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Risikokompetenz: Was das ist und wie Beschäftigte sie erlernen
Eine Warnweste reduziert nachweislich das Risiko, von anderen Personen übersehen zu werden. © Foto: Getty Images
Arbeitswelt

Risikokompetenz: Was das ist und wie Beschäftigte sie erlernen

Statistiken helfen, Unfallrisiken bei der Arbeit einzuschätzen. Unternehmen sollten Risiken verständlich kommunizieren, damit Beschäftigte Arbeitsschutz ernst nehmen.

Datum: 22.07.2022
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Felix Rebitschek, wissenschaftlicher Leiter und Geschäftsführer des Harding-Zentrums für Risikokompetenz © Foto: Harding-Zentrum

Für die betriebliche Arbeitssicherheit und den Gesundheitsschutz ist grundsätzlich die Unternehmensleitung verantwortlich – aber auch Beschäftigte haben eine Mitwirkungspflicht.

Nur wenn sie die Sicherheitsanweisungen befolgen, Persönliche Schutzausrüstung nutzen und Vorsorgeuntersuchungen wahrnehmen, lassen sich beispielsweise Unfälle vermeiden. Das setzt eine hohe Eigenverantwortung ­voraus – und die Fähigkeit, Unfall- und Gesundheitsrisiken bei der Arbeit richtig einzuschätzen.

Fehlender Risikokompetenz ist problematisch

Felix G. Rebitschek ist wissenschaftlicher Leiter und Geschäftsführer des Harding-Zentrums, eines Forschungsinstituts, das sich mit Risikokompetenz beschäftigt.

Immer wieder kommt er zu der Erkenntnis, dass es vielen Menschen schwerfällt, Entscheidungen zahlenbasiert zu treffen. Was das mit Arbeitsschutz zu tun hat und wie sich die Risikokompetenz in Unternehmen erhöhen lässt, erklärt der Psychologe im Interview.

Herr Rebitschek, beginnen wir mit einer Definition: Was bedeutet Risikokompetenz?

Risikokompetentes Entscheiden bedeutet, in ungewissen Situationen die zur Auswahl stehenden Optionen und mögliche Konsequenzen beurteilen zu können – und anschließend diejenige Option auszuwählen, die nützt.

Risikokompetenz umfasst dabei ein Set von Merkmalen. Dieses ermöglicht ein kritisches Verständnis von unsicheren Ereignissen und einen für das eigene Leben dienlichen Umgang damit.

Woran liegt es, dass manche Menschen Risiken nicht richtig einschätzen können? Hat das individuelle oder strukturelle Gründe?

Beides. Das eigene Erleben oder auch die persönliche Wahrnehmung des Erlebens anderer beeinflussen unsere Einschätzung davon, wie wahrscheinlich unsichere Ereignisse eintreffen.

Ist die Kommunikation von Organisationen wenig evidenzbasiert – das heißt, sie beruht nicht oder kaum auf wissenschaftlichen Erkenntnissen –, läuft sie oft Gefahr, unausgewogen, unverständlich oder irreführend zu sein. Das kann dazu führen, dass Personen Risiken nicht korrekt einschätzen können.

Risiken verständlich kommunizieren

  1. Nicht nur schriftlich informieren: Sprachliche Barrieren oder Verständnisprobleme bleiben unentdeckt, wenn Informationen nur schriftlich mitgeteilt werden. Es empfiehlt sich ein Mix aus mündlicher Vermittlung und schriftlichen Handlungsanweisungen. Alle Materialien sollten stets aktuell sein und sich nicht widersprechen.
  2. Zuständigkeiten festlegen und kommunizieren: Beschäftigte sollten wissen, wer im Betrieb über Risiken Bescheid weiß – bei wem sie nachfragen und sich informieren können. Das beugt der Verbreitung von Falsch-informationen vor.
  3. Maßnahmen erklären: Zuständige des betrieblichen Arbeitsschutzes sollten stets das „Wozu?“ einer Sicherheitsmaßnahme kennen und erklären
    können. Insbesondere dann, wenn Sicherheitsmaßnahmen möglicherweise lieb gewonnene Gewohnheiten aufbrechen.
  4. Daten plausibel machen: Zahlen zu Unfällen oder Ausfalltagen belegen Risiken nur begrenzt. Greifbarer werden sie anhand von Erfahrungsberichten oder Videos.

Was resultiert aus fehlender Risikokompetenz – welche Gefahren können entstehen?

Die Folge sind gefährliche Gesundheitsentscheidungen, weil man unnötige Maßnahmen ergreift oder notwendige Maßnahmen ausschließt.

Was können Unternehmen tun, um die Risikokompetenz in der Belegschaft zu erhöhen?

Vor allem eines: kommunizieren. Sie sollten die Wirksamkeit des Einhaltens und Nichteinhaltens von Sicherheitsmaßnahmen gegenüberstellen. Sie sollten also nachvollziehbar darlegen, wie häufig bestimmte Konsequenzen eintreten, zum Beispiel pro tausend Arbeitsvorgängen.

Aber auch niedrigschwellige Dialogformate mit kompetenten Ansprechpersonen sind empfehlenswert. Hierhin kann die Belegschaft im kleinen geschützten Kreis ihre Fragen mitbringen.

Denkbar sind zudem gezielte Risikokompetenz-Weiterbildungen für die Beschäftigten, in denen darauf eingegangen wird, wie man sich kritisch informiert und mit gefundenen Informationen auseinandersetzt.

Zum Weiterlesen

Mehr Informationen zur Risikokompetenz erhalten Sie in der DGUV Information 206-041 Kommunikation – Risiken erkennen – im Betrieb sicher kommunizieren.

Geschrieben von: Isabelle Rondinone