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Damit alle lang im Sattel bleiben
Die Beschäftigungsfähigkeit aller Mitarbeitenden so lang wie möglich zu erhalten, ist bei der Deutschen Post ein wichtiges Thema. © Foto: Jessica Schäfer
Arbeitswelt

Damit alle lang im Sattel bleiben

Wie können Betriebe die Bedürfnisse älterer Beschäftigter besser berücksichtigen? Die Deutsche Post arbeitet dafür eng mit Sicherheitsbeauftragten zusammen.

Datum: 24.08.2021

Pakete bis in die obersten Stockwerke tragen, mit Briefen schwer beladene Handwagen von Haus zu Haus schieben – stundenlang, bei Wind und Wetter: Zustellerinnen und Zusteller leisten harte Arbeit. In jungen Jahren packen das viele Beschäftigte mit links. Älteren jedoch geht die Kraft aus, hinzu kommen gar gesundheitliche Probleme. Wie bei der 56-jährigen Angestellten Petra Vowinkel.

Umstieg auf das E-Trike

Sie arbeitet als Briefzustellerin bei der Deutschen Post in Wiesbaden-Bierstadt und war lange Zeit in einem sogenannten Laufbezirk im Einsatz. „Nun liegen 39 Dienstjahre hinter mir. Heute ist es für mich sehr belastend, schwer beladen so lange Strecken zu laufen“, erzählt sie. Die vielen Sendungen jahrelang zu Fuß auszutragen, hinterließ Spuren: Vowinkel entwickelte aufgrund der körperlichen Belastung eine chronische Schleimbeutelentzündung in der Hüfte.

Sie war lange Zeit krankgeschrieben. Einfach weitermachen – das war nicht mehr denkbar. „Ich habe deshalb die Teamleitung gefragt, ob ich auf ein E-Trike umsteigen könnte. Dieses wurde zu jener Zeit gerade bei der Deutschen Post eingeführt“, berichtet die Zustellerin. Die Vorgesetzten erkannten den dringenden Handlungsbedarf – und ermöglichten ihr, das elektrische, dreirädrige Fahrrad auszuprobieren.

Vertrauensvolle Zusammenarbeit mit der BG Verkehr

Wie wichtig es ist, Belastungen für ältere Beschäftigte zu verringern, weiß auch Dr. Thomas Draxler. Er ist Aufsichtsperson und Berater für Betriebliches Gesundheitsmanagement bei der Berufsgenossenschaft Verkehr (BG Verkehr) und begleitet die Deutsche Post bereits seit vielen Jahren.

„Ich war selbst lange im Unternehmen beschäftigt und habe die Entwicklung als Koordinator für Gesundheit am Arbeitsplatz mitgestaltet. Das Unternehmen hat schon in den frühen 1990er-Jahren ein betriebliches Gesundheitsmanagement implementiert. Es verfügt über eine interne Sozialberatung und hat betriebsinterne Fachkräfte für Arbeitssicherheit“, erzählt der Präventionsexperte.

Der kontinuierliche, intensive Austausch über Prävention und Gesundheitsförderung führt auch immer wieder zu der Frage, wie die unterschiedlichen Bedürfnisse jüngerer und älterer Beschäftigter berücksichtigt werden können. Draxler macht deutlich: „Das Arbeitsleben ist kein Sprint, sondern ein Marathon, in dem es gilt, etwa 45 Jahre durchzuhalten. Es ist kein Geheimnis, dass sich beim Menschen im Laufe der Zeit die körperlichen Fähigkeiten reduzieren. Darauf sollten Betriebe Rücksicht nehmen.“

Die ständig neuen Herausforderungen wird die Deutsche Post gemeinsam mit der BG Verkehr erfolgreich meistern, ist sich Experte Dr. Draxler sicher.

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Sicherheitsbeauftragte der Deutschen Post geben Zustellerinnen und Zustellern Tipps zum Umgang mit ihren Fahrzeugen. © Foto: Jessica Schäfer

Ältere Beschäftigte mit Hilfsmitteln entlasten

Bei der Zustellerin Petra Vowinkel erwies sich nach Einweisung und Probefahrt das ­E-Trike als die passende Lösung: „Es ist eine riesige Erleichterung. Nach dem Dienst fühle ich mich jetzt viel besser, als wenn ich die ganze Strecke zu Fuß bewältigt hätte.“ Früher zog die Zustellerin den Briefwagen hinter sich her. Voll beladen wog er bis zu 50 Kilogramm. Vowinkel erinnert sich: „Dieses Gewicht mehrmals am Tag die Bordsteinkante hochzuheben, war äußerst anstrengend.“

Das ist jetzt anders. „Ich lade die Sendungen auf das Fahrrad, gebe Gas und fahre los. Aufgrund der elektrischen Unterstützung ist das sehr angenehm.“ Sicher ist das Rad ebenfalls: „Bei uns tendieren die Dienstunfälle mit den E-Trikes gegen null“, berichtet Steven Simon, stellvertretender Stützpunktleiter in Wiesbaden. „Zu Stürzen kommt es praktisch nie, weil drei Räder das Rad stabilisieren.“ Das ­E-Trike schont die Gelenke und verringert das Unfallrisiko.

