Arbeitssicherheit : Sicherheitsabstand beim Lastentransport
Bis zu fünf Tonnen wiegen die aufgewickelten, zusammengebundenen Spaltbänder aus Stahl, die an einem Kran von der meterhohen Decke der Produktionshalle hängen. Jochen Karbach, Sicherheitsbeauftragter (Sibe) und Maschinen- und Anlagenführer beim Profilierbetrieb Dick Profile GmbH in Dommershausen/Dörth im Rhein-Hunsrück-Kreis, steht mit der Fernbedienung für den Kran in der Hand daneben. Etwa drei Meter Abstand trennen ihn von der Last (Abb. 2). Abstand ist hier das sicherheitsrelevante Stichwort.
Früher wurden die Spaltbänder mit abrutschanfälligen Haken aufgenommen und angehoben, wofür sich die Mitarbeitenden in gefährlicher Nähe zum Arbeitsmittel aufhalten mussten. Dank des Erfindungsgeistes und der Eigeninitiative im Betrieb wird dafür jetzt eine sogenannte Coilbombe verwendet. Der zylinderförmige Kolben bewegt sich ferngesteuert am Kran hängend von oben in die Spaltbandspulen und fährt darunter Schwenkarme aus. Wenn diese sicher unter dem Spaltband sitzen, wird der Kolben per Knopfdruck wieder angehoben.
„Dieses eigenständig entwickelte Arbeitsmittel erhöht die Sicherheit im innerbetrieblichen Transport enorm“, bestätigt Aufsichtsperson Martin Drescher von der Berufsgenossenschaft Holz und Metall (BGHM). Für die Coilbombe wurde der Betrieb 2024 mit dem BGHM-Sicherheitspreis „Schlauer Fuchs“ ausgezeichnet.
Eine solche Coilbombe ist nicht im freien Handel erhältlich. Genauso wenig die spezifisch angepasste Kippvorrichtung (Abb. 1), von der aus die Spaltbänder dann auf ihrer Abwickelvorrichtung, genannt Haspel, für die Weiterverarbeitung platziert werden. Oder die Stapelhilfe, mit der die am Ende der Profilierstraße entstandenen Metallprofile in Bunden übereinandergesetzt werden können.
„Wenn wir merken, dass etwas nicht den benötigten Anforderungen an Praktikabilität und Sicherheit entspricht, setzen wir nötige Anpassungen eigenständig um“, erläutert Markus Käfer, Konstrukteur und Fachkraft für Arbeitssicherheit, warum und wie die drei Arbeitsmittel entstanden. Alle drei hat er selbst entwickelt und zusammen mit dafür ausgebildeten Beschäftigten, etwa einem Schweißer oder Schlosser, gebaut. So wurden Normteile gekauft und zu den Arbeitsmitteln zusammengebaut. Diese entsprechen der EG-Maschinenrichtlinie und sind CE-konform.
Bei Dick Profile werden von Rollladen- und Markisenwellen über Luftkanalprofile und Fensterverstärkungen bis hin zu Weinbergpfählen unterschiedlichste Arten von Stahlprofilen hergestellt. Dafür wird mit verschieden großen Spaltbändern gearbeitet, die bis zu fünf Tonnen wiegen können. Das Verletzungsrisiko, sollte ein solches Gewicht von einem Kran abstürzen, ist groß. „Da würde auch ein Helm nicht mehr helfen …“, sagt Käfer ironisch. Was er damit verdeutlichen will: Sicher angeschlagene Last an sicheren Hebemitteln, sichere Arbeitsmittel und ausreichender Sicherheitsabstand sind im innerbetrieblichen Transport essenziell.
Effizienz im Lastentransport
Im innerbetrieblichen Transport soll es aber auch effizient zugehen. Dabei unterstützt unter anderem die Kippvorrichtung. Mit ihr werden die Spaltbänder zeitsparend für den Weitertransport aufgefächert. Käfer erklärt seine selbstentworfene Weiterentwicklung: „Wenn die Coilbombe die Spaltbänder auf der Kippvorrichtung abgesetzt hat, kippt diese in einen Winkel von circa 75 Grad. Zusätzlich neigt sich die Wippe nach vorne.“ Nun liegen die Spaltbänder leicht versetzt, und im Coilauge entstehen Auflageflächen für die Spitze eines C-Hakens. „Der kann jetzt einzelne Spaltbänder herunternehmen“, so Käfer. Der Konstrukteur hat schon verschiedene Arbeitsmittel für die Produktion entwickelt. „Wir sprechen uns intern ab, wie und womit sinnvoll unterstützt werden kann. Dabei hilft natürlich auch der wachsame Blick unseres Sicherheitsbeauftragten.“
Was gehört zum innerbetrieblichen Transport?
