Arbeitssicherheit : Junge Beschäftigte von Anfang an sensibilisieren
Viele Unfallversicherungsträger unterstützen Betriebe bei der Sensibilisierung ihrer Azubis, indem sie Präventionsprogramme zum Thema Arbeitssicherheit und Gesundheitsschutz anbieten. Die Berufsgenossenschaft Holz und Metall (BGHM) zum Beispiel veranstaltet regelmäßig einen Wettbewerb für die Azubis der Betriebe in ihrem Zuständigkeitsbereich. Im Jahr 2024 war das Thema „Maschinensicherheit“. Auch ein vierköpfiges Azubiteam von BorgWarner Turbo Systems aus dem pfälzischen Kirchheimbolanden nahm daran teil. Die Azubis entwickelten Schutzhüllen mit Sichtfenstern für Werkzeuge auf den betriebsinternen Werkzeugwagen. Damit verletzen sich Beschäftigte nicht mehr beim möglicherweise unachtsamen Griff nach den Werkzeugen.
Ausbildungsleiter Axel Walther ist immer noch begeistert: „Es hat mich gefreut, dass die Azubis die Idee aus dem Arbeitsalltag heraus selbst entwickelt haben, mit der Erkenntnis: Hier ist ein Unfallpotenzial vorhanden.“ Vier Azubis aus verschiedenen Jahrgängen und Berufssparten wie Mechatronik oder Zerspannungstechnik bildeten das Projektteam. Dadurch gingen die Teammitglieder mit unterschiedlichen Blickwinkeln an die Problemstellung heran. Der Lösungsvorschlag, die Schutzhüllen mit kostengünstigem 3-D-Druck zu produzieren, war zudem schnell gefunden. „Nachdem wir die Idee den Ausbildern vorgestellt hatten, haben wir direkt einen Prototyp hergestellt, und das hat wunderbar funktioniert“, berichtet Dragana Copic aus dem Azubiteam. Der Lohn: die Auszeichnung mit dem Azubi-Sicherheitspreis der BGHM im Rahmen einer feierlichen Preisverleihung.
ECKART siegt im interaktiven Team-Wettbewerb der BG RCI
Die Firma ECKART aus dem mittelfränkischen Hartenstein wiederum nahm am Azubi-Wettbewerb der BG RCI teil und qualifizierte sich nach mehreren erfolgreichen Runden erstmals für das große Finale. Dort errang der Betrieb den Sieg im Teamwettbewerb. Nicht nur deshalb denken alle Teammitglieder immer noch mit viel Freude daran zurück. Denn der Wettbewerb war interaktiv und damit für die Azubis spannend gestaltet. Azubi Lars Pfülb hebt hervor: „Arbeitssicherheit muss nicht langweilig sein, man kann es mit Spaß verbinden.“
Vor allem die Brandschutzübung im Finale blieb den Azubis Oliver Dörres, Thomas Hutzler und Lars Pfülb in Erinnerung. Für sie war neu: Personenbrände aufgrund neuer Erkenntnisse lieber mit Wasser statt mit einer Löschdecke bekämpfen. Ausbilderin Julia Wölfel freut sich, wie gut die Azubis aus den unterschiedlichen Betriebsbereichen von ECKART als Team zusammenarbeiteten. Im Arbeitsalltag sehen sich die unterschiedlichen Berufsgruppen, aufgrund des großen Werksgeländes, nur selten. Für die Ausbilderin stand jedoch vor allem die Wissensvermittlung durch den Wettbewerb im Vordergrund: „Die Azubis stehen noch am Anfang ihres Berufslebens – deshalb ist das Thema so wichtig.“
Der Azubi-Wettbewerb der Berufsgenossenschaft Rohstoffe und chemische Industrie (BG RCI) findet seit Anfang der 1990er Jahre alle drei Jahre statt. In der Ausgabe 2024/2025 konnten sich die Azubis in einem mehrstufigen Prozess im Einzel und im Team für das große Finale Anfang Juni 2025 qualifizieren. Dort galt es, praktische Übungen in Erster Hilfe, Verkehrssicherheit und zum Brandschutz ebenso zu absolvieren wie verschiedene Quizspiele. Unabhängig von ihrer Finalplatzierung konnten sich am Ende alle Teilnehmenden als Gewinner fühlen – denn sie nahmen viel neues Wissen mit. „Die Azubis beschäftigen sich neun Monate intensiv mit dem Arbeitsschutz. Damit lernen sie fürs Leben“, erläutert Projektkoordinatorin Marina Prelovsek von der BG RCI den gesamten Wettbewerb.
