Gesundheitsschutz : Wie Infektionsschutz im Dentallabor gelingt
Handschuhe überziehen, den Metalllöffel samt Gebissabdruck aus dem Plastikbeutel der Zahnarztpraxis nehmen – und mithilfe des Eintauchkorbs in den Behälter mit der Desinfektionslösung legen. Danach muss Denise Köppen, Technische Assistentin im Dentallabor Puchmayr Dentaltechnik in Berlin-Steglitz, eine Minute warten, bevor sie den Abdruck wieder herausnimmt, kurz abspült und mit einem Papiertuch trockentupft. Fertig. Jetzt können die Zahntechnikerinnen und Zahntechniker im Laborbereich mit dem Werkstück arbeiten, ohne dass davon eine Infektionsgefahr ausgeht.
„Zugegeben, besonders spektakulär klingt es nicht“, sagt Geschäftsführer und Diplom-Ingenieur Oliver Puchmayr über den Ablauf, den alle Abdrücke, Prothesen, Schienen oder Implantate durchlaufen, die von einer der mehr als 50 Partner-Zahnarztpraxen geliefert werden. „Aber die Desinfektion ist ein unerlässlicher Arbeitsschritt, um gesundheitliche Risiken zu vermeiden.“ Denn die Materialien haben sich zuvor im Mund von Patientinnen oder Patienten befunden und könnten mit Mikroorganismen belastet sein – also über Blut- oder Speichelreste Krankheitserreger transportieren.
Infektionsgefahr durch Biostoffe kennen und vermeiden
„Infektionserreger sind Mikroorganismen wie Bakterien, Viren, Pilze oder Parasiten, vor denen Beschäftigte bei der Ausübung ihrer Tätigkeiten nach der Biostoffverordnung durch entsprechende Maßnahmen geschützt werden müssen“, führt Dr. Annette Kolk vom Institut für Arbeitsschutz der DGUV (IFA) aus. Dafür werden Biostoffe vier Risikogruppen zugeordnet. Stoffe der Gruppen drei und vier bergen schwerwiegende gesundheitliche Risiken, sodass mit ihnen nur eigens geschultes Personal in abgetrennten Bereichen mit speziellen Luftfiltersystemen und strenger Schutzausrüstung arbeiten darf.
„Im Dentallabor ist vor der Desinfektion von einer Infektionsgefahr auszugehen, die Schutzmaßnahmen entsprechend Schutzstufe zwei erfordert“, so Kolk. Für diesen Arbeitsbereich ist eine Gefährdungsbeurteilung durchzuführen, entsprechende Maßnahmen zur Vermeidung einer Infektionsgefährdung festzulegen und deren Wirksamkeit schriftlich zu dokumentieren. So legt es die Technische Regel für Biologische Arbeitsstoffe im Gesundheitswesen und der Wohlfahrtspflege (TRBA 250) fest. Aus der Gefährdungsbeurteilung werden dann die Arbeitsanweisungen für Beschäftigte in Form eines Hygieneplans abgeleitet.
Für Infektionsschutz ist Hygieneplan unerlässlich
„Der Plan ist gut sichtbar am Desinfektionsplatz angebracht“, erklärt Puchmayr. Die Berufsgenossenschaften bieten als Hilfestellung Vorlagen zum Download an. Im Plan wird das zu nutzende Desinfektionsmittel notiert, die benötigte Konzentration vermerkt und wie lange es den Abdruck bedecken muss, um zu wirken. Im Plan steht auch, wer von den 30 Beschäftigten des Dentallabors den Vorgang – nach einer praktischen Unterweisung und ausschließlich am Desinfektionsplatz – durchführt.
Zwar sollten die eingehenden Materialien zuvor von den Praxen bereits desinfiziert worden sein, darauf verlassen dürfen sich Dentallabore aber nicht. „Sicheres und sauberes Arbeiten am Desinfektionsplatz gewährleistet sicheres Arbeiten an den Laborarbeitsplätzen“, so Puchmayr, und Expertin Kolk erinnert: „Desinfektion ist die einzige Maßnahme, die Biostoffe endgültig außer Kraft setzt.“ Nach der Desinfektion und im restlichen Laborbereich entspricht die Gefährdungslage durch Biostoffe dann der Schutzstufe eins. Es gelten mindestens die allgemeinen Hygienemaßnahmen für den Umgang mit Biologischen Arbeitsstoffen. Zwar entsprechen die Tätigkeiten im Dentallabor eher denen in feinmechanischen Werkstätten als klassischer Laborarbeit, aber auch hier gehört Hygiene zum Arbeitsschutz dazu.
