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Strom: die unsichtbare Gefahr
Strom ist unsichtbar, geräusch- und geruchlos. Umso wichtiger ist es, auch bei Reparaturen alle Sicherheitsvorgaben einzuhalten. © Foto: Getty Images/ Spates

Arbeitswelt : Strom: die unsichtbare Gefahr

Das Risiko, einen tödlichen Stromunfall zu erleiden, unterschätzen selbst Fachkräfte häufig. Fünf Regeln mindern das Risiko deutlich.

Der Auftrag klang simpel und ungefährlich. Ein Kundendienstmonteur sollte einen defekten Schlauch an einer Geschirrspülmaschine austauschen. Dabei griff der gelernte Elektriker in das Gerät und berührte ein Bauteil, das unter Spannung stand und nicht isoliert war – mit fatalen Folgen. Es kam zu einer sogenannten Körperdurchströmung, die für das Opfer tödlich war.

Fatales Fehlurteil

Solch tragische Folgen haben Stromunfälle glücklicherweise nur selten. Zwischen 3.500 und 4.000 Stromunfälle werden laut Berufsgenossenschaft Energie Textil Elektro Medienerzeugnisse (BG ETEM) jedes Jahr gemeldet, bis zu zehn enden tödlich.

Die beruflichen Unfälle passieren zu rund 88 Prozent im Niederspannungsbereich, also jener Spannung, die aus einer Steckdose im Haushalt kommt. Die Unfallszenarien ähneln sich dabei immer wieder.

„Meist ist die Ursache, dass die Beteiligten die Gefahr falsch einschätzen oder gar nicht erst erkennen“, sagt Martin Schmidt, seit 28 Jahren Aufsichtsperson bei der BG ETEM. Und dies unabhängig davon, wie viel berufliche Erfahrung sie im Umgang mit Strom haben.

Gut zu wissen

Erfahrung schützt nicht automatisch vor elektrischen Unfällen, wie die Statistiken zeigen.

  • 87,9 % der gemeldeten Stromunfälle passieren im Bereich der Niederspannung
  • 48,2 % der Opfer von Stromunfällen bringen Berufserfahrung als Elektrofachkraft mit, zum teil mehr als 20 Jahre.
  • 25,9 % der Unfälle von Elektrofachkräften geschahen, weil sie gegen die Sicherheitsregel des Freischaltend verstoßen haben.

Quelle: BG ETEM (2015-2019)

Risiken durch Strom nicht unterschätzen

Im Falle des Geschirrspülers hätte es gereicht, dass der Monteur den Netzstecker zieht. Eine Trennung des Geräts von der Stromquelle hätte auch den Service-Vorgaben des Herstellers entsprochen.

Dass eine solch elementare Regel häufig missachtet wird, liegt für Schmidt auch an früheren Erlebnissen mit der elektrischen Energie. In Seminaren, die er leitet, fragt er die Teilnehmenden zu Beginn gern: „Wer hat noch nie einen gewischt bekommen?“ Fast nie meldet sich dann jemand.

Die meisten haben so eine Erfahrung bereits gemacht – und infolge ein falsches Bild von der Gefährlichkeit des Stroms. „Niemand macht sich klar, dass so ein kleiner Stromschlag glücklichen Umständen geschuldet ist. Was die Steckdose liefert, reicht, um tödlich zu sein“, sagt Schmidt.

Stromunfälle vermeiden via App

Gemeinsam mit seinen Kolleginnen und Kollegen seiner BG arbeitet er daran, die Prävention elektrischer Unfälle weiter zu verbessern. Dabei helfen fünf einfache Regeln der Elektrotechnik.

Damit Beschäftigte sie auf ihrem Mobilgerät auch im Außen- oder Kundendienst dabeihaben, hat die BG ETEM die fünf Regeln sogar als Webapplikation aufbereitet. Sicherheitsbeauftragte können dazu motivieren, die App zu nutzen, und ihre Kolleginnen und Kollegen auf Checklisten hinweisen, die die Schritte zusammenfassen, welche es braucht, um die Regeln einzuhalten.

Fünf zentrale Regeln im Umgang mit Strom

Vor Beginn der Arbeiten an Geräten, die an Spannungsquellen angeschlossen sind, gilt es, diese Schritte durchzugehen:

Ein roter Stecker wird aus einer roten Steckdose gezogen

1. Freischalten

Ein rotes Vorhängeschloss

2. Gegen Wiedereinschalten sichern

Rote Spannungsprüfer

3. Spannungsfreiheit feststellen

Von drei roten Kästchen, die an der Wand hängen, führen Kabel auf den Boden

4. Erden und Kurzschließen

Eine rote Isolierplatte deckt einen Bereich ab

5. Benachbarte, unter Spannung stehende Teile abdeckt oder abschranken

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  1. Eine elektrische Anlage ist von spannungsführenden Teilen zu trennen. Etwa indem Hauptschalter betätigt, Sicherungen entfernt oder Steckverbindugen gezogen werden.
  2. Ungewolltes Wiedereinschalten verhindern. Je nach Schalter kann zum Bespiel das Schaltschloss blockiert werden.
  3. Es ist zu überprüfen, ob tatsächlich keine Spannung mehr anliegt. Mit einem zweipoligen Spannungsprüfer lässt sich dies testen.
  4. Diese Regel gilt zwingend im Bereich der Hochspannung. Zuerst muss geerdet, dann die Erde mit den kurzzuschließenden aktiven teile verbunden werden.
  5. Lassen sich die Teil nicht freischalten (Regel 1), reicht es bei Anlagen im Bereich der Niederspannung aus, sie mit isolierenden Tüchern, Schläuchen oder Formstücken abzudecken.

Mehr Informationen zu den fünf Sicherheitsregeln gibt es bei der BG ETEM.

Sicherheitsbeauftragte können Kolleginnen und Kollegen an Sicherheitsregeln erinnern

Unterschätzt werde häufig die erste und die fünfte Regel: Die erste besagt, dass freigeschaltet werden, also vollständig von der Spannungsversorgung getrennt werden muss. Das gilt für die Anlage, aber auch die gesamte Arbeitsstelle. „Viele machen sich nicht genau klar, wie die Arbeitsstelle definiert ist“, so Schmidt.

Hier könnten Sicherheitsbeauftragte ihre Kolleginnen und Kollegen ermuntern, diese Frage vor Beginn der Arbeiten für die jeweilige Situation zu beantworten. „Grob gesagt ist die Arbeitsstelle das, wo ich mit Fingern und Werkzeugen drangehe.“

Die fünfte Sicherheitsregel besagt, dass benachbarte, unter Spannung stehende Teile abgedeckt und abgeschrankt werden müssen – wenn sie sich nicht freischalten lassen. Dazu muss überlegt werden, welche Teile in der Arbeitsumgebung unter Spannung stehen. Im Falle des Geschirrspülers handelte es sich um eine Druckdose. Nach Ziehen des Netzsteckers hätte sie nicht mehr unter Spannung gestanden.