Übersicht Azubi-Wettbewerbe
Einige Berufsgenossenschaften bieten eigene Azubi-Wettbewerbe als Präventionsprogramme an oder verleihen Preise an junge Beschäftigte für gute Ideen zum Thema Arbeitsschutz. Neben viel Wissen und Praxiserfahrung gibt es häufig auch Geld- und Sachpreise zu gewinnen:
• BGHM: Der Azubi-Sicherheitspreis wird jedes Jahr zu einem bestimmten Thema ausgeschrieben und an Azubis bzw. Azubi-Teams verliehen, die mit innovativen Ideen zur Verbesserung von Sicherheit und Gesundheit im Betrieb beitragen
• BG RCI: Der Azubi-Wettbewerb bietet die Möglichkeit, sich in mehreren Runden über insgesamt neun Monate mit Arbeitsschutz zu beschäftigen. Im Einzel und im Team qualifizieren sich die besten für das zweitägige Finale
• BGHW: Mit dem Azubi-Sonderpreis der Goldenen Hand werden all jene Auszubildenden prämiert, die sich clevere Lösungen für den Arbeitsschutz in ihren Betrieben überlegt haben oder ihr Kollegium für Gefahren sensibilisieren
• BG ETEM: Den Präventionspreis der BG ETEM vergibt die Berufsgenossenschaft alle zwei Jahre an engagierte Betriebe. Bewerben sich auch preiswürdige Azubiteams, wird an diese ein Sonderpreis verliehen, zuletzt 2024
• BGN: Mit dem BGN-Präventionspreis werden ebenfalls alle zwei Jahre Betriebe für gute Beispiele aus der Arbeitsschutzpraxis geehrt – das nächste Mal 2026. Dabei gibt es einen eigenen Förderpreis für Azubi-Projekte
• VBG: Auch beim Preis VBG_Next werden innovative Arbeitsschutzmaßnahmen in Betrieben prämiert. Bewerben sich Auszubildende mit preiswürdigen Ideen, wird dafür eigens eine Kategorie ergänzt und ein Preis an sie verliehen
Arbeitsschutz früh thematisieren
Sicherheit und Gesundheit von Anfang an in die Ausbildung zu integrieren, diesen Ansatz findet auch Romy Krug, Leiterin des Sachgebietes Berufliche Bildung der Deutschen Gesetzlichen Unfallversicherung (DGUV), sinnvoll. Sie betont die Bedeutung des Themas für die gesamte Ausbildungszeit und an allen Lernorten, also in den Betrieben, den überbetrieblichen Ausbildungszentren und den Berufsschulen: „Was die Azubis an Sicherheits- und Gesundheitskompetenzen erwerben, hilft ihnen später im ganzen Arbeits-, aber auch Privatleben.“ Das sei auch deshalb wichtig, weil junge Beschäftigte gefährdeter für Arbeitsunfälle seien. Denn: In ihrem Alter seien sie tendenziell risikobereiter und hätten weniger Erfahrungen sowie Kenntnisse zu sicherem Verhalten und Gefährdungen.
Jahr für Jahr belegen Zahlen der Deutschen Gesetzlichen Unfallversicherung (DGUV) das höhere Unfallrisiko, zuletzt im Bericht zum Arbeitsunfallgeschehen 2024 (Seite 43). Demnach ist die Altersgruppe der 20- bis 24-Jährigen mit mehr als 20 Arbeitsunfällen pro 1.000 Beschäftigte deutlich am gefährdetsten. Dabei ist den jungen Beschäftigten das Thema Arbeitsschutz durchaus wichtig. So zeigte eine forsa-Umfrage im Auftrag der DGUV im Jahr 2021, dass sich die Mehrheit der befragten 16- bis 30-jährigen Azubis klare Regeln und mehr Austausch zum Thema Arbeitsschutz im Rahmen ihrer Ausbildung wünscht.
Das wird in den rechtlichen Regelungen bereits teilweise berücksichtigt. Einige Aspekte zu Arbeitssicherheit und Gesundheitsschutz, wie Brandschutz und Erste Hilfe, sind feste Ausbildungsinhalte. Geplant ist, alle Ausbildungsordnungen fortwährend um weitere Aspekte des Arbeitsschutzes zu erweitern, wie zum Beispiel um Ergonomie oder psychische Gesundheit. Dies ist durch die sogenannte Standardberufsbildposition „Sicherheit und Gesundheit bei der Arbeit“ vorgesehen.
Mischung aus Theorie und Praxis
In der Ausbildung müssen die Themen Sicherheit und Gesundheit im Betrieb, in der Berufsschule und im überbetrieblichen Ausbildungszentrum immer mitgedacht und begleitend umgesetzt werden, so Romy Krug. Neben einer Mischung aus Theorie und Praxis sei eine gute Fehlerkultur wichtig: „Wenn Auszubildende Fehler machen, soll darüber offen gesprochen und konstruktiv damit umgegangen werden. Denn jeder Fehler bietet die Chance, daraus zu lernen.“
Weiterhin bedürfe es einer altersgerechten Ansprache. Diese könne man auch durch den Peer-to-peer-Ansatz erreichen: Gibt es ältere Auszubildende, können diese den jüngeren in einem Mentoring-Programm als Vorbilder und Ansprechperson dienen. Tauschen sich Gleichaltrige aus, sei häufig die Hemmschwelle niedriger, Fragen zu stellen.
