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Wenn die Hubarbeitsbühne vor hoher Spannung warnt
Bevor Benedikt Iannuzzi (links) und Dennis Treinen mit der fahrbaren Hubarbeitsbühne arbeiten, treffen sie alle Sicherheitsvorkehrungen, die dafür relevant sind. © Alexandra Lechner

Arbeitssicherheit : Wenn die Hubarbeitsbühne vor hoher Spannung warnt

Spezielle Sensoren an fahrbaren Hubarbeitsbühnen schützen die Mitarbeitenden der energis-Netzgesellschaft vor Stromunfällen.

Einsatz im örtlichen Stromnetz. Die Leitung, an der gearbeitet werden muss, liegt in knapp zehn Metern Höhe. Dennis Treinen und Benedikt Iannuzzi rücken mit der fahrbaren Hubarbeitsbühne aus. Vor Ort sitzt jeder Handgriff. Bevor die beiden Netzmonteure der saarländischen energis-Netzgesellschaft mbH mit der Arbeit an der Freileitung beginnen, stellen sie die Hubarbeitsbühne sicher auf: Unterlegplatten sorgen für einen festen Stand der Stützen. Mit Leitkegeln sperren sie als Teil der Verkehrssicherung den Bereich um das Fahrzeug ab.

Bevor Treinen die Hubarbeitsbühne besteigt und hochfährt, stellt er sicher, dass er die persönliche Schutzausrüstung in Ordnung ist und er sie vollständig angelegt hat: Neben Sicherheitsschuhen gehören dazu störlichtbogengeprüfte Jacke und Hose, Handschuhe und Schutzhelm. Für die Arbeit auf dem Hubsteiger kommt persönliche Schutzausrüstung gegen Absturz hinzu.

FAQ: Fahrbare Hubarbeitsbühnen

Die wichtigsten Fragen zu Hubarbeitsbühnen beantwortet Marco Daudenberg, Leiter ...

Treinen fährt langsam nach oben. Plötzlich ertönt ein Alarmsignal. Treinen lässt den Joystick los, mit dem er das Gerät steuert. Der Ausleger kommt zum Stehen – rechtzeitig, bevor es gefährlich wird. Denn mehrere Meter von der Arbeitsbühne entfernt befinden sich unter Spannung stehende Freileitungen. „Der Testalarm zeigt: Unser Sicherheitssystem funktioniert“, sagt der Netzmonteur, der zugleich Sicherheitsbeauftragter ist.

Der Arbeitsbereich um die Hubarbeitssbühne wird als Teil der Verkehrssicherung mit Leitkegeln abgesperrt. Stützen mit Unterleg­­platten sorgen für sicheren Stand. © Alexandra Lechner

Lichtbogen unter allen Umständen verhindern

Hubarbeitsbühnen nutzt das Unternehmen oft bei Einsätzen an Nieder­spannungsleitungen im insgesamt rund 6.600 Kilometer langen Stromnetz. Gegen Stromunfälle im ört­lichen Netz sind die Beschäftigten gut geschützt, zum Beispiel weil der Arbeitskorb aus isolierendem Kunststoff besteht, der den Strom nicht leitet – aber auch durch persönliche Schutzausrüstung (PSA) wie den Industrieschutzhelm und die Kleidung. Doch bei Freileitungen höherer Spannungsebenen wie der Mittelspannung reicht dieser Schutz nicht aus. Und Mittelspannungsleitungen mit 10.000 Volt und mehr sind oft in ­geringer Entfernung zu solchen mit Niederspannung verbaut und werden nicht abgeschaltet, wenn an letzteren gearbeitet wird.

4.796 Stromunfälle

wurden der BG ETEM allein 2024 gemeldet. Davon endeten zwei tödlich.

Unfallregister der BG ETEM – Stand 3/2025

„Da reicht es, wenn Beschäftigte die Arbeitsbühne versehentlich zu nah an die Mittelspannungsleitung heransteuern, damit es zu einem Lichtbogen kommen kann. Sie müssen die Leitung nicht einmal berühren“, sagt Mathias Kütten, Leitender Sicherheitsingenieur der VSE-Gruppe, zu der die energis-Netzgesellschaft gehört. Störlichtbögen können schwere Verletzungen und Verbrennungen verursachen – oder gar zum Tod führen. Solch ein Unfall wäre einem erfahrenen Monteur fast passiert. „Wir sind sehr froh, dass er von dem Beinahe-Unfall berichtet hat, weil er nicht wollte, dass jemand anderem so etwas geschieht“, so Kütten.

