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Immunsystem stärken: Mythos oder nicht?
Wer seinen Körper regelmäßig mit Licht und Bewegung versorgt, signalisiert dem Immunsystem: Bleibe wachsam, es könnten unbekannte Schädlinge auf den Körper einwirken. © Adobe Stock/Svitlana

Gesundheit : Immunsystem stärken: Mythos oder nicht?

Halten Bewegung, Obst und Gemüse gesund? Inwiefern wir Abwehrkräfte aktiv stärken können, erklärt Professorin Dr. Eva Peters, Expertin für Immunologie und.

„Mit einem Apfel am Tag, bleibt der Doktor erspart!“ Solche und ähnliche Sprüche sollen dazu motivieren, häufiger zu Gemüse und Obst zu greifen – zum Beispiel in der Pause. Der Gedanke dahinter: Gesunde Lebensmittel stärken die Abwehrkräfte, sodass man seltener krank wird und auch seltener bei der Arbeit fehlt.

„Wir alle kennen die Hypothese, dass eine gesunde Lebensführung das Immunsystem stärken kann. Aber wie genau das funktioniert, wissen die meisten gar nicht“, bestätigt Professorin Dr. Eva Peters, Fachärztin sowohl für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie als auch für Dermatologie. Sie leitet das Psychoneuroimmunologie-Labor am Klinikum der Justus-Liebig-Universität Gießen und ist zudem Sprecherin des Arbeitskreises Neuroendokrinoimmunologie (AKNEI) der Deutschen Gesellschaft für Immunologie.

Schwach oder stark: keine Merkmale des Immunsystems

Die hinlänglich bekannte Aufgabe des Immunsystems ist es, schädigende Einflüsse abzuwehren – zum Beispiel Viren, Parasiten, Bakterien, Pilze und Mikroben. Diese Kampf-Analogie ist so fest in unseren Köpfen verankert, dass wir sagen: Wir müssen kämpfen, also brauchen wir Stärke.

„Doch das Konzept, das von einem entweder schwachen oder starken Immunsystem ausgeht, ist so nicht ganz richtig“, sagt Dr. Peters und fügt hinzu „Stattdessen geht es darum, dass unser Körper diejenige Immunantwort abrufen kann, die wir in unserer jeweiligen Lebenssituation brauchen.“ Jederzeit das gesamte Repertoire an möglichen Immunantworten parat zu haben, würde das Immunsystem viel Energie kosten. Aus diesem Grund passt es sich an die Lebenssituation an, in der sich ein Mensch gerade befindet.

Ein flexibles Immunsystem ist das beste Immunsystem

Solange sich das Immunsystem in einer Habachtstellung befindet, wird es schnell auf schädigende Einflüsse von außen reagieren. Die Wahrscheinlichkeit einer neu auftretenden Erkrankung sinkt. Befindet sich der Mensch in einer eher gleichförmigen Lebenssituation, fokussiert sich das Immunsystem auf altbekannte Schadensverursacher. Das heißt, die Bandbreite an bereitgehaltenen Immunantworten ist geringer.

Prof. Peters macht deutlich: „Keime, mit denen unser Immunsystem noch keine Erfahrung gemacht hat, treten meistens dann auf, wenn auch wir selbst uns in neue Situationen begeben. Zum Beispiel wenn wir reisen, umziehen oder eine neue Partnerschaft beginnen.“ Oder auch wenn wir uns an unserem Arbeitsplatz andere Menschen treffen. Solche Situationen halten das Immunsystem auf Trab. Wenn sie fehlen, sollten wir andere Wege finden, es zu stimulieren.

Gut zu wissen

Statt Stärke ist es die Anpassungsfähigkeit des Immunsystems auf neue Herausforderungen, die vor Infekten schützt!

Wichtig sind Bewegung, Licht und abwechslungsreiche Ernährung

„Es hilft tatsächlich präventiv, dem Immunsystem Anreize zu schaffen, damit es sich flexibilisiert und bereit ist, sich auf Neues einzustellen“, sagt Dr. Peters. Dabei helfen die bekannten Tipps zur gesunden Lebensführung. Etwa den Körper mit Licht und Bewegung zu versorgen sowie eine abwechslungsreiche, gesunde Ernährung mit frischem Obst und Gemüse. „Dadurch signalisieren wir dem Körper: ,Du befindest dich nicht im stillen Kämmerlein. Es kann sein, dass du mit neuen Eindrücken konfrontiert wirst. Bleib wachsam´“, beschreibt es die Medizinerin.

Obst und Gemüse: der sommerliche Pausensnack

Nicht alles Banane: An

Praxis-Tipps von Prof. Peters

So halten Sie Ihr Immunsystem im Arbeitsalltag auf Trab

Um in den Körper zu gelangen, müssen Schadstoffe zunächst seine Barrieren überwinden, also Haut und Schleimhaut. Diese gilt es im Winter zu stabilisieren.

  • Atemluft befeuchten: Stellen Sie zum Beispiel ein offenes Gefäß mit Wasser im Büro auf die Heizung, das regelmäßig erneuert werden sollte
  • Haut pflegen: trockene Haut mithilfe von Creme mit ungesättigten Fettsäuren versorgen
  • Hals-Rachen-Raum befeuchten: regelmäßig ein zuckerarmes Bonbon oder ähnliches lutschen, zum Beispiel Salzpastillen

Eine gesunde Lebensführung attraktiver gestalten, indem Sie einen positiven Kontext schaffen:

  • Zeit nehmen für gesunde Kost: Gönnen Sie sich bewusst zehn Minuten Pause, um in aller Ruhe einen Apfel zu essen. Dann entwickelt sich der Apfel zu einem Genuss- und Beruhigungsmittel.
  • Abwechslung schaffen, die einem liegt: Um das Immunsystem zu stärken, müssen Sie nicht gleich joggen, bis Sie aus der Puste kommen. Es kommt auf die alltägliche Aktivierung an. Dazu beispielsweise die Treppe dem Aufzug vorziehen, die Arbeitspausen im Freien verbringen oder zu Fuß zum Bäcker statt mit dem Auto.

Pandemie und Winter bedeuten Monotonie

Im Herbst und Winter ist es überwiegend dunkel, regnerisch und kalt. Aus diesem Grund gehen viele Menschen selten raus und bewegen sich weniger als im Frühling oder Sommer. Auch in der Ernährung spiegeln sich die Jahreszeiten wider. Wir essen viele Kohlenhydrate und Fett – und wenn wir zu Obst oder Gemüse greifen, stammt es nicht frisch vom Feld, sondern aus dem Gewächshaus. Hinzu tritt die dauerhafte Belastungssituation der Pandemie – psychosozialer Stress, der uns mehr und mehr nervt.

„Diese Konstellation wirkt auf das Immunsystem. Der Mangel an Licht, frischen Lebensmitteln, Bewegung und sozialen Kontakten signalisiert dem Immunsystem, dass es aktuell mit keinen neuen Herausforderungen rechnen muss. Dadurch wird es träge und hält weniger Immunantworten auf Vorrat“, so Dr. Peters. Gerade jetzt ist deshalb wichtig, den Alltag im Rahmen der Pandemie bedingten Hygiene- und Abstandsvorgaben abwechslungsreich zu gestalten. Auch eine Impfung bringt das Immunsystem auf Trab ohne alle Risiken der simulierten Erkrankung mitzuliefern.