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Chronische Erkrankungen: Arbeiten unter Schmerzen
Gelenkschmerzen können bei einer chronischen Krankheit wie Rheuma dazugehören. Betroffenen fallen dann manche Tätigkeiten schwerer. © Getty Images/Jacob Wackerhausen

Gesundheitsschutz : Chronische Erkrankungen: Arbeiten unter Schmerzen

Chronische Erkrankungen können am Arbeitsplatz stark belasten. Feste Ansprechpersonen im Betrieb helfen, damit sich Betroffene öffnen und Unterstützung ermöglicht wird.

Seit einiger Zeit leidet Marius Richter an diffusen körperlichen Schmerzen. Er geht in Vollzeit einer Bürotätigkeit nach. Vor allem Ordner beim täglichen Gang ins Aktenarchiv zu tragen, fällt ihm zunehmend schwer. Fast ein Jahr lang konsultiert er immer wieder Ärztinnen und Ärzte. Manchmal muss er sich auch krankmelden, weil seine Beschwerden so stark sind. Schließlich folgt die Diagnose: Rheuma.

Marius Richter ist ein fiktives Beispiel. Tatsächlich leiden viele Menschen an einer chronischen Erkrankung. Die Stiftung Gesundheitswissen geht einer Studie aus dem Jahr 2022 zufolge davon aus, dass 40 Prozent der Bevölkerung (ab 16 Jahren) in Deutschland eine oder mehrere chronische Erkrankungen haben. Unter Jüngeren sind sie weniger verbreitet, ab einem Alter von 40 beziehungsweise 50 Jahren nehmen sie stetig zu. In Anbetracht des demografischen Wandels und älter werdender Belegschaften spielt das Thema für die Arbeitswelt eine wesentliche Rolle.

Häufige chronische Erkrankungen

Das Robert Koch-Institut (RKI) führt an, dass insbesondere die folgenden chronischen Krankheiten weit verbreitet sind:

  • Herz-Kreislauf-Erkrankungen
  • Krebserkrankungen
  • chronische Lungenerkrankungen wie z.B. Asthma
  • Erkrankungen des Muskel-Skelett-Systems
  • psychische Erkrankungen
  • Diabetes mellitus

Weitere Informationen zu chronischen Erkrankungen auf der Website des RKI.

Bei chronischen Erkrankungen fehlt oft eindeutige Definition

Ob Rheuma, Depressionen, Multiple Sklerose oder Diabetes: Chronische Erkrankungen sind für Außenstehende nicht immer ersichtlich. Gemein haben diese unterschiedlichen Erkrankungen, dass sie als lang anhaltend gelten und meist keinen klar bestimmbaren Ausgangspunkt haben. Der Begriff „chronische Erkrankung“ lässt sich im Vergleich zur Schwerbehinderung nicht eindeutig definieren. Nicht jede chronische Krankheit gilt als eine Schwerbehinderung – und umgekehrt. Auch bedeutet sie nicht gleichzeitig eine Einschränkung am Arbeitsplatz. „Es lässt sich nicht pauschal sagen, dass Menschen mit einer chronischen Erkrankung weniger leistungsfähig sind oder ihre Arbeit nicht so erfüllen können wie vorgegeben“, sagt Mathilde Niehaus, Professorin für Arbeit und berufliche Rehabilitation an der Universität zu Köln.

Schübe verschlechtern den Gesundheitszustand

Vieles hängt von der individuellen Ausprägung der Symptomatik einer Erkrankung ab, wie bei dem Beispiel von Marius Richter. „Rheuma untergliedert sich in hundert verschiedene Erkrankungen. Die Krankheit kann mitunter die Knochen, Sehnen, Gelenke, inneren Organe, Venen oder das zentrale Nervensystem angreifen“, sagt Corinna Elling-Audersch, Vizepräsidentin beim Deutschen Rheuma-Liga Bundesverband. Manch chronische Erkrankung verläuft in Schüben und kann mit einer kontinuierlichen Verschlechterung des Gesundheitszustandes einhergehen.

All das belastet einerseits die Betroffenen, weil der Arbeitsplatz die Gesundheit zusätzlich beansprucht und mehr Flexibilität bei der Arbeitszeit nötig wäre. Andererseits stellt es Betriebe und das Kollegium vor Herausforderungen, weil spontane Krankmeldungen oder Ausfälle auf unbestimmte Zeit vorkommen können. Ein enger Austausch zwischen Betroffenen und Betrieb könnte helfen.