- Transportmittel an- und wegfahren sowie be- und entladen, etwa Straßen- oder Schienenfahrzeuge, aber auch Flurförderzeuge wie Gabelstapler oder Hubwagen.
- Der manuelle und maschinelle Transport, etwa durch Krane, Winden-, Hub- und Zuggeräte (wie Seile oder Ketten in Verbindung mit anderen Einrichtungen zum Heben, Senken, Ziehen oder Drücken von Lasten), durch Stetigförderer (zum Beispiel Rollenbahnen oder Kettenförderer) sowie der Handtransport inklusive der dafür vorgesehenen Hilfsmittel.
- Waren oder Produkte ein- und auslagern mithilfe der genannten Mittel.
Klicktipp: Das Informationsportal Kompendium Arbeitsschutz: Das sichere Lager sensibilisiert für die Gefahren bei der Lager- und Logistikarbeit.
Austausch zwischen Sibe und Sifa
Bei Sicherheitsfragen oder wenn Risiken auftauchen, sprechen sich Karbach und Käfer, Sibe und Sifa, ab. Käfer ist regelmäßig vor Ort, für Austausch ist gesorgt. Bislang ist Karbach der einzige Sibe am Standort in Dörth. Damit aber für die 18 Beschäftigten im Zweischichtsystem immer eine Ansprechperson im Betrieb ist – und damit mehr als ein besonders sicherheitssensibler Blick immer wieder die Lage prüft –, hört Karbach sich bereits um, wer sich ebenfalls als Sibe anböte.
Aufmerksam für Sicherheit beim Transport
Wenn möglich, geht Karbach mehrmals täglich durch den Betrieb. „Ich versuche, das in meine Arbeit und meine To-dos einzugliedern. Ich prüfe etwa, ob Notausgänge frei sind, und spreche Kolleginnen und Kollegen an, um zu erklären, warum sie auch frei bleiben müssen.“ Denn gerade im stressigen Versand kann es schon mal sein, dass etwas im Weg stehen gelassen wird. Neben Notausgängen müssen auch Transportwege frei bleiben. Sollten sich tatsächlich mal Vorfälle wiederholen, die die Arbeitssicherheit gefährden, gibt Karbach die Verantwortung in die Hände der Vorgesetzten. „Ich passe auf und gebe wichtige Hinweise an Herrn Käfer weiter. Er bespricht sie dann im Rahmen seiner sicherheitstechnischen Beratung mit der Geschäftsführung.“
Wirklich gefährliche Vorfälle gab es bisher nicht – die Entwicklung der drei Arbeitsmittel war keinesfalls eine Reaktion auf Beinaheunfälle, bestätigt BGHM-Aufsichtsperson Drescher. Im Gegenteil: „Sie dienen der Praktikabilität und machen gleichzeitig die Arbeit noch sicherer. Wie dadurch vermieden wird, im Gefahrenbereich arbeiten zu müssen, ist bemerkenswert.“ Laut DGUV Vorschrift 53 „Krane“ müssen deren Arbeits- und Verkehrsbereiche so gesichert sein, dass Personen weder durch die Kranbewegung noch durch herabfallende Last verletzt werden, und Personen müssen sich beim Anheben außerhalb des Gefahrenbereichs aufhalten.
Impulse für Sibe
Im innerbetrieblichen Transport das Unfallrisiko minimieren:
- Auf spezifische Gefahren hinweisen
Besonders bei erfahrenen Beschäftigten können sich Routinen oder eine gewisse Betriebsblindheit für Risiken einschleichen. Sibe können immer wieder darauf aufmerksam machen. Etwa nicht unter angehobener Last hindurchzugehen oder nichts auf Flucht- und Betriebswegen stehen zu lassen. - Die jeweiligen Zuständigkeiten kennen
Wer ist im Betrieb zum Führen von Kranen ausgebildet? Wer darf die Arbeitsmittel prüfen? Wissen Sibe hier Bescheid, können sie darauf achten, dass nur geschulte und somit sicherheitssensible Beschäftigte die Maschinen bedienen. - Nachfragen und Feedbackmöglichkeiten bieten
Kolleginnen und Kollegen kommen nicht immer selbstständig auf Sibe zu. Diese sollten deshalb nachfragen, ob es ggf. riskante Situationen gab, ob Arbeitsmittel (noch) sinnvoll verwendet werden können oder ob es Verbesserungsvorschläge gibt. Eine -Kombination verschiedener Kommunikationskanäle – etwa persönlich und digital, z. B. über dafür eingerichtete Chatgruppen – macht die Kommunikation flexibel.