Grundlagen im Infektionsschutz
Neben aufmerksamen und aufgeklärten Mitarbeitenden braucht es klare Regelungen im Betrieb: Betriebsanweisungen, regelmäßige Unterweisungen, Hygiene-, Reinigungs- und Desinfektionspläne. Festzulegen sind:
- die hygienische Reinigung oder ggf. Desinfektion mit beim VAH (Verbund für Angewandte Händehygiene und Hautschutz) gelisteten Mitteln von Räumen, Arbeitsplätzen und/oder -materialien
- Verbund für Angewandte Hygiene: vah-online.de
- Maßnahmen und Mittel für Händehygiene und Hautschutz
- der korrekte Umgang mit infektiösem Material oder Biostoffen gemäß der Unterweisung
- der Schutz vor Verletzungen, zum Beispiel Schnitte oder Stiche durch Arbeitsmittel wie Nadeln
- die Nutzung von persönlicher Schutzausrüstung
- ein betrieblicher Notfallplan
Klicktipp: Infektionsschutz, Biostoffe, Hygiene: Wie sich Infektionen vorbeugen lässt
Im Dentallabor braucht es auch Schutz vor Gefahrstoffen
Das weiß auch Laborleiter Marvin Soost, der zugleich Sicherheitsbeauftragter ist: „Im Laborbereich selbst fällt zwar keine Arbeit mit infektiösen Stoffen an, dafür aber mit Gefahrstoffen. Stäube, Säuren, Acrylate, also Kunststoffe, Lösungs- oder Reinigungsmittel werden in der täglichen Arbeit benutzt.“ Deshalb wird an den Arbeitsplätzen auch nicht gegessen oder getrunken. Die Oberflächen sind einfach zu reinigen, es gibt Handwaschplätze und Handdesinfektionsmittelspender, und es stehen Masken, Schutzhandschuhe und -brillen zur Verfügung.
Apropos Gefahrstoffe: „Auch Desinfektionsmittel zählen dazu. Daher ist gemäß Gefahrstoffverordnung für die Eingangsdesinfektion eine Gefährdungsbeurteilung nötig. Daraus ergeben sich Maßnahmen, es wird Schutzausrüstung gestellt und Unterweisungen finden statt“, so Soost. Aufgrund seiner Doppelfunktion hat er nicht nur einen geschulten Blick für Sicherheitsfragen, sondern trägt tatsächlich Verantwortung dafür und führt selbst Unterweisungen durch.
Sicherheitsbeauftragter im Dentallabor: Kommunikation auf allen Ebenen
Dank seiner fachlichen Expertise kann er Anregungen, die er als Sibe aus dem Team bekommt, an den Chef weitertragen und wenn möglich auch in die Tat umzusetzen. „Wenn Kolleginnen oder Kollegen beispielsweise mit ihrer persönlichen Schutzausrüstung nicht zurechtkommen, kümmere ich mich um Alternativen.“
Trotzdem tauscht sich Soost auch mit Geschäftsführer Oliver Puchmayr regelmäßig aus. Einmal pro Woche besprechen die beiden, wo es gegebenenfalls Verbesserungsmöglichkeiten im Arbeitsablauf oder auch in Sicherheitsfragen gäbe. Um dabei den konkreten Input der Mitarbeitenden aufzugreifen, findet jeden Morgen eine kurze Besprechungsrunde mit der gesamten Belegschaft statt. Welche Aufträge stehen heute an, gibt es Fragen oder Probleme, hat jemand etwas auf dem Herzen?
Einmal im Monat kommt für diese Runde eine Gebärdendolmetscherin oder ein -dolmetscher ins Labor. Puchmayr erklärt: „Um sicherzugehen, dass auch unsere vier gehörlosen Mitarbeitenden immer über alles informiert sind.“ Häufiger braucht es die Unterstützung nicht, in der Regel laufen Absprachen gut über Lippenlesen, Gestik und Mimik. Die vier seien nicht nur eine fachliche Bereicherung, so Puchmayr, dank ihnen seien auch im Arbeitsablauf Verbesserungen entstanden. „Wir kommunizieren jetzt alle aufmerksamer und achten verstärkt darauf, was wie relevant ist und deshalb explizit besprochen oder verschriftlicht werden muss.“
Im Vordergrund steht visuelle und verständliche Kommunikation. Soost ergänzt: „Aufmerksam zu sein und ein respektvoller und lösungsorientierter Austausch sind uns mit allen Mitarbeitenden wichtig. Alle sollen sich ernst genommen fühlen.“ Und ihn jederzeit ansprechen können. Das rät er Sibe für die Ausübung ihres Ehrenamtes auch branchenübergreifend: Präsenz zeigen, zuhören, ein Vorbild sein, Kritik und Hinweise sachlich annehmen. Er selbst weist aber auch darauf hin, wenn etwa Hygienevorschriften oder das Tragen von PSA vernachlässigt werden. Er achtet auch auf sachgemäße Anwendung von Arbeitsmitteln und Maschinen.