Der Betrieb suchte nach Lösungen, um Beschäftigte zu warnen, wenn sie sich mit der fahrbaren Hubarbeitsbühne einer unter Spannung stehenden Leitung nähern. „Das sollte automatisch geschehen, ohne dass das Sicherheitssystem jedes Mal eingeschaltet werden muss“, präzisiert der Sicherheitsingenieur. Doch Hersteller von fahrbaren Hub­arbeitsbühnen in Deutschland boten passende Ausrüstungen nicht an. Auf diese stieß Thomas Wachter erst über Kontakte der Freiwilligen Feuerwehr, der er seit 28 Jahren angehört. Die Fachkraft für Arbeitssicherheit (Sifa) bei der energis-Netzgesellschaft erfuhr von einer Lösung, wie sie im nahen Frankreich an Drehleiterwagen verbaut ist. Dort warnen Sensoren die Feuerwehrkräfte vor unter Spannung stehenden Teilen.

Per Joystick wird die Arbeitsbühne gesteuert. Sobald er losgelassen wird, etwa weil der Sensor warnt, stoppt die Fahrt. © Alexandra Lechner

Doch bevor die französische Lösung auf Hubarbeitsbühnen übertragen wurde, klärte der Betrieb die Idee mit den Herstellern ab, um zu verhindern, dass das System andere Sicherheitsvorkehrungen störte. Vor allem bezog das Arbeitsschutzteam die Beschäftigten ein, darunter Sicherheitsbeauftragte wie Dennis Treinen. „Wir haben uns mit denen zusammengesetzt, die es in der Praxis betrifft. Auch um zu klären, wann der Sensor auslösen soll und wann nicht“, berichtet Wachter. Ein Abstand von vier bis acht Metern zur mit 10.000 Volt unter Spannung stehenden Leitung erwies sich als sinnvoll. Je höher die Spannung ist, desto früher blinkt die Warnleuchte und ertönt das Warnsignal, damit genügend Zeit bleibt, die Arbeitsbühne zu stoppen.

Hubarbeitsbühnen sicher nutzen

Die DGUV Information 208-019 erklärt den sicheren Umgang mit fahrbaren Hubarbeitsbühnen.

Die Sensoren dürfen an den Hubarbeitsbühnen nicht stören

Auch die Frage, wo genau die Sensoren angebracht werden, musste geklärt werden. Es braucht vier Stück, um alle Seiten der Hubarbeitsbühne abzudecken. „Es ist nicht leicht, die Elektronik zu platzieren, da sie die Arbeitsabläufe nicht stören darf und wettergeschützt eingebaut werden muss“, ergänzt Treinen, der sich um den Einbau kümmerte. Inzwischen ist der Großteil der Hubarbeitsbühnen bereits mit den Sensoren bestückt. „Ein paar ältere Fahrzeuge müssen noch nachgerüstet werden. Sie bieten weniger Platz, daher ist es nicht so leicht“, sagt Treinen. Doch der Netzmonteur sucht gern nach praktischen Lösungen.

Die Sensoren geben das Signal direkt weiter, damit ein akustisches und optisches Warnsignal ausgegeben werden kann. © Alexandra Lechner

Für die Sensoren-Idee wurde die energis-Netzgesellschaft 2025 mit dem Deutschen Arbeitsschutzpreis ausgezeichnet. Die Ehrung nutzte das Unternehmen, um dafür zu werben, dass andere Betriebe die Idee übernehmen. „Unser System kann Leben retten, daher freuen wir uns, wenn es bekannter wird und wir zu seiner Verbreitung beitragen können“, sagt Geschäftsführer Jens Leinenbach. Auch die BG ETEM, bei der die VSE-Gruppe versichert ist, weist Mitglieds­betriebe auf die Sensoren hin. Der Deutsche Arbeitsschutzpreis ist auch eine Belohnung dafür, dass der Betrieb und die gesamte VSE-Gruppe seit Jahren die Sicherheitskultur verbessern.

Ein wichtiger Punkt: der Umgang mit Beinahe-Unfällen und Fehlern. „Wir wollen eine offene, ehrliche und angstfreie Kommunikation“, benennt Kütten das Ziel. Das Arbeitsschutzteam hat dafür unter anderem ein Meldesystem entwickelt, über das Beschäftigte per Smartphone auf unsichere Situationen und Mängel hinweisen können. Die Vorgesetzten und die Fachkräfte für Arbeitssicherheit werden darüber informiert. Wer auf das Problem hingewiesen hat, wird über den Stand der Mängelbeseitigung informiert.