Die selbst entwickelten und optimierten Arbeitsmittel ermöglichen zusätzlich ein Anschlagen der Last außerhalb des Gefahrenbereichs. Die Stapelhilfe etwa hebt je eine Lage à vier Bunde fertiger Profilpakete an, damit eine zweite, dritte und vierte darunter fahren kann. Diese vier Lagen mit etwa 6.500 Kilogramm Gewicht werden dann mit dem Kran an der Traverse ins Lager gehoben (Abb. 3). Bevor es die Stapelhilfe gab, wurde jede Lage einzeln wegtransportiert. Jetzt werden zugleich Leerlaufzeiten und Aufwand minimiert.
Nachweislich ausgebildet
„Die Stapelhilfe zentriert die Bunde stirnseitig. So sind die ,Profiltürme‘ sauber gestapelt und stabil“, ergänzt Karbach, „und es ist einfacher und sicherer, sie aus dem Lager wieder mit dem Kran aufzunehmen und zum Versand weiter zu transportieren.“ Egal wie im Betrieb transportiert wird, mit Kran oder Gabelstapler: Alle Beschäftigten in der Produktion sind zu deren Führung qualifiziert. Sie sind nachweislich durch eine Kranführerausbildung oder einen Staplerschein dazu befähigt, offiziell vom Unternehmen zur Nutzung beauftragt und werden theoretisch und praktisch unterwiesen. Bei den Staplern achtet Sibe Karbach darauf, dass alle Mitarbeitenden sie vor der Nutzung einer Sichtprüfung unterziehen. Als prüfbefähigte Person kann er die Flurförderzeuge bei Sicherheitsmängeln auch außer Betrieb setzen.
Ein Blick für Sicherheit
„Wichtig ist etwa, dass die sogenannten Blue Spots funktionieren. Diese Lichtsignale werden vom Stapler aus einige Meter davor auf den Boden projiziert. So warnen sie vor einem nahenden Stapler, auch wenn sich dieser noch hinter der nächsten Ecke befindet“, so Karbach. Er hat auch im Blick, dass Paletten sicher im Regal liegen, zwischen den Hochregalen keine Stapler, sondern die kleineren Hochhubwagen verwendet werden und die Coilbombe nur im Warenannahmebereich der Halle genutzt wird.
„Solche spezifischen Regeln müssen vom Betrieb eingeführt werden, je nachdem, welche Bedingungen herrschen“, weiß Aufsichtsperson Drescher und verweist dafür auf die Schulungen und Seminarangebote in den Bildungsstätten der BGHM. Vorrangig sind diese für Vorgesetzte oder Sifa, die dort lernen, welche Verantwortung sie haben und welche Maßnahmen zum Arbeitsschutz sie umsetzen müssen: Gefährdungsbeurteilung, Betriebsanweisung, Sicherheitsunterweisungen. Aber auch Sibe können dort wichtige Impulse mitnehmen. „Die dort gelehrten allgemeinen Sicherheitshinweise und Tipps zum Arbeitsschutz können sie dann aufgrund ihrer Kenntnis der spezifischen Betriebsgegebenheiten im eigenen Arbeitsumfeld an die Kolleginnen und Kollegen weitergeben“, so Drescher.
Sibe Karbach ist wegen seiner spezifischen Kenntnisse auch dabei, wenn einmal im Monat beauftragte Sicherheitsfachkräfte den Standort prüfen. So kann er seiner Vermittlungsposition zwischen den Mitarbeitenden und den Verantwortlichen für Arbeitssicherheit bestmöglich nachkommen. Wer weiß, welchen Impuls er dabei als Nächstes an Konstrukteur und Sifa Käfer weitergeben kann – sodass dieser ein weiteres innovatives Arbeitsmittel entwickelt.