Flucht- und Rettungswege auf Baustellen sicher gestalten
Wo sich die Baustelle verändert, müssen auch Flucht- und Rettungswege im Blick bleiben. Wie können Sicherheitsbeauftragte dazu beitragen?
Geschrieben von: Sirka Sander
Datum: 19.10.2026
„Habt ihr den neuen Rettungsplan gesehen?“ Die Sicherheitsbeauftragte (Sibe) bleibt vor einer Gruppe Beschäftigter stehen. „Der Treppenturm auf der Nordseite wurde versetzt. Der Fluchtweg führt jetzt über die Ostseite.“ Einige nicken, andere schauen überrascht – die Wegeführung hat sich seit dem Vortag geändert.
Entlang des neuen Rettungswegs weisen rote Bretter den Weg. Was gestern noch der kürzeste Weg ins Freie war, ist heute nicht mehr aktuell. Genau solche Veränderungen gehören zum Baustellenalltag, und Sibe sind oft die ersten Ansprechpersonen vor Ort, die dafür sorgen, dass die verschiedenen Teams und Gewerke alle wichtigen Informationen bekommen.
Baustellen birgen Gefahren – Rettungswege schützen
Funktionierende Absprachen sind das A und O, weil auf Baustellen viele sicherheitsrelevante Faktoren zusammenkommen: Feuergefährliche Arbeiten wie Schweißen oder Trennschneiden sind häufig zu verrichten. Es gibt Brandlasten wie Baumaterial, Verpackungsmaterial und Abfälle.
Auch Absturzgefahren an Gerüsten oder offenen Schächten erhöhen das Unfall- und Brandrisiko. Gleichzeitig arbeiten mehrere Firmen parallel auf engem Raum. Und: Kaum ein Arbeitsort verändert sich so schnell wie eine Baustelle. Neue Bauabschnitte entstehen, Gerüste werden umgesetzt, Treppentürme ergänzt, Zugänge gesperrt oder verlegt.
Flucht- und Rettungswege sind essenziell, weshalb sie bereits bei der Planung einer Baustelle eine zentrale Rolle spielen. Sie werden unter anderem in Alarmierungs- und Evakuierungskonzepten, der Baustellenordnung sowie im Sicherheits- und Gesundheitsschutzplan berücksichtigt. Die Abstimmung zwischen Bauherrschaft, Arbeitgebenden und weiteren Beteiligten soll sicherstellen, dass alle für den Ernstfall vorbereitet sind.
- Flucht- und Rettungswege regelmäßig ablaufen
- darauf achten, dass Wege, Zugänge und Türen frei bleiben und nicht Material und Werkzeuge sie blockieren
- prüfen, ob Fluchtwegzeichen und Rettungspläne aktuell und gut sichtbar sind
- nachfragen, ob alle wissen, wie alarmiert wird und wo sich Sammelstellen befinden
- Beschäftigte auf aktuelle Regelungen hinweisen
- kontrollieren, ob geeignete Löscheinrichtungen und die für die jeweiligen Gefährdungen passenden Löschmittel vorhanden sind
- auf feuergefährliche Arbeiten achten und darauf, ob brennbares Material herumliegt, das sich etwa durch Funken entzünden könnte Auffälligkeiten ansprechen und an zuständige Stellen weitergeben
Flucht- und Rettungspläne durch Piktogramme abbilden
Doch selbst die beste Vorplanung kann die Dynamik einer Baustelle nicht vollständig abbilden. „Ein Flucht- und Rettungsplan ist nur sinnvoll, wenn er zur aktuellen Baustelle passt“, sagt Frank Trunz, Brandschutzbeauftragter der Berufsgenossenschaft der Bauwirtschaft (BG BAU). Deshalb müssen sie mit dem Baufortschritt immer wieder überprüft, angepasst und kommuniziert werden. „Unterweisungen sind ein zentraler Baustein der Hilfsorganisation.
Entscheidend ist, dass sie bei allen Beteiligten ankommen und verstanden werden“, so Trunz. Denn auf Baustellen arbeiten wechselnde Teams verschiedener Firmen und Gewerke zusammen, die häufig unterschiedliche Muttersprachen sprechen. Unterweisungen müssen in einer für alle Beteiligten verständlichen Sprache erfolgen.
