Experten-Interview: Körperliche Überlastung erkennen und vermeiden
Wie Unternehmen Anzeichen körperlicher Überlastung erkennen und welche Rolle Sicherheitsbeauftragte dabei spielen, erklärt DGUV-Experte Dr. Kai Heinrich.
Geschrieben von: Jörn Käsebier
Datum: 12.10.2026
Herr Dr. Heinrich, was sind typische Tätigkeiten in der Montage, die das Muskel-Skelett-System stark belasten?
Das betrifft vor allem Arbeiten auf Schulterniveau oder über Kopf, die vorrangig die Schultermuskulatur belasten. So etwas gibt es beispielsweise in der Flugzeugmontage oder dem Automobil- und Waggonbau. Die Finger- und Handgelenke sind hingegen belastet, wenn etwa Polster in Neuwagen eingebaut und über die Sitze gespannt werden.
Ein anderes Beispiel bietet der Heizungsbau, bei dem viele Tätigkeiten auf Knien ausgeführt werden. Andere Zwangshaltungen in der Montage belasten den Rücken, beispielsweise wenn Beschäftigte lange vornübergebeugt arbeiten.
Ab wann wird aus der körperlichen Belastung denn eine Überlastung, die auch zu Beschwerden führt?
Die einmalige Durchführung einer Tätigkeit ist oft gar nicht schlimm. Aber mehrmalige Durchführung und ständige Belastung führen dazu, dass das Muskel-Skelett-System ermüdet und überlastet wird.
Beschäftigte bei körperlicher Überlastung gezielt unterstützen
Bei Überkopfarbeit und Zwangshaltungen ist es leicht erkennbar, dass die Tätigkeiten belasten. Doch wie gehen Betriebe vor, um Überlastung zu identifizieren, die nicht so offensichtlich ist?
Da gibt es mittlerweile verschiedene Tools. Es geht mit groben Screeningverfahren los, die etwa die Fachkraft für Arbeitssicherheit durchführen kann. Detailliertere Analysen erfordern genaueres Vor- und Fachwissen. Ein Beispiel ist die Leitmerkmalmethode, die es bereits seit mehreren Jahren gibt.
Mittlerweile sind aber auch messwertbasierte Verfahren bezahlbar geworden, bei denen mithilfe von Sensoren, die am Körper direkt messen, Werte direkt am Arbeitsplatz erfasst werden. Das liefert eine gute Grundlage für die Gefährdungsbeurteilung. Es wird aber immer komplexer, weil die Daten ja nicht nur erhoben, sondern auch interpretiert werden müssen.
Sollten sich Betriebe also besser Hilfe von außen holen?
Ich halte es für sinnvoll, dass Unternehmen spezialisierte Dienstleistungsunternehmen damit beauftragen. Doch zunächst können Betriebe die anderen Möglichkeiten ausschöpfen, wie das Grobscreeningverfahren und die Leitmerkmalmethode.
Wie können sich Sicherheitsbeauftragte beim Thema Muskel-Skelett-Belastung einbringen?
Sie können in jedem Fall anstoßen, dass die Belastung im Betrieb näher untersucht wird. Sich an den Messverfahren selbst und der Interpretation der Ergebnisse zu beteiligen, ist aber nur sinnvoll, wenn sie tiefer ins Thema einsteigen und etwa passende Fortbildungen besuchen. Das gehört nicht zu den normalen Aufgaben von Sicherheitsbeauftragten.