Arbeiten mit elektrischen Anlagen

Gefährdungen

  • elektrischer Schlag oder Störlichtbogen (Verbrennungen, Augen- und Gehörschäden sowie lebensgefährliche Verletzungen möglich)
  • Brand- und Explosionsgefahr durch Funken oder Lichtbögen

Mögliche Schutzmaßnahmen

  • die fünf Sicherheitsregeln einhalten, vor allem Freischalten und Spannungsfreiheit feststellen
  • nur befähigte und unterwiesene Personen die Arbeiten durchführen lassen
  • Sicherheitsabstände zu nicht freigeschalteten Anlagen einhalten
  • brennbares Material aus der Umgebung entfernen und weitere Brand- und Explosionsschutzvorgaben beachten
  • persönliche Schutzausrüstung tragen (wie etwa Handschuhe, Schutzhelm mit Visier und Jacke) – weitere Informationen in der DGUV Information „Thermische Gefährdungen durch Störlichtbögen“

Mit Aktionstagen für den Arbeitsschutz werben

Ein weiterer Ansatz, den Nutzen von Arbeitsschutz zu verdeutlichen, sind Aktionstage. Im Sommer 2025 organisierten die Netzgesellschaften der VSE-Gruppe erstmals solche Praxistage der Arbeitssicherheit. Durch Vorführungen, praktische Übungen und Angebote der BG ETEM vor Ort wurde der Sinn von Sicherheitsmaßnahmen verdeutlicht.

Thomas Wachter (rechts) zeigt seinem Kollegen Mathias Kütten den Sensor. © Alexandra Lechner

Um den Arbeitsschutz weiter zu verbessern, wurde zudem das Sifa-Team ausgebaut: auf fünf Vollzeit-Sifas und vier Teilzeit-Sifas aus der Betriebsbelegschaft. Unterstützt werden sie von 32 Sicherheitsbeauftragten in allen Bereichen der dazugehörigen Tochterfirmen, in operativen Teams ist es jeweils ein oder eine Sibe. Benedikt Iannuzzi möchte ebenfalls zum Team der Sicherheitsbeauftragten stoßen. Bereits jetzt bildet er als qualifizierter Ausbilder mit langjähriger praktischer Erfahrung Kolleginnen und Kollegen im Bedienen von Hubarbeitsbühnen aus. „Künftig möchte ich mein Engagement für Arbeitssicherheit noch verstärken“, sagt der Netzmonteur.

Regelmäßige Weiterbildungen erhöhen die Arbeitssicherheit

Dazu bekommen Sibe in der VSE-Gruppe unterschiedliche Gelegenheiten. Über verschiedene Fragen können sie und die Sifas sich in einem internen Chat miteinander austauschen. Regelmäßig gibt es gemeinsame Sitzungen, mal online, mal in Präsenz. „Die sind oft themenspezifisch, etwa für Sibe aus der Verwaltung oder für die aus operativen Teams“, erläutert Kütten. Jedes Jahr veranstaltet das Sifa-Team dazu noch einen internen Workshop zur Fortbildung der Sibe. Gibt es bei der BG eine passende Weiterbildung, so wird diese den Sicherheitsbeauftragten ebenfalls angeboten.

Die Sicherheitskultur zu stärken, ist Geschäftsführer Jens Leinenbach (am Bildschirm) ein wichtiges Anliegen. © Alexandra Lechner

Dennis Treinen fühlt sich bei seiner Tätigkeit als Sicherheitsbeauftragter gut eingebunden. Als Sibe unterstützt er seinen Teamleiter in Arbeitsschutzfragen. Er hilft zum Beispiel bei Unterweisungen. Vor allem, wenn es um PSA geht und um die Anschaffung neuer Schutzausrüstung, gibt Treinen seine Erfahrung und die seiner Kollegen weiter. Insbesondere lobt er die Kommunikation in Arbeitsschutzfragen: „Es vergeht keine Woche, ohne dass ich mit der Sifa spreche.“ In den Unterredungen gibt er wertvolles Feedback. „Wir als Sifa müssen wissen, was bei den Kollegen passiert. Dafür sind wir auf die Rückmeldung der Sibe angewiesen“, merkt Kütten an.

Dass ihm die ehrenamtlichen Arbeitsschützerinnen und Arbeitsschützer wichtig sind, drückt das Unternehmen auch auf anderer Ebene aus. So durften alle Sibe an einer Tagestour auf Firmenkosten teilnehmen. In einem Testlabor bekamen sie gezeigt, welche Auswirkungen ein Lichtbogen auf den menschlichen Körper haben kann.

Die Sensoren an den Hubarbeitsbühnen tragen dazu bei, dass solche schweren Unfälle im Arbeitsalltag verhindert werden können. Bei der Neuanschaffung von Hubsteigern will die energis-Netzgesellschaft nur noch Modelle mit den Spannungssensoren erwerben. Ein erster deutscher Hersteller hat diese bereits in sein Angebot übernommen.