Ergänzend können sprachunabhängige Piktogramme und mehrsprachige Informationsmaterialien wie die in zwölf Sprachen vorhandenen Bausteine „sehen + verstehen“ der BG BAU die Verständigung erleichtern. Ebenso wichtig ist, dass alle Beschäftigten wissen, wie im Notfall alarmiert wird, welche Signale was bedeuten und wo sich Sammelstellen befinden.
- Notausgang/Rettungsweg: Weist den Weg zu einem Ausgang, der im Notfall zu benutzen ist.
- Richtungsangabe: Zeigt die Richtung zum nächsten Rettungsweg oder Notausgang.
- Sammelstelle: An diesem Ort sollen sich alle Personen im Notfall sammeln.
- Erste Hilfe: Hier befindet sich eine Erste-Hilfe-Einrichtung oder ein Erste-Hilfe-Raum.
- Notruftelefon: Ein Telefon für Notrufe und Alarmierung steht hier bereit.
- Krankentrage: An dieser Stelle befindet sich eine Krankentrage zur Rettung verletzter Personen.
Daneben spielt die Sichtbarkeit eine wichtige Rolle: Rettungspläne und Sicherheitszeichen müssen auch bei schlechten Lichtverhältnissen gut erkennbar sein. „Im Notfall zählt jede Sekunde. Beschäftigte müssen intuitiv erkennen können, welcher Weg gerade gilt“, sagt Trunz. Wichtig ist auch zu unterscheiden: Fluchtwege dienen der Selbstrettung aus dem Gefahrenbereich, Rettungswege dagegen dem Zugang für Rettungskräfte und Feuerwehr.
Sibe können zur Sicherheit auf Baustellen beitragen
Damit Rettungskräfte im Ernstfall keine Zeit verlieren, müssen ihre Anfahrt und die Orientierung auf der Baustelle geplant werden. Sibe können unterstützen, indem sie prüfen, ob diese Informationen vor Ort bekannt sind und ob Wege und Zufahrten frei bleiben. Außerdem können sie im Notfall als Lotsen fungieren.
Die beste Rettungsorganisation nützt jedoch wenig, wenn Brandgefahren im Arbeitsalltag übersehen werden. „Brandschutz wird auf Baustellen oft stark vernachlässigt“, sagt Holger Thoms, Fachmann für Betrieblichen Brandschutz bei der Deutschen Gesetzlichen Unfallversicherung. „Neben den klassischen Brandgefahren und feuergefährlichen Arbeiten sind es auch oft die vermeintlichen Kleinigkeiten, die zum Problem werden“, so Thoms.

Eine achtlos weggeworfene Zigarettenkippe oder Brandlasten wie Verpackungsmaterialien, die womöglich noch Fluchtwege verstellen, können im Ernstfall schwerwiegende Folgen haben. „Häufig unterschätzt werden auch die Gefahren, die von Lithium-Ionen-Akkus ausgehen“, so Thoms. Viele Werkzeuge auf Baustellen werden mit Akkus betrieben. „Werden diese beschädigt, etwa weil sie herunterfallen, oder unsachgemäß gelagert werden, kann es zu schwer löschbaren Bränden kommen“, so der Experte.
Umso wichtiger sei es, Beschäftigte für diese Risiken zu sensibilisieren und auf geeignete Schutzmaßnahmen hinzuweisen. Viele Sibe sind zugleich als Brandschutzhelfende ausgebildet. Sie können auf Brandgefahren aufmerksam machen, Mängel frühzeitig ansprechen und darauf achten, dass geeignete Löscheinrichtungen zugänglich bleiben.
Dennoch sollten sie ihre Zuständigkeiten klar abgrenzen. „Sicherheitsbeauftragte sollen weder Feuerwehr noch Rettungsdienst ersetzen“, betont Thoms. Entscheidend sei vielmehr, die Rolle als Praxisanker vor Ort zu erfüllen. So können sie dazu beitragen, dass Flucht- und Rettungswege nicht nur auf dem Papier existieren, sondern im Baustellenalltag funktionieren. Denn im Notfall zählt nicht allein die Planung. Entscheidend ist, dass alle Beteiligten wissen, was zu tun ist.