Risikogruppen biologischer Arbeitsstoffe
Je nach Infektionsrisiko, das von Biostoffen ausgeht:
Gruppe 1
- Unwahrscheinlich, dass sie beim Menschen Krankheiten hervorrufen, zum Beispiel Milchsäurebakterien, Hefepilze.
- Wo? Bspw. Landwirtschaft, Gartenbau, Bäckereien, Molkereien, Gesundheitswesen
Gruppe 2
- Können Krankheiten beim Menschen hervorrufen und eine Gefahr für Beschäftigte sein; eine wirksame Vorbeugung oder Behandlung ist normalerweise möglich, zum Beispiel Salmonellen, Influenza-Viren.
- Wo? Bspw. Labore, Veterinärbereich, Schlachtbetriebe, Gesundheitswesen bei Tätigkeiten mit Kontakt mit Blut und Sekreten
Gruppe 3
- Können schwere Krankheiten beim Menschen hervorrufen und eine ernste Gefahr für Beschäftigte sein; eine wirksame Vorbeugung oder Behandlung ist normalerweise möglich, etwa Milzbrand, Hepatitis oder HIV.
- Wo? Bspw. Isolierstationen, mikrobiologische Speziallabore, Tierseuchenbekämpfung,
Entsorgung
Gruppe 4
- Wie 3, doch ist eine wirksame Vorbeugung oder Behandlung normalerweise nicht möglich, etwa Verbreitung von Ebola.
- Wo? Bspw. Hochsicherheitslabore, spezielle Forschungseinrichtungen
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Auch alle anderen Gefahrenquellen kennen
Im Gipsraum zum Beispiel, wo aus den desinfizierten Gebissabformungen Gipsmodelle erstellt werden, schützen zwar Feinstaubpartikelfilter und Absauganlagen gegen Stäube. Um auf Nummer sicher zu gehen, sollten Beschäftigte dennoch Schutzbrille und Handschuhe tragen, sowie Gehörschutzstöpsel gegen die Lärmbelastung. „Für ihre jeweiligen Tätigkeiten müssen die zuständigen Mitarbeitenden gut eingewiesen sein, um eventuelle gesundheitliche Risiken zu vermeiden“, erklärt Martin Bachem, Referent im Fachkompetenzcenter Gefahrstoffe der BG ETEM. Vom Abdämpfer, mit dem Modelle von Staubresten befreit werden, gehen beispielsweise Verbrennungsgefahren aus.
Moderne 3-D-Drucker, die Gebissmodelle herstellen, arbeiten wiederum mit Polymeren. Das sind chemisch hergestellte Kunststoffe, die bei Hautkontakt zu gesundheitsschädlichen Reaktionen führen können. „Beim Desinfizieren ist auf das korrekte Mittel zu achten. Denn für die Eingangsdesinfektion braucht es ein anderes Mittel als für die Oberflächenreinigung oder die Händehygiene“, so der Experte weiter. Auch für die Lagerung und Entsorgung von Desinfektionsmitteln gibt es Vorschriften, um -Sicherheit zu gewährleisten.
Auch die Zufriedenheit im Team stärkt die Gesundheit
Für Geschäftsführer Oliver Puchmayr gehört zu sicherem und gesundem Arbeiten auch die Zufriedenheit im Team. Um bestmögliche Arbeitsbedingungen zu ermöglichen, tauscht er sich einmal im Jahr mit zwölf anderen Laboren zu neuen Technologien, Materialien, Werkzeugen und Maschinen aus. Gleichzeitig will er als gutes Beispiel vorangehen und teilt dort eigene Erkenntnisse aus dem Arbeitsalltag.
Auch Soost bespricht mit Sibe aus anderen Dentallaboren immer wieder die Optimierung von Arbeitsabläufen und Sicherheitsfragen, um selbst Veränderungen anstoßen zu können. Dank neuer Technologien wie dem 3-D-Druck oder dem automatisierten Fräsen von Implantaten ist es den Beschäftigten etwa möglich, mehr Zeit für Feinarbeiten wie das Modellieren und die Zahnfarbanpassung zu nutzen. Diese teils schon kunstfertigen Arbeitsschritte zeichnen das Handwerk der Zahntechnikerinnen und Zahntechniker aus, viele sind stolz darauf. „Und zusätzlich“, merkt der Sicherheitsbeauftragte an, „fördert das ausgewogene Arbeitstempo auch die Arbeitssicherheit.“
