie bewertet Arbeitsplätze und -bedingungen und leitet daraus Maßnahmen zur Erhaltung der Gesundheit, Leistungsfähigkeit und Motivation aller Altersgruppen ab.

Demografiefest mit alter(n)sgerechten Arbeitsplätze

Daher spreche man auch nicht von „altersgerechten“ Arbeitsplätzen, sondern von „alter(n)sgerechten“ Arbeitsplätzen – die Arbeitsplätze sollen den Bedürfnissen und Fähigkeiten von Mitarbeitenden jedes Alters ­gerecht werden, sozusagen mitwachsen. Das hat viele Vorteile, so die Expertin: „Eine alternsgerechte Arbeitsgestaltung führt zu höherer Motivation und Zufriedenheit bei allen Mitarbeitenden, Fehlzeiten und Fluktuation werden reduziert. Und Unternehmen sichern ihre Wettbewerbsfähigkeit, indem sie die Kompetenzen älterer Beschäftigter nutzen.“

Was das in der betrieblichen Praxis bedeutet, weiß Dr. Lars Klein. Der Sicherheitsingenieur ist zuständig für die Arbeitssicherheit in der Gläsernen Manufaktur von Volkswagen in Dresden. Er hat sich beim IAG zum Demografie-Coach zertifizieren lassen und berät nebenberuflich Betriebe hinsichtlich ihrer Demografiefestigkeit. Auch er sagt: „Alternsgerechte Arbeitsplätze sind sichere Arbeitsplätze für alle – nicht nur für ältere Beschäftigte.“

Dr. Lars Klein, Demografie-Coach und Sicherheitsingenieur in der Gläsernen Manufaktur von VW in Dresden. © raufeld/Olaf Janson

Hilfsmittel für alle Beschäftigten

Zentral sei die ergonomische Gestaltung des Arbeitsplatzes: Technische Hilfsmittel wie höhenverstellbare Arbeitstische, Rollgestelle oder Hebehilfen zum Transport schwerer Lasten oder ergonomische Werkzeuge reduzieren körperliche Belastungen und minimieren das Risiko von Beschwerden wie Rückenschmerzen oder Muskelverspannungen. „Solche Anpassungen ­ermöglichen es älteren Mitarbeitenden, ihre Aufgaben weiterhin effizient und gesund zu erfüllen“, so Klein. „Jüngere profitieren aber auch, indem sie ihren Körper weniger belasten und dadurch womöglich länger gesund bleiben.“

Bei alter(n)s­ge­rechten Arbeitsplätzen ist die Beleuchtung zudem ein wichtiges Thema. Eine Option: zusätzliche Lichtquellen, die sich nach Bedarf zuschalten lassen. Aber eigentlich gelte, so Klein: „Beleuchtung hat man nie zu viel.“ Bildschirmarbeitsplatzbrillen sind eine weitere Errungenschaft, die Beschäftigten verschiedenen Alters helfen. „Die Brillen sorgen dafür, dass man auf der idealen Bildschirmentfernung gut sieht und ­daher körperlich nicht verkrampft.“ Auch die Vergrößerung von Aufschriften und die Verein­fachung von Informationen kommen nicht nur ­älteren Beschäftigten zugute.

Eine gute Ausleuchtung kommt den Beschäftigten aller Generationen zugute. In der Gläsernen Manufaktur hilft dabei auch Tageslicht. © raufeld/Olaf Janson

Ein demografiefestes Unternehmen achtet aber nicht nur auf die Arbeitsplatz-Ausstattung, sondern auch auf die Arbeit selbst: auf flexible Arbeitszeiten für eine ­bessere Vereinbarkeit von Beruf und Privatleben – und auf ein Betrieb­liches Gesundheits­management, das Sport- und Bewegungsangebote wie auch Präventionsprogramme umfasst, um gesundheitlichen Gefährdungen wie Rückenleiden, Herz-Kreislauf-Erkrankungen und anderen Krankheiten frühzeitig zu begegnen.

Probleme frühzeitig erkennen

Sicherheitsbeauftragte nehmen eine wichtige Rolle bei der Gestaltung ­alter(n)sgerechter Arbeitsplätze ein. Durch ihre Nähe zum Arbeitsalltag können sie frühzeitig auf Herausforderungen hinweisen, Lösungswege entwickeln und Maßnahmen anstoßen. Als Bindeglied zwischen Mitarbeitenden, Führungskräften und Fachkräften für Arbeitssicherheit sind sie in der Lage, Arbeitsplätze hinsichtlich Sicherheit und Gesundheit zu bewerten, Unfall- und Gesundheits­gefahren frühzeitig zu erkennen und sie zu melden. Zudem können ­Sicherheitsbeauftragte die Kolleginnen und Kollegen für gesundheits­gerechtes Arbeiten sensibilisieren und letztlich auch bei der Umsetzung von Schutzmaßnahmen und Präventionsprogrammen unterstützen.

Klicktipp: Wer wo anpacken kann

Die DGUV Information „Prävention kennt keine Altersgrenzen“ erklärt Gestaltungsmaßnahmen für Betriebe in Bezug auf den Demografischen Wandel genauer.

Demografie-Coach hilft, Potenziale zu erkennen

Wer seinen Betrieb demografiefest machen möchte, sollte bei der Durchführung der Gefährdungs­beurteilung sowie der Festlegung von Arbeitsschutzmaßnahmen die Belange älterer Beschäftigter besonders im Blick haben. Demografie­-Coach Klein sieht darin eine Chance für die Betriebe: „Sie können sich ihre Arbeitsplätze noch einmal genau ansehen und gemeinsam mit Betriebsärztinnen und Betriebsärzten, Fachkräften für Arbeitssicherheit, Sicherheitsbeauftragten und den Mitarbeitenden überlegen, wie ein demografiefester Arbeitsplatz aussehen kann.“ Die Erfahrung älterer Beschäftigter könne hier eine wertvolle Ressource sein. Sie wissen um Gefährdungen und können beurteilen, welche Faktoren einen ­sicheren Arbeitsplatz aus­machen.