Chronisch Erkrankte können die Betriebsärztin oder den Betriebsarzt um Rat fragen, da diese der Schweigepflicht unterliegen. © Getty Images/Tom Werner

Erkrankte entscheiden selbst, ob sie von ihrer Krankheit berichten

Doch aus Sorge vor Nachteilen am Arbeitsplatz behalten Betroffene eine chronische Erkrankung häufig für sich. Andere fürchten, stigmatisiert zu werden. Es besteht keine Pflicht, den Arbeitgeber oder die Arbeitgeberin einzubeziehen. „Es sei denn, daraus ergibt sich eine Selbst- oder Fremdgefährdung am Arbeitsplatz“, sagt Niehaus. Dennoch kann im Sinne aller Beteiligten Offenheit gefragt sein. „Wenn jemand Unterstützung oder Anpassung braucht, dann ist es sinnvoll, sich darüber zu verständigen – weil die Person dann besser arbeiten kann“, sagt die Wissenschaftlerin. Sie hält es für wünschenswert, wenn es in einer Organisation feste Ansprechpersonen gibt. Eine Überlegung ist, zunächst Personen einzubeziehen, die der Schweigepflicht unterliegen wie etwa Werksärztinnen oder Betriebsärzte. Auch die Schwerbehindertenvertretung (SBV) biete sich an.

Für Vertrauenskultur im Betrieb sorgen

„Der Arbeitgeber oder die Arbeitgeberin sollte eine Person beauftragen, die das Vertrauen der Belegschaft genießt“, sagt Gustav Pruß, Referent Internationale Rehabilitation bei der Berufsgenossenschaft Handel und Warenlogistik (BGHW) und Geschäftsführer des Vereins der zertifizierten Disability-Manager Deutschlands (VDiMa). Eine gute Ansprechperson könne der oder die Beauftragte des Betrieblichen Eingliederungsmanagements (BEM) sein.

Die Lösung sieht Pruß vor allem in einer Betriebsvereinbarung. Auch Unternehmen ohne Betriebsrat können eine entsprechende Eingliederungsvereinbarung aufsetzen. Sie dient als Fahrplan und regelt, wer für was verantwortlich ist und wie Eingliederungsverfahren im Unternehmen konkret aussehen.

Kleinere Betriebe können auf externe BEM-Expertise zurückgreifen, rät Pruß. Wenn Beschäftigte nicht arbeitsunfähig sind, aber Unterstützung benötigen, könne man den Arbeitsplatz auch im Rahmen einer individuellen psychischen Gefährdungsbeurteilung betrachten und konkrete Schlüsse zur gesundheitlichen Anpassung des individuellen Arbeitsplatzes ziehen.

So können Sicherheitsbeauftragte unter­stützen

  • Mit ein Auge darauf haben, dass die Bedarfe von chronisch Erkrankten im Joballtag berücksichtigt werden
  • Bei Rundgängen durch den Betrieb Kolleginnen und Kollegen auf etwaige Unterstützungsmöglichkeiten hinweisen
  • Betroffenen empfehlen, sich an Patientenbeauftragte oder einen Selbsthilfeverband für deren Erkrankung zu wenden, um mehr über den Umgang mit der Krankheit am Arbeitsplatz zu erfahren
  • Betroffene ermuntern, sich an das Betriebliche Eingliederungsmanagement (BEM), den Betriebsarzt oder die Betriebsärztin oder Schwerbehindertenvertretung (SBV) zu wenden
  • Vorgesetzte über externe Hilfestellen wie Integrations­ämter und Unternehmens­verbände informieren

Gemeinsam passende Lösungen finden

Ein Rheuma-Kranker wie Marius Richter etwa könnte sich nach seiner Diagnose zunächst einer Vertrauensperson im Kollegium anvertrauen, später auch Vorgesetzte einbeziehen und Anpassungsbedarf äußern. Gleitzeit würde ihm helfen, da morgens die Beschwerden meist stärker sind, aber auch flexible Arbeitszeiten, um Arzttermine wahrzunehmen. Bei einem Beruf mit anderem Tätigkeitsprofil könnte es Unterstützung durch Technik, Hebehilfen oder eine generelle Arbeitsentlastung sein. Aber: Alle Maßnahmen sollten nur in Absprache mit der betroffenen Person vorgenommen werden, weil jede chronische Erkrankung anders ist. „Kommunikation ist das A und O. Es geht nur miteinander“, so Elling-Audersch. Bei Erkrankungen, die nicht offensichtlich seien, könne man Arbeitgebende nach eigenem Ermessen einbeziehen – und um passende Hilfe bitten.

Klicktipp: Entscheidungshilfe für Betroffene

Die Webseite sag-ichs.de hilft gesundheitlich beeinträchtigten Beschäftigten dabei, einen individuell passenden Umgang mit der Krankheit am Arbeitsplatz zu finden.

Im Mittelpunkt steht also die Vertrauenskultur. Führungskräfte und Sicherheitsbeauftragte sind gefragt, sensibel mit dem Thema umzugehen. Ziel sollte es sein, dass sich Betroffene verstanden fühlen und äußern können, was sie benötigen – ohne alle Details mitzuteilen.