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Long COVID: Genesen und dennoch nicht gesund
Am Fahrradergometer werden im Rahmen des Post-COVID-Checks Lunge und das Herz-Kreislauf-System einer Patientin kontrolliert. © Foto: BG Klinikum Hamburg
Corona

Long COVID: Genesen und dennoch nicht gesund

Nach überstandener Corona-Erkrankung leiden manche Personen langfristig. Dank Post-COVID-Check haben Beschäftigte Aussicht auf bessere Behandlung.

Datum: 14.03.2022

Als leitende Oberärztin einer gefäßchirurgischen Abteilung stand Claudia Ellert regelmäßig im OP. Im Privaten war Ausdauersport ihre Leidenschaft. Joggen. Triathlon. Alles kein Problem. Dann infizierte sich die damals 48-Jährige Ende 2020 trotz aller Vorsichtsmaßnamen an ihrem Arbeitsplatz mit dem Coronavirus.

Die Erkrankung steckte sie gut weg. Nach drei Wochen – COVID-19 war überstanden – kehrte Ellert an ihren Arbeitsplatz zurück. Doch den Anforderungen eines Akutkrankenhauses war die Ärztin nicht mehr gewachsen. „Schließlich erlebte ich einen Leistungseinbruch. Es kam der Moment, an dem ich selbst die Stöcke beim Nordic Walking nicht mehr nach vorne bewegen konnte“, erzählt Ellert.

Passende Therapiekonzepte fehlen bislang

Nach Angaben des Robert Koch-Instituts (RKI) leiden mindestens zehn Prozent aller COVID-19-Erkrankten an gesundheitlichen Beschwerden, die länger als drei Monate anhalten. Bei hospitalisierten COVID-19-Erkrankten weisen 76 Prozent nach sechs Monaten noch Symptome auf. Die Diagnose: Long COVID oder Post-COVID-Syndrom.

Laut der Weltgesundheitsorganisation (WHO) charakterisiert diesen Krankheitszustand eine ausgeprägte körperliche und mentale Belastungsintoleranz. Hierunter versteht die Medizin die Verschlechterung des Allgemeinzustandes nach normalerweise unproblematischen Anstrengungen – also beispielsweise starke Erschöpfung nach einem leichten Spaziergang.

Medientipp

Eine Folge des etem-Podcasts „Ganz sicher“ behandelt das Post-COVID-Syndrom. Bernfried Fleiner und Dr. Kai Wohlfarth sprechen über Symptome, Therapien und den Umgang von Betroffenen in Unternehmen.

Passende Therapien für Post-COVID-Syndrom fehlen bislang

Ebenfalls treten Atemnot sowie neurokognitive Störungen auf. Vielen Betroffenen ist es nicht möglich, Vollzeit zu arbeiten. Manche sind sogar arbeitsunfähig. Weil das Krankheitsbild COVID-19 erst seit kurzer Zeit bekannt ist, sind auch COVID-19-Langzeitfolgen, ihre Ursachen und Verläufe noch nicht vollständig erforscht.

Ebenso schwer ist abzuschätzen, welche Therapien greifen. „Klassische Reha-Konzepte, etwa mit Aufbautraining, helfen denjenigen, die schwer an Corona erkrankt waren. Long-COVID-Betroffene mit Belastungsintoleranz brauchen andere Therapien.Und das hat sich noch nicht richtig durchgesetzt“, erklärt Ellert. Sie engagiert sich bei Long-COVID Deutschland, einer bundesweiten Initiative, die sich für die Belange von Long-COVID-Betroffenen einsetzt.

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Der Post-COVID-Check untersucht unter anderem Kraft und Koordination. Hier beurteilt ein Sporttherapeut die Rumpfmuskulatur eines Patienten. © Foto: BG Klinikum Hamburg

Diagnoseverfahren für Beschäftigte mit Long COVID

Einen Schritt in die richtige Richtung gehen derzeit die berufsgenossenschaftlichen Kliniken (BG Kliniken). Sie entwickelten mit der Berufsgenossenschaft für Gesundheitsdienst und Wohlfahrtspflege (BGW) den sogenannten Post-COVID-Check.

Das Angebot richtet sich an Betroffene aller Branchen, die an Spätfolgen einer COVID-19 Erkrankung leiden. Es ergänzt die Angebote Post-COVID- Sprechstunde und Post-COVID-Rehabilitation der BG Kliniken. Weil die Symptome vielfältig sind, arbeiten beim Post-COVID-Check verschiedene Disziplinen zusammen.

Für eine treffende Diagnose arbeiten viele Disziplinen zusammen

„Zunächst erfolgt eine detaillierte Bestandsaufnahme des Gesundheitszustands, unter anderem der Inneren Medizin, Neurologie, Psychosomatik und Psychiatrie und HNO-Heilkunde. Das kann bis zu zehn Werktage dauern“, erklärt Dr. med. Ingo Schmehl, Direktor Klinik für Neurologie mit Stroke Unit und Frührehabilitation, BG Klinikum Unfallkrankenhaus Berlin.

„Die Diagnosen werden dann in einem gemeinsamen Abschlussgespräch mit der oder dem Betroffenen, dem Reha-Management und anderen Beteiligten analysiert und bewertet.“

Mehr über das Post-COVID-Syndrom

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Eine Fachärztin führt einen Herz-Ultraschall durch. Er erfasst verbliebene Funktionsstörungen nach einer COVID-19-Infektion. © Foto: BG Klinikum Hamburg

Gesetzliche Unfallversicherung steht an der Seite von Betroffenen

Unterstützt wird jede Patientin und jeder Patient durch das Reha-Management der Berufsgenossenschaft oder Unfallkasse. Eine Ansprechperson kümmert sich nach dem Post-COVID-Check um die Rehabilitation und Nachsorge.

Diese können je nach Ergebnis unterschiedlich ausfallen. Häufig folgt eine Kombination aus Atemtherapie, Verhaltenstherapie, Logopädie und neuropsychologischem Training. An den Reha-Maßnahmen können die Betroffenen sowohl ambulant als auch stationär teilnehmen.

Ingo Schmehl sagt: „Es gibt inzwischen zahlreiche Beispiele der erfolgreichen Reintegration an den Arbeitsplatz. Allerdings erreichen Patientinnen und Patienten, die länger als zwölf Monate an Post-COVID leiden, in vielen Fällen nicht die volle Belastungsfähigkeit.“

Geschrieben von: Isabelle Rondinone