Wechsel in andere Arbeitsbereiche ermöglichen

Lässt sich die Belastung im Job auch mithilfe von Hilfsmitteln nicht reduzieren, müssen andere Maßnahmen herangezogen werden. Dazu ermöglichen Führungskräfte der Deutschen Post ihren Mitarbeitenden, in andere Arbeitsbereiche zu wechseln. Das betrifft insbesondere Beschäftigte, die auch Pakete ausliefern. Sie sind meist stärker körperlich belastet als ihre Kolleginnen und Kollegen in der Briefzustellung.

„Wenn sich jemand beim Ausliefern von Paketen schwertut, etwa über Rückenprobleme klagt, schaue ich, ob wir die Person in die weniger belastende Briefzustellung oder -sortierung versetzen können“, sagt Simon. Bei der Deutschen Post haben auch Sicherheitsbeauftragte ein Auge ­darauf, dass Beschäftigte im Alter entlastet werden und von den vielen Möglichkeiten profitieren. Sie erfahren unmittelbar, wenn Kolleginnen oder Kollegen Unterstützung brauchen.

Vorsorge bei der Deutschen Post

  • Vorsorgeuntersuchungen, unter anderem durch Betriebsärztinnen und -ärzte: Dazu zählt zum Beispiel der „Sohlencheck“, bei dem Schuhe und Einlagen der Beschäftigten geprüft werden. Ebenfalls erhalten Mitarbeitende Behandlungen, wenn sie an Verspannungen leiden.
  • Die eigens entwickelte Gesundheits-App, über die Beschäftigte freiwillig Gesundheitstipps zu Ernährung, Bewegung und Schlaf erhalten – angepasst an Alter, Fitness, Tätigkeit und Ernährungsgewohnheit der Personen. Darauf aufbauend erstellt die App ein individuelles Gesundheitsprogramm.

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Der gemeinsame Austausch über Bedürfnisse im beruflichen Alltag kann Beschäftigte entlasten. © Foto: Jessica Schäfer

Team-Meetings vor jeder Schicht

„Wenn uns auffällt, dass jemand in seinem Bereich nicht mehr zurechtkommt, besteht unsere Aufgabe darin, ins Gespräch zu kommen. Wir versuchen, das Anliegen an die Führungskräfte zu vermitteln und gemeinsam nach Alternativen zu suchen“, schildert Younes Quiddi, der sich seit zehn Jahren als Sicherheitsbeauftragter bei der Deutschen Post engagiert. „Wir achten zum Beispiel darauf, ältere Beschäftigte nicht in Zustellbezirken einzusetzen, in denen es viele Treppen gibt. Das kann bei Personen über fünfzig schnell Knieprobleme verursachen“, so Quiddi.

Eine wichtige Konstante bei der Deutschen Post sind kurze Team-Meetings vor jeder Schicht, in denen Sicherheitsbeauftragte mit den Mitarbeitenden auch Unfälle besprechen. „Erst kürzlich stürzte eine Kollegin auf einer Treppe und zog sich dabei einen Rippenbruch zu. Im Meeting haben wir den Unfall besprochen. So wollen wir die gesamte Belegschaft für etwaige Gefahren sensibilisieren und zeigen, wie sich Unfälle vermeiden lassen“, erzählt Quiddi.

Alle Altersgruppen berücksichtigen

Letztlich kommen Arbeitssicherheit und Gesundheitsschutz allen zugute. Immerhin sind bei der Deutschen Post von 15-jährigen Auszubildenden bis hin zu 65-jährigen Zustellerinnen und Zustellern alle Altersgruppen vertreten. Natürlich seien die individuellen Bedürfnisse der Älteren äußerst wichtig. Doch: „Ältere Mitarbeitende werden bei uns nicht bevorzugt“, so Steven Simon. Denn auch jüngere Mitarbeitende würden bereits in frühen Jahren von den Maßnahmen profitieren.

„Das E-Trike etwa soll nicht nur älteren Beschäftigten die Arbeit erleichtern“, sagt der stellvertretende Stützpunktleiter. Das Unternehmen plant aktuell allein in Wiesbaden, acht weitere Laufbezirke mit E-Trikes auszustatten. „Man kann die Mitarbeitenden nicht jeden Tag auf einen Halbmarathon schicken“, bekräftigt Simon. „Unser Ansatz ist es, die Arbeit für alle so angenehm und schonend wie möglich zu gestalten – für Ältere genauso wie für Jüngere.“

Weitere Informationen

Mehr über dieses Thema erfahren Sie in der DGUV-Publikation „Die Mischung macht’s: Jung und Alt gemeinsam bei der Arbeit“.

Geschrieben von: Julien Hoffmann