Essenziell sei auch, dass Ausbilderinnen und Ausbilder, Lehrkräfte und Sicherheitsbeauftragte stets sicherheitsgerechtes Handeln vorleben, zum Beispiel indem sie konsequent Schutzmaßnahmen einhalten. Auch Sicherheitsbeauftragte können Azubis als Vertrauenspersonen unterstützen.
So können Sicherheitsbeauftragte unterstützen
- Ansprech- und Vertrauensperson für die Auszubildenden sein, zum Beispiel wenn diese Fragen haben oder ihnen etwas unsicher erscheint.
- Als weiteres wachsames Auge über die Azubis, besonders wenn der neue, noch unerfahrene Jahrgang mit der Ausbildung startet.
- Zusätzliche Schulungen oder weitere Angebote anregen, wenn sie bei den Azubis den Bedarf dafür wahrnehmen.
- Eine Teilnahme an einem Azubi-Wettbewerb des Unfallversicherungsträgers oder dem Präventionsprogramm „Jugend will sich-er-leben“ anregen. Mit dem Präventionsprogramm „Jugend will sich-er-leben“ stellt die gesetzliche Unfallversicherung ein praxisnahes Präventionsangebot bereit.
Regelmäßige Schulungen und moderne Lernmittel
Aber wie gehen die Betriebe an die Aufgabe heran, die Auszubildenden bei der Entwicklung von Sicherheits- und Gesundheitskompetenzen zu unterstützen? BorgWarner verfolgt im eigenen Ausbildungszentrum einen kontinuierlichen Ansatz: Zum einen gibt es morgendliche Besprechungsrunden, in denen regelmäßig Fokusthemen behandelt werden. Diese können jahreszeitenbedingt sein, zum Beispiel glatte Straßen als Gefahr auf dem Arbeitsweg. Zum anderen gebe es halbjährlich eine Ganztagsschulung zu Arbeitssicherheit. „Diese ist nicht berieselnd, sondern so aufgebaut, dass die Azubis aktiv mitmachen. Dafür integrieren wir immer kurze Aktivitäten, wie zum Beispiel Begehungen vor Ort, Rollenspiele, Quiz oder Videos aus dem Internet“, erklärt Ausbildungsleiter Axel Walther. Gleiches gelte für die Maschinenunterweisungen für neue Auszubildende, bei denen die Ausbilder den jungen Beschäftigten Verständnisfragen stellten.
Das Unternehmen ECKART geht ähnlich vor. Zum Start des Ausbildungsjahres gebe es eine einwöchige Exkursion mit den Azubis, in der auch Arbeitsschutz bereits thematisiert würde. Zudem biete man einen Teil der Unterweisungen als E-Learnings an. Mit kleinen Video- und Audioausschnitten sowie Quizfragen werde das Thema spielerisch angegangen. Ein Ansatz, den BorgWarner mit interaktiver Lernsoftware und Überprüfungsfragen ähnlich umsetzt. Ausbilderin Julia Wölfel von ECKART sieht in dieser Herangehensweise eine attraktive Wissensvermittlung.
Positive langfristige Effekte
Den Azubis beider Betriebe hat die Teilnahme an den Wettbewerben der BGHM und der BG RCI zusätzlich zu ihren Ausbildungsinhalten viel gebracht. Dragana Copic von BorgWarner Turbo Systems sagt: „Ich habe gelernt, dass man den Arbeitsschutz niemals vernachlässigen darf.“ Insgesamt würden ihr nun mehr Dinge auffallen, sie sei achtsamer. Generell, wenn sie sich in den Werkshallen bewege, aber auch speziell, wenn sie nun am Werkzeugwagen stünde: „Jetzt habe ich direkt einen Blick dafür, welche Werkzeuge hier Unfälle verursachen könnten – oder, dass ich die Schutzhülle draufsetze.“
Auch bei den Azubis von ECKART hallt der Wettbewerb noch nach. Das Thema Arbeitsschutz sei im Unternehmen schon immer sehr wichtig und ein großer Bestandteil der Ausbildung gewesen. „Aber durch den Azubi-Wettbewerb der BG RCI ist mir noch einmal bewusster geworden, wie wichtig Arbeitssicherheit ist“, erklärt Oliver Dörres. Und für seinen Kollegen Thomas Hutzler ist endgültig klar: „Man kann hier nie auslernen.“
Wünschenswerte Effekte, die für die jungen Beschäftigten möglichst das ganze Berufsleben anhalten sollen. Expertin Romy Krug fasst deshalb die Vorteile für alle wie folgt zusammen: „Setzt man die Themen Arbeitssicherheit und Gesundheitsschutz in der Ausbildung bestmöglich um, sind die jungen Beschäftigten langfristig motiviert, gesund und leistungsfähig und haben dadurch ein geringeres Risiko für Arbeitsunfälle und Ausfallzeiten.“